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27.04.2014

12:55 Uhr

Der Boxkampf von Oberhausen

Kampf der Verlierer

VonOliver Stock

Wenn die Politik wie gestern Abend in Oberhausen in den Boxring steigt, kann das nur mit einem K.o enden. Die Brüder Wladimir und Vitali Klitschko haben ihrem Land keinen Gefallen getan.

Wladimir Klitschko winkt mit einem ukrainischen Fähnchen. dpa

Wladimir Klitschko winkt mit einem ukrainischen Fähnchen.

DüsseldorfWas für ein Bluff! Da läuft über Wochen eine gigantische Kampagne, in der ein Boxkampf zur Schlacht um ein gedemütigtes Land aufgeblasen wird: Klitschko gegen Leapai. Dass es Wladimir Klitschko ist, der da gestern Abend in der Oberhausener Arena vor 12.000 Zuschauern kämpfte, und nicht sein in der Ukraine politisch engagierter Bruder Vitali – das haben wir einfach mal nicht so genau genommen.

Dass der unbedarfte Herausforderer Alex Lepai ein Australier ist, der höchstwahrscheinlich bis gestern gar nicht wusste, wo die Ukraine liegt – auch egal. Hauptsache die Story stimmt, und mit der Stimmung steigen die Eintrittspreise.

Und dann legen die beiden einen Kampf hin, der an sportlicher Langeweile nicht zu überbieten ist, in dem der eine gerade mal als lebendiger Sandsack des anderen taugt, und der nach gefühlten 15 Minuten mit dem K.o. des Australiers endet, der nicht mal den Hauch einer Chance hatte. „Wladimir ist der Beste und deshalb Weltmeister“, befand Leapai, der mit einer Entourage von 25 Personen, zum Teil in der luftigen Landestracht seines Geburtslandes Samoa gekleidet, angereist war. Kurz vor 2.00 Uhr morgens trottete er im weißen Trainingsanzug nach der Pressekonferenz zum Ausgang der Halle hinaus in den Regen. So leichtes Spiel hatte Klitschko, nach eigenen Worten noch immer „hungrig auf Erfolg“, selten.

Fragen und Antworten zur Krise in der Ostukraine

Welche Seiten stehen sich gegenüber?

Nach langem Zögern hat Interimspräsident Alexander Turtschinow einen „Anti-Terror-Einsatz“ zum Schutz der Bevölkerung angeordnet. Schwer bewaffnete Einheiten sollen auf die von Separatisten kontrollierte Stadt Slawjansk vorrücken. Dort halten martialisch gekleidete und mit Sturmgewehren ausgerüstete Aktivisten strategisch wichtige Punkte besetzt. Die Behörden berichten von mindestens acht Verletzten bei Schusswechseln. Auch in anderen Großstädten im Gebiet nahe der Grenze zu Russland sind prorussische Kräfte im Einsatz. Von einer sehr angespannten Lage sprechen Experten der Vereinten Nationen.

Wie verhält sich die Bevölkerung zu den Separatisten?

Viele Menschen in der Ostukraine lehnen die prowestliche Regierung in Kiew eindeutig ab. Sie fürchten, dass die Führung um Ministerpräsident Arseni Jazenjuk unter dem Einfluss nationalistischer Gruppen ihre Interessen absichtlich missachtet. Auch viele Berichte Moskauer Staatssender schüren Ängste, dass Rechtsradikale aus dem Westen Jagd auf die russischstämmige Mehrheit machen wollten. Unklar ist, wie groß der tatsächliche Rückhalt der Aktivisten ist. In einigen Orten sollen Separatisten mangels Unterstützung wieder abgezogen sein.

Wer steckt hinter den Unruhen?

Für die jüngste Eskalation werden russische Geheimdienstler und Freischärler von der Krim verantwortlich gemacht. Experten verweisen auf die professionelle Ausrüstung und das planmäßige Vorgehen der „grünen Männchen“. Auch ein UN-Bericht weist darauf hin, dass russische Agenten hinter der Eskalation stecken könnten. Das sollen auch Gesprächsmitschnitte belegen, die der Geheimdienst in Kiew veröffentlichte. Eindeutige Beweise gibt es jedoch nicht, Russland dementiert die Vorwürfe strikt. Ebenso unbewiesen sind Vorwürfe, dass der reichste Mann der Ukraine, Rinat Achmetow, und Alexander Janukowitsch, Sohn des geflüchteten Ex-Präsidenten Viktor Janukowitsch, die Proteste lenken.

Was fordern die Separatisten?

In erster Linie ein Referendum. Allein: Die Fragestellung eines solchen Volksentscheids ist völlig offen. Mal soll es um eine weitreichende Föderalisierung der Ukraine gehen, mal um die Unabhängigkeit von Kiew. Teils wird auch der Anschluss an Russland gefordert. Einig sind sich die Aktivisten in der Ablehnung der Regierung in Kiew und der Präsidentenwahl am 25. Mai.

Was bietet Kiew dem Osten?

Wochenlang ließ sich kaum ein Mitglied der Führung im Osten blicken. Nun kann es mit Vorschlägen nicht schnell genug gehen. Interimspräsident Alexander Turtschinow und Regierungschef Arseni Jazenjuk stellen Verfassungsänderungen in Aussicht mit einer Dezentralisierung der Machtbefugnisse. Damit erhielten die russisch geprägten Gebiete mehr Freiheiten in der Steuer- und Wirtschaftspolitik. Es fehlt jedoch an konkreten Angeboten. Turtschinow sprach auch von der Möglichkeit eines landesweiten Referendums zeitgleich mit der Präsidentenwahl am 25. Mai. Auch hier fehlt es an einer konkreten Fragestellung.

Ist die Präsidentenwahl gefährdet?

Ja. Viele Menschen in der Ostukraine lehnen die Wahl als illegal ab - und folgen damit der Linie Russlands und des gestürzten Präsidenten Janukowitsch. Kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen oder ruft die Regierung den Ausnahmezustand aus, könnte wohl kaum von einer freien und fairen Wahl die Rede sein. Zudem wäre die Legitimität des neuen Präsidenten sofort infrage gestellt, vor allem von russischer Seite.

Welche Interessen verfolgt Russland?

Moskau habe kein Interesse an einer Eingliederung der Süd- und Ostukraine, betont Außenminister Sergej Lawrow. Mit den Maskierten und Bewaffneten habe Russland nichts zu tun, es handele sich um „friedliche Demonstranten“. Doch der Kreml fordert weitreichende Verfassungsänderungen und eine Föderation. Russisch müsse zweite Amtssprache werden. Zugleich hält Russland eine Drohkulisse mit angeblich Zehntausenden Soldaten an der ukrainischen Grenze aufrecht. Kremlsprecher Dmitri Peskow betont, Präsident Putin habe bereits unzählige Briefe mit Bitten um Hilfe erhalten.

Veranstalter und Sportler haben bis dahin alles getan, um ihren Sport, so gut es geht, zur politischen Abrechnung zu überhöhen: Bruder Vitali reist aus der Ukraine herüber, um im roten Trainingsanzug als politisches Mittelgewicht dem Kampf im Ring eine patriotische Note zu verleihen. Der fast 43 Jahre alte Vitali sagt Sätze wie: „Ich wünsche mir, in einem freien europäischen Land zu leben, in dem keiner Angst zu haben braucht“, und: „Ich stehe nur noch im Ring, um meinem Bruder zu helfen. Der Kampf um Demokratie in der Ukraine ist viel wichtiger für mich.“

Schwägerin Natalie tritt vor einer riesigen ukrainischen Flagge auf und schluchzt die Nationalhymne. Der Sender RTL, der den Kampf live überträgt, funkt an rund 8,6 Millionen Zuschauer Ukraine-Bilder im Wechselspiel mit Sport und – klar – maximaler Werbeauslastung.

Das ganze funktioniert besonders gut in einer Sportart, die wie keine andere dem Kampf mit Blut, Schweiß und Tränen huldigt. In der verschiedene Verbände seit Jahrzehnten um Einfluss ringen, ohne dass es jemals gelungen wäre, eine nachvollziehbare Wertung und Rangliste aufzustellen. Und die deswegen seit mehr als 15 Jahren vom Namen Klitschko beherrscht wird, ohne dass ein ernstzunehmender Herausforderer in Sicht ist.

Zugegeben: Es ist naiv zu glauben, dass Sport und Politik getrennte Systeme sind. Die beiden sind vielmehr so etwas wie zweieiige Zwillinge: Sie sehen unterschiedlich aus, aber stammen doch auch einer Familie. Sie kämpfen für ein Ziel, das heißt, erfolgreicher zu sein als der Gegner. Und wenn der politische Zwilling mit seinem Latein am Ende ist, dann muss wenigstens der sportliche Zwilling beweisen, welche Kraft in ihm steckt.

Aber wenn die Politik zum Boxkampf degradiert und der Boxkampf zum Überlebenskampf eines Landes hochstilisiert wird – dann ist etwas gründlich schief gegangen. Dann missbraucht der eine den anderen und keiner kann gewinnen.

Der Sportler nicht, der in Wahrheit nicht sein Land verteidigt, sondern nur ein Turnier für sich entscheiden will. Und der Politiker nicht, der den sportlichen Erfolg sowieso nicht in einen politischen Vorteil ummünzen kann. Der Boxkampf von Oberhausen: Es war eine Show der Verlierer.

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