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06.09.2014

13:10 Uhr

„Deutsche Brille“

Gefangen in der eigenen Logik

Da wird getrickst und gelogen: Putin lenkt uns mit Hilfskonvois ab, während er gleichzeitig Waffen in die Ukraine schickt. Assad testet derweil Obamas rote Linie. Deutsche Politiker verstehen oft die Welt nicht mehr.

Die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme wird oft durch den verinnerlichten Wertekanon blockiert. dpa

Die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme wird oft durch den verinnerlichten Wertekanon blockiert.

Berlin Nach mehr als einem halben Jahrhundert Frieden und Wohlstand erscheinen vielen Deutschen die aktuellen Konflikte vom Irak bis in die Ukraine archaisch und irgendwo auch unbegreiflich. Unvernunft, Fanatismus und blindes Machtstreben, wohin man auch blickt. Vielen Politikern geht es ähnlich, vor allem jenen, die in Westdeutschland aufgewachsen sind. Gelegentlich sieht es aus, als verstünden sie die Welt nicht mehr. „Mangelnde Fähigkeit zur Perspektivenübernahme“, heißt das im Fachjargon der Psychologen.

Werden sie von ausländischen Staatschefs angelogen oder von vermeintlichen Verbündeten hintergangen, reagieren deutsche Amtsträger oft fassungslos. Zu den Gesprächen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin über die Krise in der Ost-Ukraine bemerkte Regierungssprecher Steffen Seibert kürzlich spitz: „Man kann nicht übersehen, dass manches, was in Gesprächen angekündigt wurde, nicht umgesetzt wurde.“

Der Sprecher des Außenministeriums, Martin Schäfer, kündigte an, angesichts eines drohenden Rückfalls in Verhaltensmuster aus dem Kalten Krieg wolle das Auswärtige Amt nun darauf hinwirken, „dass endlich Vernunft einkehrt“.

Putin spricht...

über Krieg und Frieden

„Russland hat keine Absicht, Krieg gegen das ukrainische Volk zu führen.“
am 4.3. in einer Pressekonferenz

„Wenn ich will, kann ich in zwei Wochen Kiew einnehmen.“
am 01.09. in einem Telefonat mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, das dieser öffentlich machte. Die russische Seite erklärte im Anschluss, das Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen worden.

über Rüstung

„Die Militarisierung des Weltraums und die US-Stützpunkte in Europa und Alaska, direkt an unserer Grenze, nötigen uns zu einer Reaktion.“
am 10.09. in einer Pressekonferenz

über die Zukunft der Ostukraine

„Russland behält sich das Recht vor, alle vorhandenen Mittel zu nutzen, sollte es in östlichen Regionen der Ukraine zu Willkür kommen.“
am 4. 3. in einer Pressekonferenz

„Diese Gebiete (im Süden und Osten der Ukraine) waren als Neurussland historisch ein Teil des Russischen Reiches. Erst in den 1920er Jahren wurden die Territorien von den Bolschewiken der Ukraine gegeben. Gott weiß warum.“
am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen

„Es müssen umgehend substanzielle inhaltliche Verhandlungen anfangen - nicht zu technischen Fragen, sondern zu Fragen der politischen Organisation der Gesellschaft und der Staatlichkeit im Südosten der Ukraine.“
am 31. 8. vor dem Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe

über die Führung der Ukraine

„In der Ukraine gibt es bislang keine legitime Macht, mehrere Staatsorgane werden von radikalen Elementen kontrolliert.“
am 18. 3. in der Rede an die Nation

„Sind sie da jetzt völlig verrückt geworden? Panzer, Schützenpanzerwagen und Kanonen! (...) Sind sie total bekloppt? Mehrfachraketenwerfer, Kampfjets im Tiefflug! (...) Sind sie dort jetzt völlig bescheuert geworden, oder was?
am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen

über den Westen

„In der Ukraine überschritten die westlichen Partner die rote Linie, verhielten sich grob, verantwortungslos und unprofessionell.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

„Die Vereinigten Staaten dürfen in Jugoslawien, Irak, Afghanistan und Libyen agieren, aber Russland soll es verwehrt sein, seine Interessen zu verteidigen.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

über Russen im Ausland

„Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden die Russen zu einem der größten geteilten Völker der Welt. Millionen von Menschen gingen in einem Land ins Bett und erwachten in einem ganz anderen und wurden zur nationalen Minderheit.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

„Ich glaube daran, dass die Europäer, vor allem aber die Deutschen, mich verstehen werden (...). Unser Land hatte das starke Bestreben der Deutschen nach Wiedervereinigung unterstützt. Ich bin sicher, dass sie das nicht vergessen haben und rechne damit, dass Bürger Deutschlands das Bestreben der russischen Welt, ihre Einheit wiederherzustellen, (...) ebenfalls unterstützen werden.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

„Menschenrechte, Demokratie und Freiheit – wir haben diesen Wertekanon hier in Deutschland schon so verinnerlicht, dass wir manchmal gar nicht mehr nachvollziehen können, wenn andere diese Werte nicht teilen“, stellt der Psychologe Vitalij Spak fest, der Unternehmen, Politiker und Behördenvertreter berät. Der gebürtige Ukrainer rät ihnen, für den Umgang mit Akteuren aus anderen Kulturkreisen ihre Fähigkeit zur Perspektivenübernahme zu schulen.

So mag das Adjektiv „undemokratisch“ in Deutschland als Schimpfwort gelten. In den arabischen Golfmonarchien, über deren Belieferung mit Waffen in Berlin jetzt wieder heftig gestritten wird, kann man damit jedoch keinen Staatschef beleidigen.

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