Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.09.2016

14:08 Uhr

Deutsche Welle

Eklat um Interview mit türkischem Minister

Wie hält es die Türkei mit der Pressefreiheit? Jüngstes Beispiel: Die Deutsche Welle interviewt einen türkischen Minister – der die Aufzeichnung nach Darstellung des Senders dann beschlagnahmen lässt.

Ein Interview mit dem türkischen Minister für Jugend und Sport wurde konfiziert. dpa

Eklat um Deutsche-Welle-Interview

Ein Interview mit dem türkischen Minister für Jugend und Sport wurde konfiziert.

Istanbul/BonnEin nach Angaben der Deutschen Welle (DW) beschlagnahmtes Interview mit dem türkischen Minister für Jugend und Sport hat zu einem heftigen Schlagabtausch zwischen dem deutschen Auslandssender und dem Ministerium in Ankara geführt. „Das Team der DW hat das Material keineswegs aus freien Stücken an die Vertreter des türkischen Ministeriums übergeben“, erklärte ein Sprecher des Senders am Dienstagabend in Bonn. „Dies geschah vielmehr unter unmissverständlichem Druck.“ Das Interview mit dem Minister hatte Michel Friedman am Montagabend für eine Sendung der Deutschen Welle geführt.

Aus der Sicht Friedmans waren kritische Fragen zur Situation von Frauen und Verhütung der Auslöser des Konflikts. In dem Interview der Deutschen Welle (DW) mit Minister Akis Cagatay Kilic sei es um verschiedene Themen gegangen. „Wir landeten dann auch bei - ein Stichwort, das ihm überhaupt nicht gepasst hat - bei den Rechten der Frauen“, sagte Friedman am Mittwoch im Deutschlandradio.

Nachdem das Fernsehteam das Gebäude bereits verlassen habe, seien Vertreter des Ministeriums gefolgt. Nach einer kurzen Diskussion über den Inhalt des Interviews sei der Kameramann auf Türkisch aufgefordert worden, die Chipkarte aus der Kamera herauszunehmen. Der Ministeriumsvertreter sei mit dem Chip dann wieder im Gebäude verschwunden. „Wir haben kein Material mehr“, sagte Friedman.

Der türkische Minister für Jugend und Sport bestritt die Beschlagnahme des Interviews für das DW-Format „Conflict Zone“ (Konfliktzone). Solche Berichte entsprächen nicht der Wahrheit, teilte der Kilic am Dienstagabend via Twitter mit. Man habe lediglich gefordert, das Interview nicht auszustrahlen. Die Deutsche Welle müsse diesem Wunsch nach Autorisierung nachkommen.

Ein Sprecher der Deutschen Welle bezeichnete diese Behauptung als „schlichtweg abenteuerlich“. „Wenn das Videomaterial nicht unrechtmäßig konfisziert worden wäre, hätte die DW das Material noch und könnte die Sendung wie geplant ausstrahlen“, teilte Jumpelt der Deutschen Presse-Agentur am Dienstagabend mit. „Eine Abnahme des Interviews stand vor und während der Aufzeichnung nie zur Debatte. Diese vermeintliche Verpflichtung ist eine freie Erfindung des türkischen Ministers für Jugend und Sport.“

Beziehungen mit der Türkei: Vom Westen nichts Neues

Beziehungen mit der Türkei

Premium Vom Westen nichts Neues

Der Westen findet keine klare Linie um Umgang mit der Türkei. Um mit Erdogan zu verhandeln, braucht es Fingerspitzengefühl – aber ebenso Rückgrat. Auch er hat etwas zu verlieren. Eine Analyse.

DW-Intendant Peter Limbourg hatte den Vorfall als „neuen eklatanten Verstoß gegen die Pressefreiheit in der Türkei“ kritisiert: „Was wir hier erleben, erfüllt den Tatbestand der Nötigung durch die türkische Führung. Das hat mit Rechtsstaatlichkeit und Demokratie nichts mehr zu tun.“ Es könne nicht sein, dass ein Minister bereitwillig ein Interview gebe und dann dessen Ausstrahlung verhindern wolle, „weil ihm die Fragen nicht gepasst haben“.

Die Deutsche Welle forderte die türkischen Behörden zur sofortigen Herausgabe des Videomaterials auf. Sie prüfe zudem mögliche rechtliche Schritte. Auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) forderte die türkischen Behörden auf, das beschlagnahmte Material unverzüglich herauszugeben. „Das ist der schwerstmögliche Angriff auf die Pressefreiheit, wie wir ihn nur aus Diktaturen kennen“, kritisierte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall. Das Auswärtige Amt müsse sich einschalten.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×