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06.08.2012

16:34 Uhr

Der Kampf in Syrien

Das Feld um Assad lichtet sich

Der syrische Regierungschef Hidschab flieht vor dem "mörderischen Regime" nach Jordanien. Ein Absprung eines Top-Funktionärs, der das Regime in Damaskus weiter schwächt. Doch ist Assad deshalb schon am Ende?

Der ehemalige syrische Regierungschef Riad Hidschab (links) und Syriens Präsident Baschar al-Assad. dpa

Der ehemalige syrische Regierungschef Riad Hidschab (links) und Syriens Präsident Baschar al-Assad.

Damaskus/Kairo/Dubai/Istanbul/BeirutAls Landwirtschaftsminister Riad Hidschab im Juni dieses Jahres zum Ministerpräsidenten Syriens ernannt wurde, merkte kaum jemand auf. Kommentatoren beschrieben den 46-Jährigen als treuen Diener des Regimes, als farblosen Apparatschik und grauen Karrieristen. In der Nacht zum Montag schlich sich der Sunnit aus der nordöstlichen Provinz Deir as-Saur mit seiner Familie und einigen Begleitern über die grüne Grenze zum südlichen Nachbarn Jordanien.

Regierungschef Riad Hidschab hat sich nach Jordanien abgesetzt. dpa

Regierungschef Riad Hidschab hat sich nach Jordanien abgesetzt.

Dort verlas sein mit ihm geflohener Sprecher Mohammed al-Ottri in seinem Namen eine Erklärung, mit der der aufsehenerregende Schritt so begründet wurde: „Ich gebe hiermit bekannt, dass ich mich vom mörderischen und terroristischen Regime abgewandt und mich der Revolution der Freiheit und Würde angeschlossen habe.“ Zum Überlaufen habe er sich bereits vor mehr als zwei Monaten entschlossen. Bei der Flucht half die Freie Syrische Armee (FSA). Diese Militärformation der Regimegegner besteht vor allem aus Deserteuren der regulären Armee.

Treffen die Behauptungen aus dieser Erklärung zu, dann hat sich Hidschab bereits in etwa jener Zeit zu Flucht und Fahnenwechsel entschlossen, als er vom Minister zum Regierungschef aufstieg. Als Herr über das Agrarressort war er für niemandes gewaltsamen Tod verantwortlich. Als Ministerpräsident saß er dagegen am oberen Ende des Kabinettstisches und war - wenn auch nur rein formal - den Ministern für Inneres und Verteidigung vorgesetzt, deren Soldaten und Geheimagenten täglich Dutzende Menschen töten.

Regionale Player im Syrien-Konflikt

Israel

Ein Einsatz syrischer Massenvernichtungswaffen ist ein Alptraum für Israel, das dem Konflikt bisher eher als Beobachter beiwohnte. Jetzt warnt Jerusalem laut davor, dass Assads Chemie- und Flugabwehrwaffen in die Hände der Hisbollah oder Al-Kaidas fallen könnten. Positiv wäre für Israel, dass sein Erzfeind Iran mit Assad seinen wichtigsten Stützpfeiler in der Region verlieren würde. Mit Assad könnte Israel allerdings auch einen Nachbarn verlieren, der für weitgehende Ruhe an der gemeinsamen Grenze gesorgt hat.

Saudi Arabien und Katar

Die sunnitischen Herrscher vom Golf unterstützen in Syrien - wie schon zuvor in Libyen - die islamisch-konservativen Kräfte. Und versuchen, einen Verbündeten ihres Erzfeindes Iran zu schwächen. Daheim können sie sich so als Unterstützer der Revolution präsentieren, ohne Protesten Vorschub zu leisten. Damaskus will in Saudi-Arabien und Katar die Urheber des „Komplotts“ gegen sich identifiziert haben.

Türkei

Das Nato-Mitglied ist seit langem einer der schärfsten Kritiker des syrischen Regimes. Weiter verschärft wurde das Verhältnis Ende Juni durch den Abschuss eines türkischen Kampfflugzeuges vor der syrischen Küste. Regierungschef Recep Tayyip Erdogan sagte dem syrischen Volk daraufhin Unterstützung bis zur Befreiung von „Diktator“ Assad zu, bei weiteren Zwischenfällen werde sein Land mit Gewalt zurückschlagen. Ein Teil des Nachschubs der syrischen Rebellen wird durch die Türkei geschleust, die allerdings offiziell keine Waffen liefert.

Libanon

Das westliche Nachbarland Syriens ist zerrissen - eine gefährliche Lage. Die Sunniten im Libanon stehen mehrheitlich auf der Seite der syrischen Opposition, die zum Großteil ebenfalls aus Sunniten besteht. Über die Grenze werden auch Waffen geliefert. Die schiitische Hisbollah-Miliz hingegen, die in Beirut in der Regierung sitzt, ist mit dem Assad-Regime verbündet. Die Waffen, mit denen sie ihre Herrschaft sichert, kommen aus Damaskus. Seit einigen Wochen gibt es im Libanon Auseinandersetzungen zwischen pro- und anti-syrischen Gruppierungen, dabei gab es auch Tote.

Iran

Aus iranischer Sicht darf das syrische Regime keinesfalls fallen. Im Frühjahr erklärte Präsident Mahmud Ahmadinedschad, er kenne keine Grenzen bei seiner Unterstützung für Präsident Assad. Angeblich schickte Teheran Militärberater und Kämpfer. Ohne Assads Regime würde es für den Iran schwerer, die eigene anti-israelische Ideologie zu verbreiten. Auch die pro-iranischen Milizen, besonders die Hisbollah in Libanon, würden geschwächt. Zuletzt bestätigte der Iran Gespräche mit Regimegegnern in Syrien und brachte sich als Vermittler ins Gespräch.

Al-Kaida

Das Terrornetzwerk Al-Kaida versucht einmal mehr, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Die Terroristen wollen sich als Speerspitze der Revolution präsentieren und das anschließende Tohuwabohu für ihre Zwecke nutzen.

Die Mitsprache des syrischen Regierungschefs beim Feldzug des Assad-Regimes gegen die eigene Bevölkerung ist minimal. Zivile Bereiche hat die Regierung auch kaum mehr welche zu verwalten: außer der Hauptstadt Damaskus, etwa halb Aleppo und jener Landgebiete, in denen eben Militär stationiert ist, kontrolliert sie nicht viel. Rein operativ ist der Verlust des Ministerpräsidenten für das Regime leicht zu verschmerzen.

Doch psychologisch ist Hidschabs „Verrat“ ein bitterer Wermutstropfen für das Regime. Nach Hunderten von Offizieren, acht Diplomaten und vier Parlamentsabgeordneten ist er ein besonders prominentes Beispiel dafür, dass hohe Funktionäre einem verbrecherischen Regime nicht unbedingt die Treue halten müssen. So heißt es in der verlesenen Erklärung: „Heute ist in der Person des Ministerpräsidenten ein hochrangiger Funktionär übergelaufen. Damit habt Ihr, die Ihr niedrigere Ränge bekleidet, keine Entschuldigung mehr, dem Regime gegenüber loyal zu bleiben.“

Assads Macht wird mit jedem dieser Rückschläge beschädigt. Der Zeitpunkt des Zusammenbruchs des Regimes lässt sich dennoch nicht vorhersagen. Denn so spektakulär der eine oder andere Absprung auch sein mag - Assad verliert derzeit vor allem den Rückhalt der Sunniten, wie auch Hidschab einer ist. Ein kürzlich desertierter hochrangiger Offizier sagte der Nachrichtenagentur dpa am Montag in Istanbul, bisher seien schätzungsweise mehrere hundert sunnitische Offiziere desertiert und nur drei Alawiten und fünf Angehörige anderer religiöser Minderheiten.

Die sunnitischen Muslime stellen mehr als 60 Prozent der Bevölkerung, im Militärapparat allerdings nur 4000 der insgesamt 33 000 Offiziere. Der Assad-Clan und die Spitzen des Regimes gehören der schiitischen Strömung der Alawiten an, während die meisten Aufständischen Sunniten sind. Selbst die prominenteren Überläufer - wie etwa der vor einem Monat abgesprungene frühere Assad-Freund und General Manaf Tlass, auch er ein Sunnit - verstärken wohl nur die konfessionelle Spaltung im Land.

Von

dpa

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