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04.07.2012

15:56 Uhr

Deutscher Kunstmanager seit Monaten in Haft

In den Fängen des chinesischen Staatskapitalismus

VonFrank Sieren

ExklusivDer Kunstspediteur Nils Jennrich wurde wegen Schmuggels verhaftet und sitzt isoliert in einem chinesischen Gefängnis. Anklage wurde nicht erhoben. Beobachter vermuten dahinter eine Staatskampagne - und keinen Einzelfall.

Nils Jennrich, arbeitet als deutscher Manager in China. Seit Monaten ist er ohne Anklage in Haft. privat

Nils Jennrich, arbeitet als deutscher Manager in China. Seit Monaten ist er ohne Anklage in Haft.

PekingEigentlich will Nils Jennrich an diesem Donnerstag  im März früh nach Hause gehen. Er muss nur noch schnell seinen Rucksack packen, dann will er mit seiner Verlobten Jenny Dam, 29, für ein verlängertes Wochenende nach Kashgar tief im Westen Chinas fliegen. Sie ist Schwedin chinesischer Herkunft. Im Mai wollen die beiden in Schweden heiraten. Die Einladungen sind bereits verschickt. Jennrich druckt noch die Air China Flugbestätigungen aus. Gerade als er seinen Computer herunter fährt, betritt eine Gruppe uniformierter Beamter des Pekinger Zolls die Büros der Kunstspedition Integrated Fine Art Solutions (IFAS) in Peking in der Nähe des bekannten Künstlerviertels 798.

Jennrich, der seit fünf Jahren in China lebt, ist dort angestellt. Der 32jährige studierte Betriebswirt arbeitet als Speditionsmanager. In diesem Augenblick ahnt Jennrich noch nicht einmal, was ihm noch bevorstehen sollte: Mehrere Monate in einer überfüllten Gefängniszelle, und das ohne Anklage und Aussicht auf Entlassung. Der 32-Jährige gerät in die Fänge einer Justiz, die ihre eigenen Regeln nicht respektiert. Zwar hat sich die Rechtssicherheit in China in den letzten Jahren deutlich verbessert. Aber immer wieder geraten westliche Geschäftsleute in dem boomenden Land unter die Räder. Wie Jennrich kann es leider jedem deutschen Manager ergehen.

Ärger hat er in China nie gehabt. Warum auch? Jennrich verschickt und lagert Kunstwerke. Torsten Hendricks, sein Chef und Gründer des Unternehmens hat einen guten Ruf in der internationalen Kunstlogistik. Jennrich interessiert sich nicht für Kunst. Logistik ist seine Leidenschaft. 

In chinesischen Gefängnissen herrschen harte Bedingungen, musste Nils Jennrich lernen. Reuters

In chinesischen Gefängnissen herrschen harte Bedingungen, musste Nils Jennrich lernen.

Aber er sammelt selbst auch etwas: Coca-Cola Dosen. Er besitzt eine der größten Sammlungen der Welt. Rund 7000 Dosen. Nils Jennrich ist ein ruhiger ausgeglichener Mensch. Er ist wenig aufgeregt als die Zöllner sein Büro durchsuchen. Womöglich hat einer unserer Kunden etwas ausgefressen, denkt er. Bereitwillig händigt er den Zöllnern aus, was sie wollen. Er hat ja nichts zu verbergen. Er ärgert sich nur, dass er nicht pünktlich zu Hause sein kann. „Dauert länger. Zoll ist da“, schreibt er seiner Freundin Jenny Dam in einer SMS. Dam versteht sofort. Sie arbeitet selbst bei einer der größten  deutschen Speditionen  in Peking.

Die Fahnder beschlagnahmen Aktenordner und Computer. Eine Inventarliste der konfiszierten Gegenstände, die Jennrich nach chinesischem Recht eigentlich gegenzeichnen müsste, bekommt er nie zu sehen. Das wundert ihn schon. Gegen 21 Uhr fahren sie ab – Nils Jennrich und zwei chinesische Kollegen sollen mitkommen. Im Wagen der Zollfahndung geht es zum Dezernat für Schmuggel, in einem Zoll-Hochhaus an der Jinsong-Strasse im Osten der Stadt. Dort angekommen muss er seiner Verlobten immer wieder eine SMS schreiben, dass es wohl noch etwas dauern werde.

Kommentare (24)

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observer

04.07.2012, 16:17 Uhr

Gefangenenlager Obamas Schande

Seit zehn Jahren kämpfen vier Anwälte für die Insassen des berüchtigten Lagers Guantánamo. Ihre Aufgabe wird nicht einfacher. Erst hieß ihr Gegner George W. Bush, jetzt heißt er Barack Obama – der Mann, der versprochen hatte, den Rechtsstaat wiederherzustellen.

© John Moore/Getty Images
Ein Häftling in Guantánamo

Ein Häftling in Guantánamo

Wie alles begann, fällt leichter zu erklären, als warum. Da geht es den Anwälten in New York genauso wie ihren Mandanten in Guantánamo, Kuba. Das Warum bleibt auch zehn Jahre nach Gründung des berühmtesten Gefängnisses der Welt ein Rätsel – zehn Jahre, in denen die Öffentlichkeit sich fast daran gewöhnt hat, dass es das überhaupt gibt: ein Lager auf amerikanischem Boden, in dem Menschen ohne Anklage inhaftiert sind, Menschen, die nicht wissen, ob sie jemals wieder freikommen werden.

nikwowollf

04.07.2012, 16:42 Uhr

Hm, super - da beweisen Westerwelle und Merkel ja wiedermal großartiges Durchsetzungvermögen wenn es um den Schutz deutscher Staatsbürger geht. Ein Brite, ein Amerikaner, ein Russe wären längst draußen: weil man dort sowas den Chinesen nicht durchgehen lässt. Sowas ist dort nicht Sache des Botschafters, sondern Chefsache. Hierzulande nicht, hier zählt nur das nächste Chemiewerk.
Beschämend, Herr Westerwelle.

Account gelöscht!

04.07.2012, 17:38 Uhr

Es ist einfach unglaublich, dass selbst die Chinesen keine Möglichkeit haben, längerfristig aus dem Land auszureisen und im Ausland ein neues Leben aufzubauen. Hier sieht man wieder die absurde Macht des Staatsapparates!

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