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31.01.2014

14:52 Uhr

Die Protestler von Kiew

„Es gibt keine Revolution ohne Blutvergießen“

VonPauline Tillmann

Der bekannteste Oppositionsführer Vitali Klitschko postuliert die Gewaltlosigkeit, doch die Demonstranten in Kiew wollen den Sturz der Regierung – um jeden Preis. Was treibt sie an? Ein Besuch hinter den Barrikaden.

Die Männer wechseln sich alle zwei Stunden auf den Barrikaden ab. Pauline Tillmann

Die Männer wechseln sich alle zwei Stunden auf den Barrikaden ab.

KiewWladimir sitzt am Feuer und wärmt sich. Sein Zelt steht auf dem Khreshchatyk, der ehemaligen Prachtmeile von Kiew. Seit Wochen ist hier von Pracht nicht mehr viel zu sehen. Die Pracht ist dem Pragmatismus gewichen. Und der sieht vor, dass man Gesicht zeigt. Dass man demonstriert. Dass man Barrikaden baut. Und dass man bei minus 20 Grad Außentemperatur in Zelten schläft.

Wladimir ist 38 Jahre alt und kommt aus Ternopil, einer Stadt im Westen der Ukraine, gut 400 Kilometer von Kiew entfernt. Als Wladimir in die Hauptstadt gefahren ist, war er nicht allein. 30 Leute sind mit ihm gekommen. Drei Tage werden sie bleiben. Dann fahren sie wieder zurück.

Die zentrale Frage ist: Warum machen sie das? Wladimir antwortet: „Wir haben die Nase voll von Janukowitsch. Wir haben keine unabhängigen Gerichte. Wenn man nicht schmiert, wird man verurteilt. Das ist doch alles nicht normal!“ „Normal“, das ist für ihn der Westen.

Euromaidan - Was steckt dahinter?

Wortkreation

Euromaidan ist eine linguistisch wie soziologisch spannende Wortkreation, die der Lage der Ukraine zwischen Ost und West - geografisch wie politisch - Rechnung trägt. Der Urheber des Begriffs ist nicht bekannt, möglicherweise ist Euromaidan eine Frucht des kollektiven Unterbewusstseins einer Nation.

Woraus setzt sich Euromaidan zusammen?

Die Bedeutung des ersten Teils des Wortes, „Euro“, liegt auf der Hand: Europa. „Maidan“ klingt für westeuropäische Ohren zunächst mysteriös. Das Wort hat persische Wurzeln und wurde vermutlich von den Osmanen ins Land gebracht. Es bedeutet „Platz“ oder „offener Ort“. Euromaidan deshalb mit „Europaplatz“ zu übersetzen, wäre zwar technisch korrekt, würde jedoch zu kurz greifen, denn es würde die emotionale Dimension außer Acht lassen, die dem Begriff seine Kraft verleiht.

Europa

Geografisch gehört die Ukraine zu Europa. Für die Demonstranten in den Straßen von Kiew ist Europa jedoch ein Konzept, eine lebhafte aber frustrierend weit entfernet Vision. Europa steht in ihren Augen für echte Demokratie, vertrauenswürdige Polizei und aufrichtigen Respekt der Menschenrechte.

Maidan

Maidan bezieht sich zunächst einmal auf den „Maidan Nesaleschnosti“ (Platz der Unabhängigkeit) im Zentrum von Kiew. Zerstört im Zweiten Weltkrieg, wurde er zur Sowjetzeit im Stil der Stalin-Architektur wieder aufgebaut - weder düster noch einschüchternd in seiner Ausstrahlung, doch mit Gebäuden hoch genug, um zu beeindrucken. Es herrscht eine angenehme Stimmung auf dem Platz und wenn sich die Kiewer dort verabreden, nennen sie ihn fast zärtlich bei seinem ersten Namensteil: „Lass uns auf dem Maidan treffen.“

Euromaidan

Wenn nun Europa und Maidan zu einem Wort verschmelzen, wird daraus vor allem eine Idee, losgelöst vom Platz. Und es ist nicht das erste Mal, dass der Kiewer Maidan Schauplatz von Protesten für westliche Werte wird. Während der Orangenen Revolution 2004 war der Platz das Zentrum der täglichen Demonstrationen, die zur Aufhebung der Präsidentenwahlen führte. Schon damals war Maidan eine zweisilbige Versinnbildlichung friedlichen Widerstands und entschlossener Handlung. Die Ausstrahlung von Euromaidan ist kräftig genug, dass ukrainische Medien die Wortschöpfung übernehmen und inzwischen sämtliche Protestaktionen im Land damit umschreiben.

Ambivalenz des Begriffs

Die Welle des zivilen Widerstands 2004 war ergreifend und mitreißend, doch die Hoffnungen, die mit der Orangenen Revolution verbunden waren, blieben weitgehend unerfüllt. Auf den Umschwung folgten Jahre geprägt von Streit und Ernüchterung. 2010 wählten die Ukrainer Viktor Janukowitsch zu ihrem Präsidenten, denselben Mann, der die 2004 rückgängig gemachte Wahl nominell gewonnen hatte. Die Heldin der Revolution, Julia Timoschenko, landete wegen Machtmissbrauchs als Regierungschefin im Gefängnis.
Daher ist auch die endgültige Bedeutung von Euromaidan zunächst noch undefinierbar. Es muss sich noch herausstellen, ob der Begriff für Erfolg oder Scheitern steht.

Die Gesetze, die dort herrschten, seien normal. Seit 14 Jahren fährt er ins Ausland, um dort Geld zu verdienen. Nach Polen, Litauen, manchmal auch nach Russland. Wladimir arbeitet auf dem Bau. Gerne würde er in seinem Heimatland arbeiten, aber in der Ukraine wird seit der Fußball-Europameisterschaft 2012 nicht mehr viel gebaut. „Außerdem zahlt das Ausland besser“, sagt er.

Die Regierung streut immer wieder das Gerücht, dass die Demonstranten dafür, dass sie auf die Straße gingen, Geld bekämen. Beim sogenannten „Anti-Maidan“ im Kiewer Regierungsviertel, wo Janukowitsch-Befürworter Fahnen schwenken, ist es üblich mit 15 bis 20 Euro am Tag entlohnt zu werden.

Wenn man aber mit den „echten“ Demonstranten vom Khreshchatyk spricht merkt man, dass das nicht sein kann. So reden keine Menschen, die gekauft sind. So reden Menschen, die eine tiefe Überzeugung haben.

Ein Beispiel: Mitten im Gespräch fängt eine Gruppe von zehn Männern aus voller Inbrunst an zu singen. Manche fassen sich symbolträchtig ans Herz. Fast bekommt man den Eindruck, als ob diese Revolution dazu geführt hat, dass die Ukrainer ihren Nationalstolz wiederentdeckt haben.

Wladimir sagt, dass es früher keine Nation gab. Schließlich seien die Leute der Sowjetunion entsprungen, Stichwort „homo sovieticus“. Doch jetzt, jetzt sei alles anders. Denn: „Wir gehen hier nicht weg, bis wir den Krieg gewonnen haben.“

Kommentare (18)

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Foley

31.01.2014, 15:14 Uhr

Ja was den jetzt: "denn die ganze Bewegung konzentriert sich auf wenige Plätze in Kiew" oder "Doch Fakt ist, dass immer mehr Verwaltungssitze – vor allem außerhalb von Kiew – gestürmt werden" ?????? Wie kann man den einen Artikel schreiben, der ´sich allein auf einer Seite widerspricht???? Ich glaub gar nix mehr, wenn ichs net selber seh....

compact-magazin_com

31.01.2014, 15:26 Uhr

@Foley

Kann man alles glauben, was in den gleichgeschalteten Medien steht?

In den gleichgeschalteten Westmedien ist immer nur die Rede von 50-80.000 Demonstranten in Kiew.

Auf den Fotos sind nur ein paar Chaoten zu sehen!

Gibt es in den anderen Städten keine Proteste?

Kiew hat 2,5 Mio. Einwohner!

Die ganze Ukraine 45 Mio.!!!

Sind 50-80.000 Demonstranten repräsentativ für die ganze Ukraine???

Kann es sein, dass eine gut organisierte Minderheit mit Hilfe des Westens die gewählte Regierung stürzen will?

donolli

31.01.2014, 15:28 Uhr

Der ukrainische Historiker Andrej Plachonin über die Passivität und „Neutralität“ Europas im Kontext der ukrainischen Revolution.

Über die Hehler:

Während die Ukrainer ihr Blut für europäische Werte vergießen, hat sich Europa in ein Rattennest verwandelt, wo osteuropäische Diebe und Mörder mit Staatsämtern in völliger Sicherheit das Geraubte versaufen und verfressen. Europäische Werte sind teuer, wozu denn sollte Europa auf so eine fette Belohnung verzichten, denn, wie noch der Kaiser Vespasian sagte, «Pecunia non olet» (Geld stinkt nicht).
Das satte Europa hat längst vergessen, wie es selbst vor zwei Jahrhunderten auf den Barrikaden das Recht auf eben diese europäischen Werte erkämpfte und wie teuer es das Abweichen von diesen Werten in den beiden Weltkriegen des vorigen Jahrhunderts bezahlen musste. Wenn nun Hunderttausende von Ukrainern zur Verteidigung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte auf die Barrikaden gehen, erschrickt das satte Europa vor ihrem Extremismus. Es hat vergessen, dass die Werte, die Europa vereinen, keine Selbstverständlichkeit sind, sondern eine Errungenschaft. Es hat vergessen, dass diese Werte — die amerikanische «United States Declaration of Independence» und «Bill of Rights», oder die französische «Déclaration des Droits de l' Homme et du Citoyen», — mit dem Blut der Helden im Kampf gegen die Tyrannei bezahlt wurden.
Heute sind die Urenkel dieser Helden bereit, einem beliebigen Tyrannen in Moskau, Minsk oder Kiew zu applaudieren, um sich durch ein patriarchales Bild des satten Wohlstands für Sklaven unter der weisen Führung eines aufgeklärten Sklavenhalters einlullen zu lassen. Entscheiden Sie sich doch: Brauchen Sie Ideale oder Illusionen?
Der Kampf um Europa findet jetzt in Kiew, in der Ukraine statt. Geht er verloren, wird das alte Europa Stück für Stück von jungen Raubtieren aufgekauft. Schon jetzt besitzen sie dort prachtvolle Landgüter, Banken und Unternehmen.

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