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11.01.2005

08:02 Uhr

Deutsche Firmen tragen erheblich zur Wirtschaftsleistung der größten Ökonomie Südamerikas bei

Exportboom macht Brasilien attraktiv

VonAlexander Busch

In der deutschen Wirtschaft ist es still geworden um Brasilien – China, Russland und Fernost sind Investoren wichtiger. Zu Unrecht, meint Peter Rösler vom Ibero-Amerika Verein: „Lateinamerika bleibt von strategischer Bedeutung für die deutsche Wirtschaft.“ Außerhalb Europas sei der Kontinent die einzige Weltregion, in der deutsche Unternehmen Schlüsselpositionen in der Industrie besitzen.

SAO PAULO. Das gilt besonders in Brasilien, auf das 42 Prozent aller deutschen Investitionen in Lateinamerika entfallen. Der Großraum um die Metropole São Paulo ähnelt stellenweise einem deutschen Industriegebiet. Bosch und Siemens, Volkswagen und Daimler-Chrysler, BASF und Bayer haben hier Niederlassungen. Laut Deutsch-Brasilianischer Industrie- und Handelskammer gibt es insgesamt 800 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung im Bundesstaat São Paulo. Damit ist die Region weltweit der größte deutsche Industriestandort. Hiesige Firmen erwirtschaften rund fünf Prozent des brasilianischen Bruttoinlandsproduktes (BIP), an der industriellen Wertschöpfung sind deutsche Multis sogar mit 15 Prozent beteiligt. Konzerne aus der Bundesrepublik produzieren inzwischen in Brasilien rund fünf mal so viel wie Deutschland nach Brasilien exportiert.

Und sie produzieren nicht nur, sondern finanzieren aus ihrem Cashflow auch neue Projekte. Diese Re-Investitionen werden bei der Erfassung der deutschen Direktinvestitionen allerdings nicht berücksichtigt. Die Statistiken der brasilianischen Zentralbank, der zufolge Deutschland als Auslandsinvestor vom zweiten auf den siebten Rang abgerutscht ist, lieferten deshalb ein verzerrtes Bild, erklärt Rösler. Denn der Gesamtwert der Re-Investitionen sei höher als das Volumen der akkumulierten Direktinvestitionen aus Deutschland.

Bis vor kurzem konzentrierte sich die größte Wirtschaft Südamerikas noch auf den Binnenmarkt mit seinen 180 Millionen Konsumenten. In den neunziger Jahren erwirtschaftete das Amazonasland weniger als zehn Prozent seines Sozialprodukts mit Exporten. Doch das hat sich geändert: Die Regierung unter Präsident Luiz Inácio Lula da Silva will den Außenhandelsanteil am BIP bis Ende des Jahres auf rund ein Drittel verdoppeln.

Die Chancen, dass das gelingt, stehen nicht schlecht. Denn Brasilien ist einer der wichtigsten globalen Rohstofflieferanten geworden – mit der Agroindustrie und dem Bergbau als dynamischsten Ausfuhrbranchen. Bis auf Öl liefert das Land fast jeden an den Terminmärkten gehandelten Rohstoff – und das meist billiger als die Konkurrenz. Wichtigstes Exportziel war im vergangenen Jahr erstmals China, doch auch die Erholung bei den südamerikanischen Nachbarn wie Argentinien helfen Brasiliens Wirtschaft.

Der Exportboom hat dem Land im vergangenen Jahr ein Wachstum von mehr als vier Prozent beschert. Erstmals seit drei Jahren sinken die Arbeitslosenzahlen, die Kreditvolumen und die Realeinkommen steigen. Dank des Leistungsbilanzüberschusses muss die Wirtschaft des Landes erstmals seit einer Dekade nicht mehr mit Krediten aus dem Ausland am Laufen gehalten werden, sondern kann sich selbst finanzieren. Der flexible Wechselkurs verhindert, dass das Auf und Ab des Dollar ungebremst auf die Konjunktur durchschlägt. Die hohen Zinsen halten die Inflation niedrig, und der radikale Sparkurs der Regierung lässt die hohe Auslandsverschuldung nicht weiter steigen. „Noch nie in den letzten zwanzig Jahren hatte Brasilien so eine gute Chance auf ein anhaltendes Wachstum“, sagt der Ökonom Delfim Netto.

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