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05.09.2015

15:55 Uhr

Die offenen Arme der Wiener

Rosen für die Flüchtlinge

VonHans-Peter Siebenhaar

Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise zeigt sich Wien von seiner besten Seite. Stadt, Polizei und viele Freiwillige empfangen und umsorgen die Flüchtlinge aus Ungarn. Dort hatten manche ganz andere Erfahrungen gemacht.

In Wien kommen viele Freiwillige zum Bahnhof und empfangen die Flüchtlinge. Reuters

Süßigkeiten und Spielzeug

In Wien kommen viele Freiwillige zum Bahnhof und empfangen die Flüchtlinge.

WienDie vom Fußmarsch erschöpften Flüchtlinge aus Ungarn treffen in Österreich auf eine Welle der Hilfsbereitschaft. Am Wiener Westbahnhof gab es Rosen für die Migranten, die vor allem aus Syrien stammen. Die Freude über ihre Ankunft stand vielen ins Gesicht geschrieben. Es gab Umarmungen und Jubel.

Österreich hatte sich logistisch gut auf die Ankunft der Flüchtlinge am Wiener Westbahnhof vorbereitet. Die Stadt Wien hatte Essenpakete zusammengestellt. Viele hundert Freiwillige brachten schnell Wasser, Obst, Brot und Hygieneartikel vorbei. Das Grüne und Rote Kreuz leistete medizinische Hilfe. Auch Psychologen standen bereit. Für die Flüchtlingskinder gab es Spielzeug. Sogar kostenlose Zigaretten wurden von Privatleuten verteilt.

Ein großer Teil der aus Ungarn gekommenen Flüchtlinge fuhr mit den ICs weiter nach Salzburg. Der Umstieg war von den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) reibungslos mit ausreichendem Personal organisiert. Mit Hilfe von Übersetzern und Hilfskräften, die Arabisch und Farsi sprechen, wurden an die Migranten kostenlose Fahrkarten ausgehändigt.

Einen anderen Teil der Flüchtlinge will aber in Österreich bleiben. Am Rande der Gleisanlagen standen ausreichend Busse bereit, um die Asylbewerber in die entsprechende Aufnahmeeinrichtung zur Registrierung zu bringen. Österreichische Zaungäste der Flüchtlingsankunft in Wien fühlten sich an 1989 erinnert, als massenweise DDR-Bürger die Flucht aus Ungarn nach Österreich und weiter nach Deutschland gelang.

Bis zum Nachmittag hatten es bereits 6500 Flüchtlinge von Ungarn nach Nickelsdorf, dem österreichischen Grenzübergang unweit des Neusiedler Sees geschafft. Das österreichische Innenministerium erwartet, dass es bis zum Samstagabend 10.000 werden. Der Bahnverkehr zwischen Österreich und Ungarn funktioniert immer noch nicht reibungslos. Von Wien aus fahren Züge nur bis zum ungarischen Grenzort Hegyeshalom.

Der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann, der sein Vorgehen eng mit Kanzlerin Merkel abstimmt, sagte am Samstagnachmittag: „Wir mussten verhindern, dass Menschen in Kriegsgebiete zurückgeschickt werden, das war eine Maßnahme der Menschlichkeit. Wir haben für diese Menschen einzustehen.“ Die Grenzbalken hätten für die Menschlichkeit aufgemacht werden müssen.

Das Verhältnis zwischen Österreich und Ungarn unter seinem rechtspopulistischen Premier Viktor Orbán ist gespannt. Faymann rügte den Umgang mit den Asylbewerbern in dem osteuropäischen EU-Land scharf. „Das ist (…) kein Empfang für die, die Hilfe dringend brauchen und um ihr Leben fürchten“, sagte der österreichische Kanzler. Man dürfe die Flüchtlinge nicht mit Hass, Ablehnung und Spott empfangen, sondern mit Menschlichkeit und Fürsorge.

Mehrere tausend Flüchtlinge waren am Freitagnachmittag am Budapester Keleti-Bahnhof zu einem Marsch nach Österreich aufgebrochen. Die hygienischen und medizinischen Umstände in der ungarischen Hauptstadt sind katastrophal. Staatliche und kirchliche Einrichtungen leisten am Budapester Ostbahnhof keine Hilfe.

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Viele Budapester stehen den Flüchtlingen weitgehend teilnahmslos oder auch ablehnend gegenüber. Die Migranten sind dort ganz auf private Initiativen wie „Migration Aid“ angewiesen. Die Budapester Polizei verhinderte nach Augenzeugenberichten am Freitag gewalttätige Übergriffe durch Rechtsextremisten auf die Migranten. Die ungarische Regierung hatte Freitagnacht entschieden, die Flüchtlinge nach Österreich ausreisen zu lassen.

Der Marsch legte den Verkehr in Richtung Westeuropa am Freitagabend in Budapest weitgehend lahm. Denn aufgrund mangelnder Ortskenntnisse marschierten Flüchtlinge, selbst ganze Familien mit Kinderwägen, auf der Autobahn M 1, die direkt nach Wien führt. Autofahrer sollten den direkten Weg zwischen Budapest und Wien meiden und über Bratislava oder andere Grenzübergänge ausweichen.

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