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29.04.2015

07:48 Uhr

Die nächsten Krawalle

Nationalgarde rückt in Baltimore ein

Ruhe ist in Baltimore noch nicht eingekehrt. Die Nationalgarde soll nun weitere Plünderungen und Vandalismus verhindern. US-Präsident Obama nennt die Tötung von Schwarzen durch Polizeibeamte eine „schwelende Krise“.

Ein Mann steht vor einer Barrikade von Polizisten: In der US-Stadt Baltimore herrscht nach dem Tod eines jungen afroamerikanischen Mannes der Ausnahmezustand. ap

Baltimore

Ein Mann steht vor einer Barrikade von Polizisten: In der US-Stadt Baltimore herrscht nach dem Tod eines jungen afroamerikanischen Mannes der Ausnahmezustand.

Baltimore/WashingtonTrotz einer Ausgangssperre und der Präsenz der Nationalgarde ist es in Baltimore die zweite Nacht in Folge zu Unruhen gekommen. Bereitschaftspolizisten setzten am Abend Rauchgranaten und Pfefferspray gegen rund 200 Demonstranten ein, die ein von Bürgermeisterin Stephanie Rawlings-Blake ausgesprochenes Ausgehverbot ignoriert hatten. Die Protestler schleuderten Flaschen auf die Beamten, hoben die Rauchgranaten auf und warfen sie zurück. Gegen 23.00 Uhr hatten die Einsatzkräfte große Teile der Menschen von den Straßen vertrieben.

Hintergrund der explosiven Stimmung ist der mysteriöse Tod des Afroamerikaners Freddie Graye, der am 19. April in Polizeigewahrsam an einer Wirbelsäulenverletzung starb. Ein Video von seiner Festnahme zeigt, wie er nach einer Polizeikontrolle von Beamten in einen Transporter gezerrt wird. Wie und wann sich Gray an der Wirbelsäule verletzte, ist unklar.

Die Trauer um den jungen Mann war nach der Beerdigung am Montag in Gewalt umgeschlagen. Bei Krawallen gab es mindestens 20 verletzte Polizisten und 234 Festnahmen. Fast 150 Autos brannten.

Heftige Ausschreitungen

Ausnahmezustand in Baltimore

Heftige Ausschreitungen: Ausnahmezustand in Baltimore

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Der Gouverneur von Maryland, Larry Hogan, ließ in einer Reaktion die Nationalgarde aufbieten. 2000 Gardisten und 1000 Polizeibeamten seien in der Nacht zum Mittwoch im Einsatz gewesen, um einen weiteren Gewaltausbruch in der US-Stadt zu verhindern, berichtete er. Er versprach, dass es keine Wiederholung von Plünderungen, Brandstiftungen und Vandalismus geben werde.

Rund 15 Minuten nach dem Beginn der Ausgangssperre schritt die Polizei gegen die Protestierenden in einer Gegend ein, in der tags zuvor eine Apotheke gebrannt hatte. In einer weiteren Nachbarschaft nahmen die Polizisten drei bis vier Jugendliche fest, nachdem Beamte mit Steinen und Ziegeln attackiert worden waren. Mindestens ein Polizeibeamter wurde verletzt. Es war der erste Einsatz der Garde in Baltimore seit 1968. Damals mussten die Spezialkräfte nach dem Attentat auf den Bürgerrechtler Martin Luther King Unruhen unterdrücken.

Die Ausgangssperre sollte ab Dienstag eine Woche lang gelten, hatte Bürgermeisterin Stephanie Rawlings-Blake bekanntgegeben. Alle öffentlichen Schulen wurden geschlossen. Zum wohl ersten Mal in der 145-jährigen Geschichte des US-Baseballs sollte ein Spiel am Mittwoch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden.

US-Präsident Barack Obama bezeichnete die Fälle von mehreren von der Polizei getöteten Afroamerikaner als schwelende Krise. Das Phänomen trete schon länger auf, doch gebe es durch Kameras und soziale Medien ein neues Bewusstsein für solche Fälle, sagte Obama am Dienstag auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus. Es hätten zu viele beunruhigende Vorkommnisse zwischen Polizisten und Schwarzen stattgefunden.

Es gebe dennoch „keine Entschuldigung“ für die Gewalt, befand Obama. Über die Plünderer sagte er: „Sie protestieren nicht. Sie machen keine Aussage. Sie stehlen.“ Sie sollten wie Kriminelle behandelt werden, forderte das Staatsoberhaupt.

Unruhen in Baltimore: Der Mittelklassen-Effekt

Unruhen in Baltimore

Der Mittelklassen-Effekt

Die Straßenunruhen in Baltimore zeigen, wie ungleich sich die US-Wirtschaftserholung auswirkt. Die Mittelklasse und die ärmeren Schichten leiden – trotz des erwarteten Anstiegs des US-Bruttoinlandsprodukts.

Die demokratische Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton zeigte sich erschüttert über die jüngsten Ereignisse in Baltimore. Der Fokus müsse darauf liegen, das System zu reformieren, forderte sie auf einer Spendenveranstaltung für ihren Wahlkampf.

Die beherzte Mutter eines 16 Jahre alten Randalierers wird derweil in Sozialen Medien bejubelt. Die alleinerziehende Toya Graham hatte ihren Sohn vor laufenden Kameras geschlagen und zurechtgewiesen, als sie ihn unter den Krawallmachern entdeckte - was sogar der Polizeikommissar von Baltimore bejubelte.

Netz feiert Mutter eines Baltimore-Randalierers: „Mom Of The Year“

Netz feiert Mutter eines Baltimore-Randalierers

„Mom Of The Year“

Die Mutter eines 16-Jährigen wird in den sozialen Netzwerken als „Mom Of The Year“ gefeiert. Die Alleinerziehende hatte ihren Sohn unter den Krawallmachern von Baltimore entdeckt – und lautstark zurechtgewiesen.

Von

ap

Kommentare (7)

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Herr Teito Klein

29.04.2015, 07:47 Uhr

"Kriegszone" Baltimore
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Die Bilder sind einem inzwischen leider allzu vertraut: Geplünderte Läden, brennende Autos, Steine fliegen, Polizisten rücken auf, in voller Kampfmontur. Die Stadtverwaltung verhängt eine Ausgangssperre, der Gouverneur ruft den Notstand aus und mobilisiert die Nationalgarde.

In Baltimore schauen Eltern entsetzt und ohnmächtig auf die Gewalt ihrer Kinder: Diese attackieren mit rassistischer Brutalität vor allem Geschäfte arabischer und chinesischer Inhaber. Auch ein Seniorenheim geht in Flammen auf. Die Feuerwehr bittet um Verstärkung.

Die Gangs beherrschen die Straßen und ziehen marodierend durch die Gegend.
Das sind KEINE "Demonstranten", das ist Terror pur!.

Herr Phillip Schneider

29.04.2015, 08:06 Uhr

Man liest immer öfter von Polizisten die in den Staaten auf unbewaffnete schwarze Mitbürger schießen. Nicht zu rechtfertigen, das ist wohl wahr.
Man weiß allerdings nicht, wie es hinter den Kulissen aussieht. Wie sich die schwarzen Mitbürger verhalten. Wie es eben tagtäglich dort zugeht, wo es viele Parallelgesellschaften gibt. Natürlich kann auch Rassismus (den es auf beiden Seiten geben kann) ein Auslöser sein. Oder er entwickelt sich erst mit der Zeit. Parallelgesellschaften werden niemals funktionieren.
Auch hier sehe ich es irgendwann kommen (Salafismus, unkontrollierte Masseneinwanderung, Wirtschaftsflüchtlinge die nicht abgeschoben werden obwohl sie abgelehnt wurden, der Unmut der sich in der Bevölkerung breit macht).
So viele verschiedenen Kulturen können einfach nicht zusammenleben, auch wenn es viele immer noch nicht einsehen MÖCHTEN oder wollen, keine Ahnung. Gilt für Politik und Bevölkerung.

Herr C. Falk

29.04.2015, 08:11 Uhr

Mir waren in den vergangenen Monaten Pressemeldungen aufgefallen nach denen us-amerikanische Polizei und Nationalgarde massiv mit Kriegsgerät aufgerüstet wurde und Lagerkapazitäten für zu Inhaftierende geschaffen wurde.

Man scheint also mit bürgekriegsähnlichen Zuständen zu rechnen. Warum das so ist wird deutlich daran, dass die inneren Antagonismen der amerikanischen ethno-pluralistischen Gesellschaft und die massiven Vermögens- und Einkommensverhältnisse nicht mehr mit den üblichen Mitteln unter den Tisch
gekehrt werden können.

Ein Gesellschaft in der ein derartig hoher Prozentsatzt einer bestimmten Ethnie in Gefängnissen sitzt wie in den USA, ist eine kranke Gesellschaft.

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