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14.09.2012

22:04 Uhr

Deutsche Vertretung in Khartum gestürmt

Demonstranten attackieren westliche Botschaften

Nach dem Freitagsgebet machen Tausende in islamischen Ländern ihrer Wut über das Antiislam-Video Luft. In Khartum stürmten Demonstranten die deutsche Botschaft, in Tunis gibt es Tote bei der Erstürmung der US-Vertretung.

Deutsche Botschaft im Sudan gestürmt

Video: Deutsche Botschaft im Sudan gestürmt

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TeheranIn der sudanesischen Hauptstadt Khartum sind einige Tausend aufgebrachte Demonstranten auf die deutsche und die britische Botschaft angestürmt. Zeitweise nahmen sie das Gebäude der deutschen Vertretung ein, steckten ein Auto und Mülltonnen in Brand und holten die deutsche Flagge vom Dach. Kurz darauf wurden sie jedoch von der Polizei mit Tränengas wieder aus dem Botschaftsgelände vertrieben. Außenminister Guido Westerwelle erklärte in Berlin, Teile der Botschaft seien in Brand gesetzt worden, die Beschäftigten seien jedoch bereits zuvor in Sicherheit gebracht worden.

Der britische Sender BBC berichtet, ein Teil der Demonstranten habe sich nach dem Sturm auf die deutsche Botschaft mit Bussen und Lastwagen auf den Weg zur US-Botschaft gemacht. Später stürmte eine Gruppe von Demonstranten auch in Tunis die US-Botschaft. Dabei wurden mindestens drei Menschen getötet und mindestens 28 Menschen verletzt, wie die Nachrichtenagentur TAP unter Berufung auf vorläufige Angaben des tunesischen Gesundheitsministeriums berichtete.

Angriff von Demonstranten auf die US-Botschaft in Tunis. Der Rauch stammt von angezündeten Autos. AFP

Angriff von Demonstranten auf die US-Botschaft in Tunis. Der Rauch stammt von angezündeten Autos.

Auch in Ägypten, Jemen und Iran gehen die Proteste gegen einen Schmäh-Film aus den USA über den Propheten Mohammed weiter. In Kairo bewarfen Demonstranten Polizisten mit Steinen. Die Sicherheitskräfte stellten sich den aufgebrachten Menschen in den Weg, um die wie eine Festung bewachte US-Botschaft zu schützen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilte die Vorgänge. „Gewalt darf nie Mittel der politischen Auseinandersetzung sein. Religiöser Fanatismus darf nicht die Oberhand gewinnen“, so Merkel. In Erwartung weiterer Unruhen nach den Freitagsgebeten blockierten Sicherheitskräfte auch in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa die Straßen zur US-Botschaft. Wegen der Proteste verschärfte das Auswärtige Amt die Sicherheitsvorkehrungen an deutschen Botschaften und Konsulaten in islamischen Ländern.

Eine Chronik islamistischer Anschläge auf US-Einrichtungen im Ausland

7. August 1998

Bei zeitgleichen Anschlägen auf die Botschaften in Nairobi (Kenia) und Daressalam (Tansania) sterben 230 Menschen, Tausende werden verletzt. Drahtzieher ist Osama bin Laden.

12. Oktober 2000

Bei einem Anschlag auf den US-Zerstörer „USS Cole“ sterben im Hafen von Aden (Jemen) 17 Soldaten und zwei Täter, 39 Menschen werden verletzt. Hinter dem Anschlag steht eine mit Osama bin Laden verbündete Terrorgruppe.

14. Juni 2002

Vor dem US-Konsulat im pakistanischen Karachi explodiert ein Auto. Zwölf Pakistaner sterben. Im Februar hatte ein Attentäter vor dem Konsulat drei pakistanische Polizisten erschossen.

15. Oktober 2003

Bei einem Sprengstoffanschlag auf US-Bürger in den palästinensischen Autonomiegebieten sterben am Grenzübergang Eres drei Sicherheitsbeamte der US-Botschaft in Israel.

26. Mai 2004

Bei einer Explosion zweier Autobomben vor dem Pakistanisch-Amerikanischen Kulturzentrum im pakistanischen Karachi wird ein Polizist getötet.

6. Dezember 2004

Bei einem Angriff auf das US-Konsulat im saudi-arabischen Dschidda werden fünf Konsulatsmitarbeiter und vier Attentäter getötet. Al-Kaida bekennt sich zur Tat.

18. März 2008

Bei einem Attentat auf die US-Botschaft in Sanaa stirbt ein jemenitischer Wachmann. Daraufhin werden große Teile des Personals abgezogen.

9. Juli 2008

Bei einem Feuergefecht vor dem US-Konsulat in Istanbul sterben drei türkische Polizisten und drei der vier Angreifer. Die Männer werden Al-Kaida zugerechnet.

4. März 2011

Ein Kosovo-Albaner beschießt auf dem Flughafen Frankfurt/Main einen Bus mit US-Soldaten. Zwei Amerikaner werden getötet, zwei weitere schwer verletzt. Er gilt als extremistischer Einzeltäter. Als Motiv nennt er Rache für US-Angriffe auf Muslime.

12. und 13. September 2012

Als Reaktion auf ein Schmäh-Video über den Propheten Mohammed stürmen Muslime US-Botschaften in mehreren Ländern. Beim Angriff auf das Konsulat im libyschen Bengasi werden vier Amerikaner getötet, darunter der Botschafter. Ägyptische Demonstranten greifen die Botschaft in Kairo an. Im Jemen stürmen am folgenden Tag mehrere hundert Demonstranten die US-Vertretung in Sanaa. Drei Angreifer sterben.

Die Botschaftsangehörigen im Sudan befänden sich derzeit in Sicherheit. Der Krisenstab des Auswärtigen Amtes tage und stehe in Kontakt mit der Botschaft. Am Freitagabend telefonierte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) mit seinem sudanesischen Amtskollegen Ali Karti. Westerwelle verurteilte dem Auswärtigen Amt zufolge die Attacke auf das Botschaftsgebäude. Er habe auch „die umgehende und umfassende Sicherung“ der diplomatischen Vertretung verlangt.

Medienberichten zufolge zogen mehr als 5000 Demonstranten durch Khartum. An der Deutschen Botschaft demontierten einige von ihnen ein Botschaftsschild und steckten Gebäudeteile und Gegenstände rund um die Auslandsvertretung in Brand. AFP

Medienberichten zufolge zogen mehr als 5000 Demonstranten durch Khartum. An der Deutschen Botschaft demontierten einige von ihnen ein Botschaftsschild und steckten Gebäudeteile und Gegenstände rund um die Auslandsvertretung in Brand.

„Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in Sicherheit“, hatte Westerwelle zuvor gesagt. Dies habe ihm der deutsche Botschafter in Khartum versichert. Er verurteilte das Schmähvideo gegen den Propheten Mohammed aufs Schärfste, machte aber klar, dass das Video die Angriffe auf die Botschaft keinesfalls rechtfertigten. Von der sudanesischen Regierung verlangte er, die Sicherheit der Botschaft und deren Integrität wiederherzustellen.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilte den Angriff. „Gewalt darf nie Mittel der politischen Auseinandersetzung sein. Religiöser Fanatismus darf nicht die Oberhand gewinnen“, so Merkel.Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilte den Angriff. „Gewalt darf nie Mittel der politischen Auseinandersetzung sein. Religiöser Fanatismus darf nicht die Oberhand gewinnen“, so Merkel.

Berliner Reaktionen: Die Angst vor dem „Großkonflikt“

Berliner Reaktionen

exklusivDie Angst vor dem „Großkonflikt“

Die Proteste gegen ein Islam-kritisches Video aus den USA richten sich inzwischen auch gegen deutsche diplomatische Vertretungen. Die Politik in Berlin ist alarmiert und warnt vor einer weiteren Eskalation.

Auch in den muslimisch geprägten Ländern Südasiens haben nach den Freitagsgebeten mehrere tausend Gläubige weitgehend friedlich gegen ein antiislamisches Schmähvideo aus den USA protestiert. In Bangladeschs Hauptstadt Dhaka skandierten rund 10 000 Demonstranten antiamerikanische Sprechchöre. Auch eine US-Flagge ging in Flammen auf. Die Polizei war mit einem Großaufgebot im Einsatz und verhinderte, dass die Menschen bis zur US-Botschaft ziehen konnten.

„Sam Bacile“ : Amerika sucht den Anti-Islam-Filmer

„Sam Bacile“

Amerika sucht den Anti-Islam-Filmer

Laut US-Medien könnte es sich bei dem Mann um einen verurteilen Betrüger handeln.

In Kairo versuchten die Sicherheitskräfte, die Demonstranten mit Tränengas zurückzudrängen. Zudem warfen sie Steine zurück. Die Straßen zur US-Botschaft wurden mit Betonblöcken gesperrt. Auf einem Spruchband war zur lesen: "Es ist die Pflicht aller Muslime und Christen, Morris Sadek und Sam Bacile und jeden, der bei dem Film mitgemacht hat, zu töten". Das in den USA produzierte Amateur-Video stellt den Propheten Mohammed als Homosexuellen, Kinderschänder und Schürzenjäger dar.

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