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29.08.2014

17:06 Uhr

Der Nahe Osten in Aufruhr

Die Sehnsucht nach dem Despoten

VonDésirée Linde

Kämpfe in Libyen, Vormarsch der IS-Miliz im Irak und in Syrien: Der Nahe Osten brennt. Und schon erscheinen Ex-Despoten wie Saddam Hussein als kleineres Übel. Manche träumen schon vom „virtuosen Autokraten“.

Blutig, aber stark: Die starke Hand der Diktatoren im Nahen Osten – hier ein Bild des exekutierten irakischen Diktators Saddam Hussein – sorgten für Schrecken, Unterdrückung, aber relative Stabilität. ap

Blutig, aber stark: Die starke Hand der Diktatoren im Nahen Osten – hier ein Bild des exekutierten irakischen Diktators Saddam Hussein – sorgten für Schrecken, Unterdrückung, aber relative Stabilität.

Der Traum von der Demokratie scheint in der arabischen Welt vorerst ausgeträumt. Im Irak ist die radikale IS-Islamistenmiliz dabei, ein Kalifat zu errichten, in Ägypten regiert nach dem Militärherrscher Mubarak und einem kurzen Intermezzo des Muslimbruders Mursi nun wieder das Militär.

An der Spitze steht ein autokratischer Herrscher: General al-Sisi, der rigoros gegen Kritiker vorgeht und die Opposition massiv unterdrückt. In Syrien herrscht seit mehr als drei Jahren Bürgerkrieg, auch Libyen erlebt die schlimmste Gewaltwelle seit dem Sturz von Diktator Muammar al-Gaddafi.

Kommt jetzt das Comeback der Diktatoren? Angesichts der gewaltsamen Auswüchse im Irak, dem Chaos in Libyen und Syrien sowie der Militärdiktatur in Ägypten mögen Mubarak, Gaddafi und Saddam manchem stabilitätsorientierten Zyniker fast als die kleineren Übel erscheinen.

Der IS-Siegeszug – Chronik Teil 1

6. Januar 2014

Im Irak und in Syrien dehnt die Miliz Islamischer Staat (IS) ihr Terrorregime auf immer mehr Orte aus. IS gewann 2013 an Einfluss, als der Streit der von Schiiten dominierten irakischen Regierung mit sunnitischen Parteien eskalierte. Am 6. Januar besetzen IS-Rebellen Falludscha in der Provinz Anbar.

21. März 2014

IS liefert sich in der Provinz Dijala Kämpfe mit der Armee.

11. April 2014

Vor Gefechten in Anbar fliehen mehr als 400.000 Menschen.

10. Juni 2014

IS-Kämpfer nehmen Mossul ein. Im türkischen Konsulat werden fast 50 Geiseln genommen. Dazu kommen über 30 entführte türkische Lastwagenfahrer. Rund 500.000 Einwohner der Millionenstadt fliehen.

11. Juni 2014

IS kontrolliert weite Teile des Iraks. Dazu gehören Ninive, Anbar und Salaheddin mit den wichtigen Städten Baidschi und Tikrit.

12. Juni 2014

IS rückt weiter Richtung Bagdad vor. Regierungschef Nuri al-Maliki scheitert im Parlament mit dem Versuch, den Notstand ausrufen zu lassen.

13. Juni 2014

US-Präsident Barack Obama schließt ein Eingreifen von US-Bodentruppen aus, Washington bereite „andere Optionen“ vor. Auch Irans Präsident Hassan Ruhani sichert der schiitischen Regierung des Iraks Solidarität im Kampf gegen sunnitische Terroristen zu.

15. Juni 2014

Nachdem irakische Armee und kurdische Peschmerga-Kämpfer den Vormarsch der Dschihadisten gebietsweise stoppen konnten, führt IS den Kampf mit Videos und Fotos grausamer Exekutionen auch im Internet.

20. Juni 2014

Zweieinhalb Jahre nach Ende des Irak-Kriegs bereiten sich die USA auf neue Militärschläge im Land vor. Luftangriffe gegen IS-Rebellen sind nicht mehr ausgeschlossen. Außerdem seien die USA bereit, bis zu 300 Militärberater ins Land zu schicken.

24. Juni 2014

Angesichts des IS-Vormarsches wollen verfeindete Schiiten, Sunniten und Kurden im Irak rasch eine gemeinsame Regierung bilden. Al-Maliki lehnt diese ab und verschärft damit die Krise.

„Nicht alle Autokraten sind schlecht", schrieb auch der US-Publizist Robert Kaplan schon im Jahr 2011 über den Arabischen Frühling und formulierte selbst den Wunsch nach dem „virtuosen Autokraten“. Ein arabisches Phänomen ist diese Regime-Nostalgie nicht: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gab es im Ostblock und in der DDR ebenfalls eine ähnliche posthume Verklärung der Diktaturen.

Der irakische Autor Najem Wali und sein libanesischer Kollege und Politikwissenschaftler Abdel Mottaleb El Husseini benutzen unabhängig voneinander den gleichen Ausdruck, um die Situation in der arabischen Welt zu beschreiben: Chaos oder Diktatur – das sei nicht die Wahl zwischen dem größeren oder kleineren Übel, sondern zwischen Pest und Cholera. Beides sind todbringende Krankheiten. Beide Krankheiten breiten sich dort leicht aus, wo Gewalt, Not und Armut herrschen.

Kommentare (7)

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Herr Illu Minator

29.08.2014, 17:21 Uhr

Diese angebliche Sehnsucht nach einem starken Mann ist natürlich völlig unverständlich, da sich doch unsere lieben Freunde, die Amerikaner, dort vor Ort so hingebungsvoll um Demokratie und Menschenrechte bemühen. Also wirklich, was für eine undankbare Bevölkerung!

Herr Fritz Yoski

29.08.2014, 17:34 Uhr

Die westlichen Demokratisierungsprojekte sind Dank der geballten Kompetenz unserer Polit-Kasper arg ins Stocken geraten. Wie Bush jr. schon sagte, Mission accomplished. Vielleicht sollte man Deutschland in Herford verteidigen anstatt am Hindukusch.

Herr Thomas Melber

29.08.2014, 17:50 Uhr

... und vor allem so nachhaltig erfolgreich!

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