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11.09.2013

11:00 Uhr

Die Kriegsfotografin

„Was ich gesehen habe, lässt mich nicht los“

Sie arbeitet zwischen Raketenangriffen, unter Heckenschützen und in ständiger Lebensgefahr: Die Fotografin Nicole Tung hält das Grauen des syrischen Bürgerkriegs fest, in dem es längst kein Schwarzweiß mehr gibt. Ihr Bericht ist ein Plädoyer gegen das Wegsehen.

Dokument des Kriegs: Ein 15-Jähriger hat in der syrischen Stadt Aleppo im August 2012 einen Luftangriff nicht überlebt. Nicole Tung

Dokument des Kriegs: Ein 15-Jähriger hat in der syrischen Stadt Aleppo im August 2012 einen Luftangriff nicht überlebt.

New YorkNicole Tung ist 27 Jahre alt und hat in ihrem Leben schon mehr Tote, mehr abgerissene Gliedmaßen und mehr Blut gesehen als andere in ihrem ganzen Leben. Die Fotojournalistin hat in Syrien gearbeitet und unter anderem die Schlacht um die Stadt Aleppo dokumentiert. Ihre Bilder wurden in der „Vanity Fair“ und im „Time Magazine“ abgedruckt. Zuvor war sie in Libyen. Zwei ihrer Kollegen sind dort gestorben. In einem Essay berichtet die junge Frau über ihre Erlebnisse in Syrien und die Arbeit in einem Land, in dem jedes Foto ihr letztes sein kann.

„Ich war im Mai vergangenen Jahres zum ersten Mal in Syrien. Zunächst nur für ein paar Tage. Ich war allein und es war beängstigend. Ich wusste nicht, was ich zu erwarten hatte, und ich war nicht besonders gut vorbereitet. Ich wusste, dass sich die Leute bewaffnen, um gegen die Regierung zu kämpfen. Aber ich wusste nicht, ob die Regierungsanhänger nicht genau in jenen Gegenden waren, in die ich wollte. Es war schwierig. Ich war noch nie in Syrien. Ich kannte die Sprache nicht, auch nicht die Körpersprache.

In den folgenden zwölf Monaten war ich immer wieder dort, insgesamt zwölf Mal. Die Menschen waren sehr gastfreundlich und haben mir gezeigt, wie sich ihr Leben durch die Revolution verändert hat. Sie haben mich mitgenommen zu den Demonstrationen, die damals jeden Freitag stattgefunden haben.

Erst habe ich Demonstranten fotografiert und später Leichen. Syrien ist für mich immer mehr auch eine Konfrontation mit dem Tod geworden.

Das Schlimmste für mich ist, Kinder in einem feindlichen Umfeld zu fotografieren. Es ist furchtbar, die vielen toten Kinder zu sehen, die von Luftangriffen zerfetzt oder von Heckenschützen durchlöchert worden sind. Was denken sich die Heckenschützen bloß, schreie ich innerlich, die sehen doch, dass sie auf Kinder schießen! Es ist sehr frustrierend zu sehen, dass ein Leben im Krieg so wenig wert ist.

Manchmal sitze ich einfach neben Kindern, damit sie nicht allein sind. Ich fühle mit den Menschen, die ich fotografiere. Ich will ein Teil der Szene sein und mich nicht einfach wie Geier auf ein Motiv stürzen und dann wieder abhauen.

Kommentare (21)

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beifall

11.09.2013, 11:27 Uhr

Hut ab vor diesem Mut.

Analytiker

11.09.2013, 11:29 Uhr

Danke dass sie für uns Augen und Ohren dort sind, und auch menschlich die Tragödie dort reflektieren, obwohl es hier manchen faschistischen Kommentatoren nicht gefallen wird.. Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

DrWelz

11.09.2013, 11:42 Uhr

zieh in den Krieg und du siehst/findest deinen Gott.
Dort erkennt man die wahre Natur des Menschen... Und wer diesen Mord irgendeinem Regime zuordnet ist aus meiner sicht vollkommen verblendet. "Unsere" Soldaten werden zu mörden und vergewaltigern wenn sie die Gelegenheit dazu haben (und damit meine ich nicht ausschließlich Deutsche, sondern rege zum Blick in die USA an). Die Kluft zwischen dem Wasser das wir predigen und den wein den wir saufen wird dort sichtbar. Ich frage mich tag ein tag aus, wieso wird geheuchelt? Wieso wird nicht erkannt was der Mensch ist und danach dann auch gehandelt. Die Welt würde soviel schöner und besser wenn man dazu stehen würde und danach handeln würde.

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