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28.10.2015

21:27 Uhr

Die Banlieues zehn Jahre nach den Unruhen

Die Angst vor der Explosion ist zurück

Die Bilder schockierten Frankreich: Über Wochen lieferte sich die Polizei Straßenschlachten mit aufgebrachten Jugendlichen. Die Unruhen von 2005 wurden zum Fanal der Banlieue-Problematik. Was hat sich seitdem getan?

Die Bilder der brennenden Autos gingen um die Welt. 72 Prozent der Bewohner meinten vor zwei Jahren, dass die Renovierung ihrer Viertel ihre Lebensbedingungen nicht verbessert hat. AFP

Banlieue

Die Bilder der brennenden Autos gingen um die Welt. 72 Prozent der Bewohner meinten vor zwei Jahren, dass die Renovierung ihrer Viertel ihre Lebensbedingungen nicht verbessert hat.

ParisEs ist ein gefährliches Gemisch aus Hoffnungslosigkeit, Ausgrenzung und Wut auf das System, das sich in den Betontürmen der französischen Vorstädte aufgestaut hat. Als am 27. Oktober 2005 zwei Jugendliche auf der Flucht vor der Polizei in einem Trafohäuschen an Stromschlägen sterben, kommt es zur Explosion. Wochenlang lassen junge Menschen vorwiegend aus Einwandererfamilien ihren Frust in Gewalt aus, die „Cités“ werden zum Kampfgebiet.

Zehn Jahre nach dem Beginn der Banlieue-Unruhen ist das Problem nicht gelöst: Noch immer wirkt Frankreich ratlos angesichts der „Ghettoisierung“ und „sozialen Apartheid“ seiner Problemviertel. Und infolge der islamistischen Anschläge vom Januar schwingt nun auch die Angst vor einer Radikalisierung ausgegrenzter Jugendlicher mit. Es sei wenig überraschend, dass diese gerade in den heruntergekommensten Vierteln Erfolg hat, warnte der sozialistische Abgeordnete Malek Boutih in einem Bericht für Premierminister Manuel Valls.

Die deutsche und französische Wirtschaft im Vergleich

Wachstum

Frankreich: Die Industriestaaten-Organisation OECD hat die Wachstumsprognose erst vorige Woche mehr als halbiert. 2014 wird das Bruttoinlandsprodukt demnach nur um 0,4 Prozent zulegen, nachdem im Frühjahr noch 0,9 Prozent vorausgesagt worden waren. Für kommendes Jahr wurde die Prognose von 1,5 auf 1,0 Prozent zurückgenommen.

Deutschland: Auch bei Europas Nummer eins hat die OECD den Daumen gesenkt. Für das laufende Jahr wurde die Prognose von 1,9 auf 1,5 Prozent zurückgenommen, für 2015 von 2,1 auf ebenfalls 1,5 Prozent.

Arbeitslosigkeit

Frankreich: Wegen der Konjunkturflaute leidet der Nachbar unter einer Rekordarbeitslosigkeit. Die EU-Kommission sagt für dieses Jahr einen Anstieg auf 10,4 Prozent voraus, 2015 soll es leicht nach unten gehen auf 10,2 Prozent. Das entspricht etwa dem Durchschnitt aller 28 EU-Staaten.

Deutschland: Hier ist die Arbeitslosenquote nur halb so hoch. Nach der Prognose der EU-Kommission wird sie in diesem Jahr auf 5,1 Prozent fallen und 2015 auf diesem Niveau verharren. Mit Österreich weist die Bundesrepublik damit die niedrigste Arbeitslosigkeit in der Euro-Zone auf.

Staatsschulden

Frankreich: Erst 2017 will die Regierung die jährliche Neuverschuldung unter die in den EU-Verträgen erlaubte Höchstgrenze von drei Prozent im Verhältnis zur Wirtschaftskraft drücken. Eigentlich sollte das schon 2015 der Fall sein, doch sieht sich die Regierung in Paris wegen der schwachen Konjunktur dazu nicht in der Lage. Der Schuldenberg wird nach Prognose der EU-Kommission bis 2015 auf 96,6 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt wachsen. Die EU erlaubt eigentlich nur 60 Prozent.

Deutschland: Der Staat könnte 2014 bereits das dritte Jahr in Folge einen leichten Überschuss aufweisen. Zum Halbjahr wurden 16 Milliarden Euro mehr eingenommen als ausgegeben. Alle übrigen Euro-Staaten dürften hingegen rote Zahlen schreiben. Allerdings ist der Schuldenstand mit rund 76 Prozent immer noch höher als erlaubt.

Wettbewerbsfähigkeit

Frankreich: Ein Grund für die Misere ist die gesunkene Wettbewerbsfähigkeit. Eine Arbeitsstunde kostet private Arbeitgeber durchschnittlich 35,00 Euro. In der besonders stark dem internationalen Wettbewerb ausgesetzten Industrie sind es sogar 36,70 Euro - in der EU sind die Kosten nur in Schweden, Belgien und Dänemark höher. Das ist auch einer der Gründe dafür, warum Frankreich im weltweiten Standortranking des World Economic Forum (WEF) nur Platz 23 belegt.

Deutschland: Die Arbeitskosten liegen niedriger als in Frankreich. In der Privatwirtschaft sind es 31,70 Euro, in der Industrie 36,20 Euro. Im Standortvergleich des WEF belegt Deutschland den fünften Rang, wobei besonders die gut ausgebildeten Fachkräfte und innovative Unternehmen gelobt werden.

Industrie

Frankreich: Zwar kann das Nachbarland mit großen Unternehmen wie den Autobauern Renault und Peugeot Citroen oder dem Atomkonzern Areva aufwarten. Allerdings fehlt es an einem breiten und exportstarken Mittelstand, der die Absatzkrise in der Euro-Zone durch wachsende Geschäfte in Asien und anderen Boomregionen ausgleichen kann. Die Industrie ist deshalb auf dem Rückzug: Sie trägt nur noch 10,25 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei, der EU-Schnitt liegt bei 15,3 Prozent.

Deutschland: Hierzulande haben viele "hidden champions" ihre Heimat - also unbekannte mittelständische Unternehmen, die Nischen besetzt haben und mit ihren Produkten zu den Weltmarktführern gehören. Die Industrie erlebt in Deutschland eine Renaissance, weil diese Firmen in den Boomregionen aktiv sind. "Nur Deutschland hat es geschafft, zwischen 2007 und 2012 Jobs in der Industrie aufzubauen", stellte die EU-Kommission in ihrem europaweiten Vergleich fest. Der Industrie-Anteil an der Wirtschaftsleistung liegt mit 22 Prozent klar über dem EU-Schnitt.

Die Regierung zeigt zum Jahrestag nun demonstrativ Flagge. „Der Schmerz, die Bilder, die Narben sind noch da“, sagte Valls. Gleich 18 Kabinettsmitglieder besuchten am Montag die Gemeinde Les Mureaux im Pariser Umland. Körperkameras für Polizisten, die deren Verhalten dokumentieren, sollen helfen, das Vertrauen der Jugendlichen in die Behörden wieder herzustellen. Kommunen sollen zum Bau von Sozialwohnungen gedrängt werden, Diskriminierungen bei der Jobsuche bekämpft werden.

Präsident François Hollande war schon letzte Woche in La Courneuve, um eine neue Agentur für wirtschaftliche Entwicklung in Problemregionen einzuweihen. In der Republik gebe es kein „verlorenes Viertel“, beteuerte er. Schon nach Terrorserie Anfang des Jahres hatte die Regierung ein neues Paket vorgelegt, um die Ungleichheit zu bekämpfen.

Doch die Bilanz von zahlreichen Banlieue-Plänen und zig Milliarden, die in den vergangenen Jahrzehnten die sozialen Brennpunkte geflossen sind, fällt bislang verhalten aus. Zwar wurden tausende Wohnungen auf Vordermann gebracht oder gleich ganz neu gebaut. Aber noch immer ist dort die Arbeitslosigkeit doppelt so groß wie im Rest Frankreichs, das Einkommen niedriger, leben mehr Menschen unter der Armutsschwelle.

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