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12.03.2014

17:12 Uhr

Deutschlands Abhängigkeit

„Es gibt noch keine Alternative zu russischem Gas“

VonStefan Kaufmann

Verhält sich Merkel in der Krim-Krise so zaghaft, weil sie Putins Revanche fürchtet? Fakt ist, dass Deutschland von russischen Gaslieferungen abhängig ist. Noch zwei Winter lang – dann gibt es andere Optionen.

38,7  Milliarden Kubikmetern Erdgas hat Deutschland im vergangenen Jahr aus Russland importiert. Getty Images

38,7 Milliarden Kubikmetern Erdgas hat Deutschland im vergangenen Jahr aus Russland importiert.

DüsseldorfPolens Ministerpräsident Donald Tusk hat es geschafft, die mächtigste Frau in Europa klein zu reden. Der Hinweis, Deutschlands Gasabhängigkeit könnte „die Souveränität Europas ernsthaft begrenzen“, hat ausgereicht. Was bei seiner Aussage mitschwingt: Merkel müsste eigentlich Europas entschlossene Krisenmanagerin sein, doch sie scheut den Konflikt mit Russland aus Sorge, Waldimir Putin könnte den Gashahn zudrehen. Beim gemeinsamen Treffen an diesem Mittwoch in Warschau konnte Tusk seine Bedenken Merkel noch einmal persönlich vortragen.

Die Abhängigkeit von importiertem Gas wird aber auch in den anderen Hauptstädten diskutiert – und auf dem EU-Gipfel in der kommenden Woche zur Sprache kommen. So heißt es in einem Entwurf für das Abschlussdokument: „Der Europäische Rat ist besorgt über Europas große Energieabhängigkeit, insbesondere bei Gas, und fordert intensivere Bemühungen, diese zu reduzieren.“ Wird die deutsche Energiepolitik zum Hemmschuh für ein stringentes europäisches Krisenmanagement?

Fakt ist, dass Deutschland für den mächtigen Gazprom-Konzern Absatzmarkt Nummer eins ist. 2012 war die Bundesrepublik unter 31 Zielländern mit 34 Milliarden Kubikmetern Erdgas der Hauptabnehmer, gefolgt von der Ukraine (32,9), der Türkei (27,0) und Weißrussland (19,7). Insgesamt stammten 37 Prozent des importierten Erdgases und Erdöls aus Russland, 2013 waren es beim Gas 38,7 und beim Öl 34,8 Prozent, berichtet das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle.

Gasspeicher in Deutschland

Gasspeicher in Deutschland

Nach Angaben des Branchenverbands BDEW gibt es 50 deutsche Untertage-Gasspeicher an 40 Standorten. Diese können knapp 23 Milliarden Kubikmeter Gas aufnehmen. Das entspreche mehr als einem Viertel der in Deutschland im Jahr 2012 verbrauchten Erdgasmenge. Die größten Gasspeicher im Überblick.
(Quelle: Unternehmen / Gas Infrastructure Europe)

Rehden (Niedersachsen)

Betreiber: Astora (Gazprom-Tochter)

Kapazität: 4,2 Milliarden Kubikmeter

Epe (Niedersachsen)

Betreiber: E.on Gas Storage

Kapazität: 1,5 Milliarden Kubikmeter

Bierwang Unterreit (Bayern)

Betreiber: E.on Gas Storage

Kapazität: 1,4 Milliarden Kubikmeter

Bad Lauchstädt (Sachsen-Anhalt)

Betreiber: VNG Gasspeicher

Kapazität: 1,1 Milliarden Kubikmeter

Huntorf / Nüttermoor (Niedersachsen)

Betreiber: EWE Gasspeicher

Kapazität: 1,07 Milliarden Kubikmeter

Bernburg (Sachsen-Anhalt)

Betreiber: VNG Gasspeicher

Kapazität: 1,03 Milliarden Kubikmeter

Etzel (Niedersachsen)

Betreiber: E.on Gas Storage

Kapazität: 1,03 Milliarden Kubikmeter

Es ist kein Zufall, dass Deutschland und andere Länder auf russisches Erdgas vertrauen. Die Großmacht hat die größten Gasreserven der Welt, vor allem in Westsibirien wird der Rohstoff in riesigen Mengen aus dem Boden geholt und über ein sehr gut ausgebautes Pipeline-Netz bis nach Europa transportiert. Die Hauptleitungen führen über die Ukraine und Weißrussland, seit 2011 ist die Nord Stream-Pipeline unter der Ostsee in Betrieb.

„Deutschland ist sehr abhängig von russischen Gaslieferungen“, sagt Kirsten Westphal, Energieexpertin und Politikwissenschaftlerin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), im Gespräch mit Handelsblatt Online. Würden die Lieferungen durch den ukrainischen Korridor ausfallen, wäre dies für drei, vier Monate kein größeres Problem. Spätestens im Sommer müsste dann aber wieder damit begonnen werden, die Speicher zu füllen. „Die Krux ist, dass es noch keine wirksame Alternative zu den russischen Lieferungen gibt“, sagt Westphal.

Das könnte sich allerdings nach den nächsten zwei Wintern ändern. Dann soll die weltweite Energieproduktion Alternativen bieten.

Kommentare (27)

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12.03.2014, 17:30 Uhr

Teyssen: "Der Erdgasröhrenvertrag – damals lieferte Mannesmann Röhren an die Russen, die Deutsche Bank finanzierte das Projekt und Ruhrgas schloss Gasverträge – seien jetzt schon mehr als 40 Jahre alt. „Damals setzte man auf Wandel durch Handel und in all den Jahren gab es keinen Tag, in dem Energie als Druckmittel genutzt wurde. Ich finde die Spekulation, dass das morgen so sein könnte, kreativ.“"

Ach Herr Teyssen, Sie haben zwar Recht! Aber die Panikmache ist viel beliebter.

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12.03.2014, 17:31 Uhr

Alternative zum russischem Gas? Die Alternative zu dieser Alternative düften dann höhere Zölle auf Importe aus der Eurozone sein. Aktion gleich Reaktion. Irgendwann begreifen das die Politiker auch hier.

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12.03.2014, 17:34 Uhr

„Es gibt noch keine Alternative zu russischem Gas“

Diese Aussage bezweifle ich im Grundsatz. Sie ist nur dann richtig, wenn die Bundesregierung bei ihrer Lobbypolitik bleibt.

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