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17.08.2016

15:22 Uhr

Diakonie Katastrophenhilfe

Lage für Flüchtlinge in Südosteuropa „schlecht“ bis „katastrophal“

Helfer kritisieren die Lage in Flüchtlingslagern in Südosteuropa nach der Schließung der Balkanroute. Allein in Griechenland säßen 57.000 Menschen fest, die Bedingungen seien manchmal „katastrophal“.

Die griechischen Inseln sind laut Helfern mit geschätzt 10.000 Flüchtlingen jetzt schon überfordert. dpa

Flüchtlinge in Griechenland

Die griechischen Inseln sind laut Helfern mit geschätzt 10.000 Flüchtlingen jetzt schon überfordert.

BerlinEin Jahr nach dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise ist die Lage der Asylsuchenden in Südosteuropa nach Einschätzung der Diakonie Katastrophenhilfe „häufig schlecht, manchmal sogar katastrophal“. Nach der Schließung der Balkanroute säßen allein in Griechenland 57.000 Menschen fest, sagte der Flüchtlingshilfekoordinator der Diakonie Katastrophenhilfe für die Region, Markus Koth, am Mittwoch der Nachrichtenagentur AFP in Berlin.

Die griechischen Inseln seien mit geschätzt 10.000 Flüchtlingen jetzt schon überfordert, ihre Aufnahmekapazität liege bei rund 8000, sagte Koth. Viele Flüchtlinge seien in Zeltlagern ohne Strom und fließendes Wasser untergebracht und Gesundheitsrisiken ausgesetzt.

Als vordringlich für die Flüchtlingsarbeit bezeichnete Koth die Bereitstellung von gutem und sicherem Wohnraum. Dies sei die Voraussetzung dafür, dass die Menschen „aus ihrer Opferrolle herauskommen und ihr Schicksal selbst bestimmen“. Insbesondere allein reisende Frauen und Kinder müssten sicher untergebracht werden. Die Diakonie Katastrophenhilfe, die am Donnerstag in Berlin ihre Jahresbilanz zieht, unterhalte entsprechende Projekte für festsitzende und neu ankommende Flüchtlinge.

Koth berichtete aus eigener Anschauung auch über die Lage im serbischen Horgos an der Grenze zu Ungarn. Dort lebten derzeit etwa 450 Flüchtlinge unter schwierigsten Bedingungen in Zelten und in aus Ästen zusammengezimmerten Notunterkünften mit Planen. Die ungarischen Behörden ließen dort täglich 15 Menschen über die Grenze.

Etappen der Flüchtlingskrise

25. August 2015

Deutschland setzt das Dublin-Verfahren für Syrer aus. Es sieht die Rückführung von Flüchtlingen dorthin vor, wo sie zuerst EU-Boden betraten.

31. August 2015

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nennt die Bewältigung des Flüchtlingszustroms eine „große nationale Aufgabe“ und beteuert: „Wir schaffen das.“

5. September 2015

Deutschland und Österreich entscheiden, Tausende Flüchtlinge und Migranten aufzunehmen, die in Ungarn gestrandet sind. Bei der Ankunft in Deutschland werden sie bejubelt. CSU-Chef Horst Seehofer fühlt sich übergangen und warnt vor Überforderung.

23. September 2015

Die EU-Staats- und Regierungschefs beschließen, die Hilfen zu erhöhen und 160.000 Flüchtlinge auf die Mitgliedsländer zu verteilen. Eine große Entlastung für Deutschland bleibt aus.

24. September 2015

Der Bund stockt die Hilfe für Flüchtlinge an Länder und Gemeinden massiv auf.

15. Oktober 2015

Der Bundestag beschließt ein neues Asylrecht. Albanien, Kosovo und Montenegro werden zu sicheren Herkunftsländern. Asylbewerber sollen möglichst nur Sachleistungen erhalten.

5. November 2015

Die Koalition verständigt sich auf besondere Aufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge mit geringen Bleibechancen. Zudem wird eine zweijährige Aussetzung des Familiennachzugs bei Flüchtlingen mit niedrigerem Schutzstatus beschlossen.

20. November 2015

Auf dem CSU-Parteitag in München lehnt Merkel die CSU-Forderung nach einer Obergrenze für die Zuwanderung strikt ab.

9. März 2016

Nach Slowenien, Kroatien und Serbien schließt auch Mazedonien seine Grenze für Flüchtlinge und andere Migranten. Damit ist die Balkanroute faktisch dicht, über die 2015 mehr als eine Million Menschen nach Deutschland und Österreich gekommen waren.

18. März 2016

Die EU und die Türkei einigen sich darauf, Migranten, die illegal in Griechenland ankommen, in die Türkei zurückzuschicken. Im Gegenzug soll für jeden zurückgenommenen Syrer ein anderer Syrer legal und direkt von der Türkei aus in die EU kommen.

4. April 2016

Die Rückführung von Flüchtlingen und anderen Migranten von Griechenland in die Türkei sowie die Umsiedlung von Syrern aus der Türkei in die EU beginnt.

4. Mai 2016

Die EU-Kommission will Flüchtlinge gerechter verteilen. Wie viele ein Land aufnehmen muss, soll von Größe und Wirtschaftskraft abhängen. EU-Staaten, die bei dem System nicht mitmachen, sollen 250.000 Euro pro Flüchtling zahlen.

12. Mai 2016

Die EU verlängert die Erlaubnis für vorübergehende Grenzkontrollen im eigentlich passkontrollfreien Schengen-Raum.

13. Mai 2016

Der Bundestag erklärt Tunesien, Algerien und Marokko zu sicheren Herkunftsländern. Die notwendige Zustimmung des Bundesrates bleibt zunächst aus.

22. Juni 2016

Die EU einigt sich im Grundsatz auf eine gestärkte gemeinsame Grenzschutzagentur und Küstenwache. Die bestehende EU-Grenzschutzagentur Frontex soll in der neuen Behörde aufgehen.

13. Juli 2016

Die EU-Kommission will schärfer gegen Asylmissbrauch vorgehen. Wer nicht mit den Behörden des Aufnahmestaates zusammenarbeitet, müsse mit einer Ablehnung rechnen.

Anfang Juli war in Ungarn ein Gesetz in Kraft getreten, das Grenzbeamte ermächtigt, Migranten und Asylsuchende, die weniger als acht Kilometer von der Grenze entfernt auf ungarischem Territorium aufgegriffen werden, nach Serbien zurückzuschicken.

Im Jahr 2015 hatten mehr als 400.000 Flüchtlinge Ungarn auf ihrem Weg nach Nordwesteuropa durchquert, vor allem nach Deutschland. Um die Flüchtlinge zu stoppen, ließ der rechtskonservative ungarische Regierungschef Viktor Orban im vergangenen August zuerst die Grenze zu Serbien mit 175 Kilometer Stacheldraht dichtmachen. Als die Flüchtlinge dann über den EU-Nachbarn Kroatien kamen, baute Ungarn auch dort einen 41 Kilometer langen Zaun. Die Flüchtlingszahlen gingen daraufhin und nach der Schließung der Balkanroute zu Griechenland drastisch zurück. Zuletzt stiegen sie aber wieder.

Ärzte vor Ort berichten, dass einige Flüchtlingen in Horgos üble Verletzungen, die vom Stacheldraht an den Grenzbefestigungen stammten, aber auch Spuren von körperlicher Gewalt sowie von Hundebissen aufwiesen. Ungarn stand wegen der harten Behandlung von Flüchtlingen wiederholt in der Kritik von Menschenrechtsgruppen. Am Freitag ist der von der UNO ausgerufene Welttag der humanitären Hilfe.

Von

afp

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