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11.12.2013

15:07 Uhr

Die Folgen der Krise

Wenn in Griechenland die Lichter ausgehen

VonGerd Höhler

Der brutale Sparkurs in Griechenland hat katastrophale Auswirkungen: Die E-Werke drehen vielen Familien wegen unbezahlter Rechnungen den Strom ab. Die sitzen im Dunkeln – und die Angst vor dem kalten Winter steigt.

Athen bei Nacht: Viele können sich keinen Strom mehr leisten. Getty Images

Athen bei Nacht: Viele können sich keinen Strom mehr leisten.

AthenAls die 54-Jährige Zorica Pawlowitsch am Abend des 1. Advents kurz nach 22 Uhr wieder zu sich kam, war es für ihr Kind schon zu spät. Leblos lag die 13 Jahre alte Sara auf dem Boden des kleinen Apartments, das Mutter und Tochter im Viertel Xirokrini der nordgriechischen Hafenstadt Thessaloniki bewohnten. Der herbeigerufene Arzt konnte nur noch den Tod des Mädchens feststellen – Rauchvergiftung. Drei Monate zuvor hatte die staatliche Elektrizitätsgesellschaft DEI wegen unbezahlter Rechnungen den Strom gekappt. Rund 2500 Euro schuldete die arbeitslose Frau dem Stromversorger. Als einzige Heizquelle benutzten Mutter und Tochter einen selbst installierten Holzofen. Giftige Kohlenmonoxidgase wurden ihnen zum Verhängnis. Während die Mutter wieder aus ihrer Ohnmacht erwachte, ein Fenster öffnen und Hilfe herbeirufen konnte, verlor die Tochter ihr Leben.

Wenige Tage nach Saras Tod kommt es im Vorort Kordelio im Westen Thessalonikis beinahe zu einer weiteren Familientragödie. In den frühen Morgenstunden des vergangenen Donnerstags bricht in einer Wohnung Feuer aus. Nachbarn bemerken den Brand rechtzeitig, die vier Bewohner, ein Rentnerehepaar, ihr Sohn und ein Enkel, können gerade noch gerettet werden. Die mutmaßliche Brandursache: Kerzen, die der Familie etwas Licht und Wärme spenden sollten. Die Elektrizitätsgesellschaft hatte ihr schon vor zwei Jahren wegen unbezahlter Rechnungen den Strom gesperrt.

Krisenländer im Check

Portugal

- LICHT: Das Land steckt in der tiefsten Rezession seit den 1970er-Jahren. Doch der Abwärtsstrudel verliert an Stärke: Die Arbeitslosenquote sank im Mai und im Juni, das Geschäftsklima hellte sich sieben Monate in Folge auf. Die gesamte Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal überraschend um 1,1 Prozent, es war das erste Plus seit rund zweieinhalb Jahren.

- SCHATTEN: Die jüngste Regierungskrise hat Investoren verunsichert und Zweifel geschürt, dass sich Portugal ab Mitte 2014 wieder vollständig über den Finanzmarkt finanzieren kann. Nur ein Rettungspaket über 78 Milliarden Euro bewahrte das Land vor der Staatspleite.

Zypern

- LICHT: Die Troika aus Europäischer Zentralbank, EU-Kommission und Internationalem Währungsfonds hat dem Euro-Land jüngst Fortschritte bei der Sanierung seines Staatshaushalts bescheinigt. Die internationalen Geldgeber müssen Zypern mit insgesamt rund zehn Milliarden Euro vor der Staatspleite retten.

- SCHATTEN: Wegen des harten Sparkurses als Gegenleistung für das Rettungspaket steht Zypern konjunkturell noch ein tiefes Tal bevor. Die Arbeitslosenquote stieg zuletzt stetig auf gut 17 Prozent – dies ist hinter Griechenland, Spanien, und Portugal der höchste Wert in der EU. Im zweiten Quartal schrumpfte die Wirtschaft um 1,4 Prozent. Für das Gesamtjahr 2013 sagt die EU-Kommission ein Minus von 8,7 Prozent voraus.

Irland

- LICHT: Die Immobilienkrise, die das Land in den Abgrund getrieben hat, nähert sich ihrem Ende. Die Hauspreise stiegen im Juni erstmals seit Ausbruch der Misere wieder, und zwar um durchschnittlich 1,2 Prozent zum Vorjahresmonat. Sie waren seit 2008 um rund 50 Prozent eingebrochen. Dadurch erlitten die Banken des Landes milliardenschwere Verluste. Sie mussten mit Steuergeldern gerettet werden, was wiederum den Staat an den Rand der Pleite trieb. Da die Regierung zahlreiche Reformen umgesetzt hat, hob die Rating-Agentur S&P ihren Ausblick für die Kreditwürdigkeit des Landes von „stabil“ auf „positiv“ an.

- SCHATTEN: Die Konjunktur läuft schlechter als erwartet, die Wirtschaft schrumpfte zuletzt drei Quartale in Folge. Die Notenbank senkte deshalb ihre Wachstumsprognose für 2013 von 1,2 auf 0,7 Prozent. Damit wird es auch schwerer, das Defizit wie geplant auf 7,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu drücken.


Frankreich

- LICHT: Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone galt zuletzt als Sorgenkind. Nun verließ das Land aber die Rezession – und das mit deutlich mehr Schwung als erwartet. Im zweiten Quartal stieg das Bruttoinlandsprodukt um 0,5 Prozent und damit mehr als doppelt so schnell wie erwartet.

- SCHATTEN: Die Lage bleibt fragil. Die Regierung in Paris hatte zuletzt nicht mehr ausgeschlossen, dass das Bruttoinlandsprodukt 2013 leicht schrumpft. Die Arbeitslosigkeit ist gestiegen. Zudem hat die Regierung Mühe, den Haushalt in den Griff zu bekommen. Präsident François Hollande, dessen Popularität auf Tiefstwerte gerutscht ist, räumte kürzlich ein, Frankreich könnte sein Defizitziel von 3,7 Prozent der Wirtschaftskraft 2013 verfehlen. Der Internationale Währungsfonds legte Frankreich bereits nahe, aus Rücksicht auf die Konjunktur die Haushaltskonsolidierung abzubremsen.


Italien

- LICHT: Auch Italien hat ein Ende der Rezession vor Augen. Von April bis Juni schrumpfte die Wirtschaft zwar das achte Quartal in Folge, mit 0,2 Prozent aber nur halb so stark wie befürchtet. Zuletzt mehrten sich die Hinweise darauf, dass Italien der Dauer-Rezession in den Sommermonaten entkommen kann: Die Produktion im verarbeitenden Gewerbe wuchs im Juni mit 0,3 Prozent den zweiten Monat in Folge, der Einkaufsmanager-Index für die Industrie stieg im Juli auf den höchsten Stand seit mehr als zwei Jahren, der Einzelhandelsumsatz legte nach 14-monatiger Pause zuletzt wieder zu. Und auch die Kauflaune der Verbraucher besserte sich.

- SCHATTEN: Die schwache Konjunktur gefährdet die Sanierung des Haushalts. Im Juli lag das Defizit bei fast neun Milliarden Euro. Italien ist damit weit davon entfernt, die Neuverschuldung unter die EU-Obergrenze von drei Prozent der Wirtschaftskraft zu drücken. Gefährdet wird die Erholung auch von politischer Instabilität. Die Koalition von Silvio Berlusconis Partei Volk der Freiheit und der linken Demokratischen Partei hing zuletzt am seidenen Faden. Mit Warnungen vor einem Bürgerkrieg und Rücktrittsforderungen von Ministern und Abgeordneten machte das rechte Lager gegen die Verurteilung Berlusconis Front, der vom Obersten Gerichtshof zu vier Jahren Haft wegen Steuerhinterziehung verdonnert worden war.

Spanien

- LICHT: Das Land nähert sich dem Ende der Dauer-Rezession. Im zweiten Quartal schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt mit 0,1 Prozent nur noch minimal. Für die zweite Jahreshälfte wird wieder ein leichtes Wachstum erwartet. Die Zahl der Arbeitslosen fiel im Juli den fünften Monat in Folge – um knapp 65.000 auf 4,7 Millionen. Hauptgrund dafür ist der Aufwind der Tourismusindustrie, die in der Ferienzeit viele zusätzliche Mitarbeiter benötigt. Die Branche macht etwa zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Auch einige Banken lassen die Krise nach der geplatzten Immobilienblase allmählich hinter sich. Branchenprimus Santander steigerte seinen Überschuss im ersten Halbjahr um 29 Prozent auf 2,25 Milliarden Euro.

- SCHATTEN: Die Industrie kommt nicht auf die Beine. Die Unternehmen drosselten ihre Produktion im Juni bereits den 22. Monat in Folge. Der Rückgang zum Vorjahresmonat fiel mit 1,9 Prozent sogar deutlicher aus als erwartet. Sorgen bereitet zudem das hohe Defizit. Der Staat musste bereits mehrfach den Reservefonds der Sozialversicherung anzapfen, um Pensionszahlungen leisten zu können. Spanien leidet immer noch unter den Folgen des 2008 geplatzten Immobilienbooms. Offiziellen Angaben zufolge sind die Grundstückpreise seit ihrem Höhepunkt 2007 um 43 Prozent eingebrochen. Immobilienexperten gehen sogar von einem Minus von mindestens 70 Prozent aus. Banken mussten deshalb milliardenschwere Abschreibungen vornehmen. Das Geld fehlt nun, um es in Form von Krediten an Unternehmen zu vergeben.

Griechenland

- LICHT: Der Tourismus brummt wieder. In diesem Jahr werden 17 Millionen Urlauber erwartet und damit so viele wie noch nie. Die Branche rechnet mit einem Umsatzplus von zehn Prozent auf elf Milliarden Euro. Der Tourismus macht etwa 17 Prozent der Wirtschaftsleistung aus; jeder fünfte Grieche arbeitet in dieser Branche. Auch bei der Sanierung der Staatsfinanzen kommt das Land langsam voran. Der Primärhaushalt – bei dem die Zinskosten nicht berücksichtigt werden – wies in den ersten sieben Monaten völlig unerwartet einen Überschuss von 2,6 Milliarden Euro aus.

- SCHATTEN: Die Wirtschaft schrumpfte im zweiten Quartal mit 4,6 Prozent so langsam wie seit fast zwei Jahren nicht mehr. Doch das reicht längst nicht aus, um neue Jobs zu schaffen. Die Arbeitslosenquote liegt derzeit mit 27,4 Prozent sehr hoch. Die Zentralbank geht davon aus, dass sie noch bis auf 28 Prozent steigen wird. Erst 2015 soll sie zurückgehen.

Griechenland im sechsten Jahr der Krise: Der brutale Sparkurs, den das Land auf Druck der internationalen Geldgeber steuern muss, hat die Wirtschaftsleistung seit 2009 um ein Viertel einbrechen und die Realeinkommen um durchschnittlich 38 Prozent schrumpfen lassen. Die Arbeitslosenquote stieg auf fast 28 Prozent, und von den knapp 1,4 Millionen Menschen, die ohne Job sind, bekommt nicht einmal jeder Fünfte staatliche Unterstützung. Geschätzt zweieinhalb Millionen Menschen haben ihre Krankenversicherung verloren. Laut Eurostat leben 3,8 Millionen Griechen unterhalb der Armutsschwelle. Das sind fast 35 Prozent der Bevölkerung.

Da reicht das Geld in vielen Familien nicht mal mehr für die Stromrechnung. Zumal die Stromtarife in Griechenland seit 2007 um fast 60 Prozent gestiegen sind. Allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres haben die Elektrizitätswerke 257.000 Kunden, die mit ihren Gebühren im Rückstand waren, den Strom abgedreht. Viele der Anschlüsse werden wieder hergestellt, sobald die Kunden wenigstens eine Anzahlung leisten oder sich mit dem Stromversorger auf Ratenzahlungen verständigen. Aber mehrere zehntausend griechische Haushalte sind seit Monaten oder gar Jahren ohne Strom.

Kommentare (62)

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BINGO

11.12.2013, 15:16 Uhr

Hauptsache der Euro bleibt bestehen!

Account gelöscht!

11.12.2013, 15:20 Uhr

Mutti sagt Deutschland geht es gut und im Jahr 2017 wird es den Deutschland noch besser gehen. Da werden sich die Griechen aber freuen. Sie sagt zwar immer Deutschland. Aber sie sagt nicht wie es den Deutschen geht.

Guzek

11.12.2013, 15:23 Uhr

Und es ist wie immer: Einige Tiere sind gleicher als die anderen. Die "Nea Dimokratia", also die Partei von Regierungschef Samaras, schuldet der Stromgesellschaft DEI über 600.000 Euro. Aber denen wird nicht der Saft abgedreht. http://www.cretalive.gr/greece/view/panw-apo-miso-ekatommurio-chrwstaei-sth-deh-h-nd/126709

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