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31.08.2014

11:47 Uhr

Deutsche in Afrika

Sultansschädel, Gräber und ein Dampfer

Die deutsche Kolonisierung Ostafrikas begann mit der Expedition eines Privatmannes. Es folgten 30 Jahre Ausbeutung und brutale Unterdrückung. Hat die Kolonialmacht auch Gutes hinterlassen? Eine Spurensuche in Tansania.

Gedenksteine für deutsche Soldaten, die in Ostafrika gefallen sind, auf dem Militärfriedhof in Daressalam in Tansania. dpa

Gedenksteine für deutsche Soldaten, die in Ostafrika gefallen sind, auf dem Militärfriedhof in Daressalam in Tansania.

Daressalam Als im Januar 1919 die Welt neu geordnet wird, überrascht im Versailler Vertrag eine bizarre Klausel: „Der Schädel des Sultans Mkwawa, der aus Deutsch-Ostafrika weggenommen und nach Deutschland gebracht wurde, wird der britischen Regierung übergeben“, heißt es in Artikel 246.

Der stolze Häuptling aus dem heutigen Tansania hatte den deutschen Kolonialherren mit seinen Guerilla-Taktiken lange Widerstand geleistet und der Kaiserlichen Schutztruppe im August 1891 eine empfindliche Niederlage beigebracht: Als 2000 Wahehe-Krieger unter Anführung Mkwawas aus dem Gebüsch stürmten, löschten sie eine ganze Militäreinheit aus. Medien in der Heimat erbosten sich über die „Hiobsbotschaft aus Ostafrika“.

Aber der helle Stern des Stammesfürsten geht in den Folgejahren langsam unter. Krank, verfolgt und verlassen bereitet Mkwawa seinem Leben 1898 per Kopfschuss ein Ende. Als kurz darauf der Feldwebel Johann Merkl die Leiche findet, trennt er den Schädel ab - als Beweis, dass der aufsässige Wahehe-Kämpfer tatsächlich tot ist.

„Endlich! Endlich!“, begeistert sich darauf Magdalene von Prince, die Ehefrau von Merkls Vorgesetztem, in ihrem Tagebuch. „Aus vollem dankbaren Herzen möchte ich es hinausjubeln in alle Welt, die Freudenbotschaft: Mkwawa ist tot!“

Der Schädel wird nach Deutschland gebracht - und verschwindet. Erst 1953 macht sich der damalige Gouverneur von Tanganjika, Sir Edward Twining, in Archiven und Museen auf die Suche nach menschlichen Überresten aus Ostafrika, die ein Schussloch aufweisen. Im Bremer Überlandmuseum wird er fündig. Mkwawa kehrt nach über einem halben Jahrhundert heim.

Was aus den deutschen Kolonien wurde

Große Welt, kleiner Anteil

Das Deutsche Reich besaß vor dem Ersten Weltkrieg Kolonien in Afrika, China und im Pazifik. Die früheren "Schutzgebiete" und ihre Entwicklung in Stichpunkten:

Deutsch-Ostafrika

Heute Tansania, Burundi und Ruanda: deutsche Kolonie seit 1885; mit 995 000 Quadratkilometern größtes deutsches «Schutzgebiet»; Kämpfe von 1914 bis 1918 gegen Briten und Belgier; 1920 Mandat des Völkerbunds und nach 1945 der UN für Ruanda-Urundi an Belgien und für das übrige Gebiet (Tanganjika) an Großbritannien; 1961 Unabhängigkeit von Tanganjika, 1964 zusammen mit Sansibar Gründung Tansanias; Burundi und Ruanda seit 1962 unabhängig.

Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia)

Deutsche Kolonie seit 1884; im August 1915 von der Südafrikanischen Union als Mitglied des britischen Empires erobert; 1920 Mandatsgebiet des Völkerbundes und nach 1945 UN-Treuhandgebiet unter Südafrikas Verwaltung; seit 1990 unabhängig. Ein Teil der (weißen) Bevölkerung ist deutschstämmig und spricht bis heute Deutsch als Muttersprache.

Kamerun

Deutsche Kolonie seit 1884; Anfang 1916 von britischen, französischen und belgischen Truppen erobert, von Großbritannien und Frankreich in Interessensphären aufgeteilt; 1920 Mandatsgebiet des Völkerbunds unter britischer und französischer Verwaltung; nach 1945 als UN-Treuhandmandat; seit 1960 Französisch-Kamerun als Ost-Kamerun unabhängig, 1961 mit dem Süden Britisch-Kameruns verschmolzen, während sich der Norden Britisch-Kameruns Ghana anschloss.

Togo

Deutsche Kolonie seit 1884; im August 1914 von Briten und Franzosen erobert; 1920 unter Aufsicht des Völkerbundes gestellt, von Briten und Franzosen geteilt und getrennt verwaltet; nach 1945 UN-Treuhandgebiet; 1956 Britisch-Togoland an Ghana angegliedert, französischer Teil seit 1960 unabhängige Republik Togo.

Deutsch-Neuginea

Heute nördlicher Teil Papua-Neuguineas (austral. Kontinent): deutsche Kolonie seit 1884/85; umfasste die Admiralitätsinseln, den Bismarck-Archipel, die Inseln Bougainville und Buka sowie das Kaiser-Wilhelm-Land; im September 1914 Eroberung durch Australien; seit 1920 australische Verwaltung des Völkerbundmandats und nach 1945 des UN-Treuhandgebiets; 1975 Unabhängigkeit Papua-Neuguineas.

Marshall-Inseln

Deutsche Kolonie seit 1884/85. Die Inselgruppe in der Südsee nördlich des Äquators fiel im Oktober 1914 an Japan, das 1920 Mandatsmacht wurde; nach dem Zweiten Weltkrieg Verwaltung des UN-Treuhandgebiets durch die USA; 1986 Unabhängigkeit.

Nauru

Deutsche Kolonie seit 1888; 1914 von Australien eingenommen; 1920 britisches Mandatsgebiet unter australischer Verwaltung; nach 1945 UN-Treuhandgebiet; seit 1968 unabhängig.

Kiautschou

Nordostchina: Deutsche Kolonie seit 1897/98, gepachtet von China; 1914 Einnahme der Hauptstadt Tsingtau durch Japan; nach Kriegsende japanische Verwaltung; 1922 Übergabe an China.

Samoa-Inseln

Heute Samoa (Pazifik): deutsche Kolonie seit 1899, von Spanien erworben; umfasste Teile der Inselgruppe mit den Hauptinseln Upolu und Sawaii; im August 1914 von Neuseeland besetzt, das 1920 die Verwaltung des Völkerbundmandats und nach 1945 des UN-Treuhandgebiets erhielt; seit 1962 unabhängig.

Karolinen, Palau und Marianien

(Westpazifik): Deutsche Kolonie seit 1899, von Spanien gekauft; im Oktober 1914 von Japan eingenommen, das 1920 vom Völkerbund die Mandatsmacht erhielt; nach 1945 als UN-Treuhandgebiet unter US-Verwaltung. Die Karolinen sind seit 1990 unabhängig, gehören zu den Föderierten Staaten von Mikronesien und zu Palau. Die Nördlichen Marianen (seit 1978) und Palau (1994) haben jeweils den Status eines mit den USA assoziierten Staates.

„Noch für die heutige Generation ist Mkwawa ein furchtloser Held, der bis zu seinem Tod die Kolonialverwaltung bekämpfte“, sagt die Historikerin Flower Menase vom Nationalmuseum in Daressalam. „Im Geschichtsunterricht wird er als starker Führer porträtiert, der über ausgeklügelte Kampftechniken, eine starke Armee und Waffen verfügte und sich den deutschen Herrschern nicht beugen wollte.“

Die aber bleiben noch weitere 20 Jahre im Land und ziehen erst nach der Kapitulation von Paul von Lettow-Vorbeck am 25. November 1918 aus Ostafrika ab. Der kriegserfahrene Kommandeur der deutschen Schutztruppe hatte im Busch als einer der letzten von der Niederlage des Deutschen Reiches erfahren. Aber was ist geblieben von drei Jahrzehnten deutscher Kolonialzeit? „Gutes und Schlechtes“, bringt es Amandus Kwekason, der seit 22 Jahren am Nationalmuseum als Hauptkurator tätig ist, auf den Punkt.

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