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04.10.2014

17:17 Uhr

Die Koalition der (Un)willigen – Teil VI

Die Nato ruft, Italien folgt

VonKatharina Kort

Italien hat sich bisher an fast allen Nato-Einsätzen beteiligt. Auch im Kampf gegen den IS-Terror leistet Rom seinen Beitrag. Diskutiert wird darüber kaum, zu sehr ist das Land mit der Wirtschaftskrise beschäftigt.

Italienische Soldaten in Afghanistan: Immer dabei. Reuters

Italienische Soldaten in Afghanistan: Immer dabei.

MailandGeköpfte Bürger, gefolterte Männer, vergewaltigte Frauen: Die Brutalität der IS bringt Europa und Amerika an den Rande eines Krieges. Bisher will kein Land Bodentruppen schicken. Das hat bestimmte Gründe. Denn jeder der betroffenen Staaten hat eine eigene Geschichte des Krieges: Wie entscheiden die Briten? Warum tun sich die Deutschen so schwer? Und wieso haben die Franzosen kein Problem mit dem Krieg? Handelsblatt Online stellt in der Serie „Die Koalition der (Un)willigen“ vor, wie die Staaten zum Krieg stehen.

Italien hat sich bisher an fast allen Auslandseinsätzen des transatlantischen Verteidigungsbündnisses Nato beteiligt. Im Gegensatz zu Deutschland war das damals von Silvio Berlusconi regierte Land auch beim zweiten Irak-Krieg dabei. Der internationalen Koalition gegen den IS-Terror hat sich Italien ebenfalls angeschlossen. Anders als Frankreich oder die USA fliegen die Italiener jedoch keine Lufteinsätze. Sie stellen vielmehr ihre Militärbasen und Tankflugzeuge für Kampfjets zur Verfügung. Außerdem liefern sie Waffen an die Kurden und bilden lokale Truppen aus, um die Dschihadisten der IS-Miliz zurückzudrängen.

„Rom wird weiterhin den Terrorismus der IS bekämpfen“, sagte Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi vor der Uno-Hauptversammlung am Freitag in New York. Gleichzeitig machte er klar, dass Italiens Rolle in der Koalition die Prinzipien der Uno-Charta und den vom Parlament vorgesehenen Prozeduren respektieren wird.

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Woher kommt die Terrormiliz?

Die Miliz ist die Nachfolge-Organisation von al-Qaida im Irak, einer radikalen Widerstandsbewegung, die sich Gebiete im Westen des Landes einverleibte, nachdem die Amerikaner den Diktator Saddam Hussein gestürzt hatten, ohne das Machtvakuum zu füllen.

Es handelt um einen Zusammenschluss von sunnitischen Dschihadisten, ehemaligen Anhängern von Saddam Hussein und von Stammesmitgliedern. Die Zahl der Kämpfer wird neuerdings auf rund 30.000 geschätzt. In ihrem Herrschaftsgebiet haben die Extremisten ein Verwaltungssystem aufgebaut, das jeden Aspekt des Alltags kontrolliert.

Welche Gebiete kontrolliert IS?

Die Terrormiliz hat Schätzungen zufolge rund ein Drittel des syrischen Staatsgebietes eingenommen. Dabei gelang es ihr, einen Korridor zwischen ihren westlichsten Eroberungen nahe Aleppo über nördliche Landstriche bis zu östlichen Landesteilen nahe der Grenze zum Irak zu schaffen.

In der Provinz Aleppo stehen unter anderem die größeren Orte Manbidsch und Al-Bab unter ihrem Kommando, dort weht die schwarze Flagge der Miliz auf Regierungsgebäuden und großen Plätzen. Da die Terrormiliz auf beiden Seiten der syrisch-irkanischen Grenze nahtlos Gebiete kontrolliert, kann sie relativ leicht Kämpfer, Waffen und Güter zwischen beiden Ländern hin- und hertransportieren.

Zuletzt stockt der Vormarsch des IS allerdings. Die Miliz verlor etwa die strategisch wichtige Stadt Tikrit, ebenso wie das über Monate umkämpfe Kobane an der türkischen Grenze.

Was ist die „Hauptstadt“ des Islamischen Staats?

Die IS erklärte Rakka, eine Stadt am Euphrat im Nordosten Syriens mit einer halben Million Einwohner, zur Hauptstadt ihres Kalifats und Sitz ihrer Machtzentrale. IS-Kämpfer aus aller Welt strömten dorthin, einige mit ihren Familien. Obwohl schon immer konservativ und unter großem Einfluss von Stämmen, war Rakka früher ein lebendiges und wirtschaftlich blühendes Zentrum.

Heute patrouilliert rund um die Uhr die Sittenpolizei der IS – die sogenannte Hisba – durch die Straßen. Diese bewaffneten Kämpfer in langen Roben kontrollieren, ob ihre strenge Auslegung des Korans auch umgesetzt wird. Die IS hat Musik und Rauchen verboten. Frauen wurden von der Sittenpolizei angewiesen, sich zu verhüllen. Wer gegen die Scharia verstößt, läuft Gefahr, enthauptet oder ans Kreuz gehängt zu werden. Den Schulen der Stadt diktierte die Miliz kürzlich die Inhalte und strich Fächer wie Philosophie oder Chemie.

Wie stark sind die Kämpfer des IS?

Seit Anfang 2014 führt die Miliz mit den gemäßigten und vom Westen unterstützten Rebellen in Syrien einen Zermürbungskrieg. Dabei stürmen IS-Kämpfer Außenposten der Rebellen und nehmen ihnen Ort für Ort durch Gewalt und Einschüchterung ab.

Die Zahl der Kämpfer lässt sich nur schätzen. Fest steht jedoch, dass die Extremisten seit Beginn ihres Vormarsches im Irak Anfang Juni 2014 starken Zulauf bekommen haben. Der US-Geheimdienst CIA geht davon aus, dass die Gruppe in Syrien und im Irak zwischen 20.000 und 31.500 Kämpfer hat. Diese Zahl unterscheidet sich deutlich von den Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Sie schätzt die Zahl der IS-Kämpfer allein in Syrien auf rund 50.000, davon etwa 20.000 aus dem Ausland. Die Menschenrechtler stützen sich bei ihren Informationen auf ein Netz von Aktivisten in Syrien.

Welche Rohstoffe hält IS in der Hand?

Die Terrormiliz hatte im bis Herbst 2014 faktisch alle größeren Ölfelder im Osten Syriens, darunter das landesweit größte namens Omar mit einer Förderkapazität von 75.000 Barrel pro Tag erobert. Der IS nahm die Produktion teilweise auf und finanzierte sich auch über den Verkauf von Rohöl unter Marktpreisen. Das geförderte Öl werde über Mittelsmänner an die Türkei und den Irak geliefert.

Doch nach dem Verlust von Tikrit Anfang April 2015 hat die Terrororganisation auch mindestens drei Ölfelder verloren. Damit bleibt der Miliz im Irak nur noch ein einziges Ölfeld: Qayara mit einer Förderkapazität von gerade einmal 2000 Barrel am Tag. Das seien gerade noch fünf Prozent der zuvor vom IS innerhalb des Irak kontrollierten Menge.

Wie verhält sich der syrische Diktator Assad?

Syriens Präsident hat vor kurzem die Luftangriffe auf IS-Hochburgen verstärken lassen. Die Regierung öffnete die Türen für eine mögliche Kooperation mit den USA im Kampf gegen IS, sie stellte aber zugleich klar, dass jeglicher Angriff mit Damaskus abgestimmt sein müsse. Für die US-Regierung ist dies allerdings ein Problem: Sie möchte nicht an Assads Seite erscheinen, zumal sie dessen Rücktritt seit Jahren verlangt. Unter der Hand machte das Assad-Regime lange sogar Geschäfte mit den Terroristen nach dem Motto: Strom gegen Öl.

Was können die USA mit Luftschlägen ausrichten?

Jedweder Luftschlag der USA in Syrien würde sich wahrscheinlich auf Gebiete nahe der Grenze zum Irak sowie militärische Ziele wie Trainingslager in Rakka konzentrieren. Dort verfügt Assad kaum über Luftabwehr.

In jedem Fall werden sich Luftangriffe schwieriger gestalten als im Irak: Dort segnet Bagdad das Vorgehen ab, zudem verlaufen die Frontlinien deutlicher. In Syrien hingegen gibt es auf engem Raum verschiedene Fraktionen, zu denen neben IS auch der al-Qaida-Ableger Nusra-Front, die vom Westen unterstützten Rebellen der Freien Syrischen Armee und die Regierungstruppen gehören. Während die gemäßigten Rebellen US-Luftschläge fordern, lehnen die extremeren Kämpfer ein Engagement der USA ab.

Italien hat erklärt, den Peshmerga-Kurden nicht nur mit Lebensmitteln, sondern auch Waffen zu helfen. Tatsächlich stellt Italien dabei eine ältere Lieferung zur Verfügung, die es 1994 auf einem Schiff Richtung Balkan beschlagnahmt hat. Es handelt sich laut Verteidigungsministerin Roberta Pinotti um 200 Maschinengewehre, 2000 Granatenwerfer und 950 Munitionen. Das entspricht einem Wert von 1,9 Millionen Euro. Die meisten davon stammen ursprünglich aus sowjetischen Armeebeständen – also Waffen, mit denen sich die Peshmerga auskennen. Dennoch reichen sie wohl kaum aus, die IS-Truppen aufzuhalten.

Die Verteidigungsministerin hat außerdem zugesagt, dass Italien bereit sei, Flugzeuge zur Verfügung zu stellen, die Kampfjets in der Luft betanken können. Auch den Transport von Waffen für dritte Länder könnte Italien übernehmen. Direkte Luftangriffe zu fliegen schließt Italien aus.

Bei der Ausbildung lokaler Kräfte im Irak orientiert sich Rom an der Erfahrung, die die Italiener in Libyen gesammelt haben: Italien hat insgesamt 270 libysche Soldaten sechs Monate in Italien ausgebildet, die dann zurückkehrten, um ihr Wissen weiterzugeben. Zur Ausbildung gehörte nicht nur die Kontrolle und Sicherung des Territoriums, sondern auch Unterricht in Menschenrechten. Außerdem hat Italien rund 2000 libysche Polizisten ausgebildet.

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US-Präsident Obama hat sich auf die Fahnen geschrieben, keine Bodentruppen mehr in einen Krieg zu führen. Doch der Kampf gegen den IS-Terror könnte es nötig machen, warnen Experten. Das Land ist zwiegespalten wie selten.

Italiens Militärbasen werden eher als Rückzugs- und Zwischenstationen genutzt. Schließlich kann die Koalition auf näher gelegene Basen zurückgreifen.

Auch über den Einsatz von Drohnen wird diskutiert. Allerdings sind die italienischen Predator-Drohnen derzeit bereits am Horn von Afrika im Einsatz und für die Flüchtlingsrettungen „Mare Nostrum“. In der öffentlichen Diskussion findet das Thema jedoch kaum statt. Zu sehr ist Italien mit der Wirtschaftskrise und den Reformen beschäftigt, die Renzi einläuten will.

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