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27.08.2014

11:16 Uhr

Die „Spanische Grippe“

Der Parasit des Weltkrieges

VonThorsten Giersch

Der Erste Weltkrieg raffte nicht nur Millionen in den Schützengräben hin. Die „Spanische Grippe“ war noch tödlicher als die Gewehrkugeln. Die Mutter der Epidemien hatte ihren Ursprung an einem unscheinbaren Ort.

Ein Notkrankenhaus in Fort Riley, Kansas. Die Spanische Grippe kostete zwischen 20 bis 50 Millionen Menschen das Leben. ap

Ein Notkrankenhaus in Fort Riley, Kansas. Die Spanische Grippe kostete zwischen 20 bis 50 Millionen Menschen das Leben.

DüsseldorfEs begann in Haskel County. Dass Kaff liegt westlich von Dodge City im US-Bundesstaat Kansas. Und Haskel County hatte noch nie einen kälteren Winter erlebt als den 1917/1918. Viele Einwohner schlugen sich über Wochen hinweg mit einer hartnäckigen Grippe herum. So auch ein junger Soldat unbekannten Namens, der ein paar freie Tage in diesem virenträchtigen Niemandsland verbrachte und sich ansteckte.

Bei seiner Rückkehr ins Armeesammellager in Ford Riley brachte er die Erreger unter die Kameraden. 56.000 Soldaten erhielten zu dieser Zeit ihre Grundausbildung in Ford Riley – nur ein US-Camp war größer. Es war eng in den eilig aus dem Boden gestampften Baracken. Die Grippe breitete sich rasend schnell unter den Soldaten aus – auch in anderen Camps.

Fakten zum Ersten Weltkrieg

Wer war der "Rote Baron"?

Wegen der roten Farbe seiner Flugzeuge wurde Manfred von Richthofen, der legendäre Kampfflieger des kaiserlichen Deutschland, so genannt. Nach 80 Luftsiegen wurde er im April 1918 über Frankreich abgeschossen.

Welche Rolle spielten Panzer?

Der britische Marineminister Winston Churchill hatte sich schon früh für gepanzerte Kampfwagen starkgemacht. In Nordfrankreich versetzten hunderte britische "Tanks" ab 1916 die Deutschen in Angst und Schrecken, waren aber noch nicht kriegsentscheidend. Deutschland produzierte bis Kriegsende nur etwa 20 frontreife Panzer.

Warum gilt der Krieg als Weltkrieg?

Europa war der Hauptkriegsschauplatz. Aber die geografische Dimension des Krieges umfasste Regionen und Länder aller Kontinente. Nebenschauplätze waren die deutschen Kolonien in Afrika, Asien und im Pazifik, der Nahe Osten, der Kaukasus und die Weltmeere.

Wie viele Länder waren beteiligt?

Direkt und indirekt etwa 40, einschließlich der britischen Empire-Gebiete. Trotz Kriegerklärungen schickten vor allem einige mittelamerikanische Staaten keine Truppen. Andere Länder wie Spanien, die Schweiz und Argentinien blieben neutral.

Welches Land überfiel Deutschland zuerst?

Das neutrale Luxemburg wurde am 2. August 1914 von deutschen Truppen besetzt. Die junge Großherzogin Maria-Adelheid galt als deutschfreundlich, was sie nach Kriegsende den Thron kostete.

Welche Gebiete musste Deutschland 1918 abtreten?

Sämtliche Kolonien sowie etwa 13 Prozent des vorherigen Gebiets mussten abgetreten werden. Dazu zählten Elsass-Lothringen (an Frankreich), Westpreußen, die Provinz Posen und Teile Schlesiens (an Polen), die Kreise Eupen und Malmedy (an Belgien) sowie das Saargebiet, Danzig und das Memelland (unter Verwaltung des Völkerbunds).

Welches Land hatte besonders hohe Menschenverluste?

Serbien, dem Österreich-Ungarn eine Mitschuld an der Ermordung seines Kronprinzen gab, verlor - gemessen an seiner Bevölkerung - mehr Menschen als jedes andere Land. 1,1 Millionen Tote machten 24 Prozent der damaligen Bewohner aus.

Leben noch Teilnehmer des Ersten Weltkrieges?

Nein. Der letzte Veteran, der Brite Claude Stanley Choules, starb mit 110 Jahren im Mai 2011 in einem Pflegeheim in Australien. Bereits im Januar 2008 war bei Köln der letzte deutsche Kriegsteilnehmer gestorben. Der pensionierte Richter Erich Kästner wurde 107 Jahre.

Warum wurden Schützengräben angelegt?

Als der deutsche Vormarsch stagnierte, schaufelten die Soldaten beider Seiten an der 750 Kilometer langen Westfront ein gestaffeltes Graben- und Tunnelsystem. Damit sollte zunächst die Front gehalten werden, um später wieder in die Offensive gehen zu können. Die bis zu zehn Meter tiefen Unterstände boten allerdings keinen sicheren Schutz vor Artilleriefeuer.

Wo wurde erstmals Giftgas eingesetzt?

Bei der belgischen Stadt Ypern, am 22. April 1915 von deutschen Truppen gegen französische Stellungen. Mindestens 1200 alliierte Soldaten kamen durch das Luftwege und Lungen verätzende Chlorgas um.

Was verband den Kaiser und Lenin?

Die ideologischen Todfeinde wollten den Krieg im Osten beenden. In einer Geheimaktion schleuste Deutschland den russischen Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin im April 1917 aus dem Schweizer Exil nach Petrograd (heute St. Petersburg). Nach der bolschewistischen Revolution schloss er im März 1918 Frieden mit Deutschland.

Wer kannte "keine Parteien mehr"?

Kaiser Wilhelm II. beschwor am 4. August 1914 im Reichstag den Zusammenhalt der Nation. "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche." Auch weite Teile der SPD stimmten dem Burgfrieden zu, weil sie das Vaterland bedroht sahen.

Anfang April landete das Virus zum ersten Mal auf dem alten Kontinent, als die US-Soldaten in Brest landeten. In den Schiffskabinen, Kasernensäle, Zelte und natürlich den engen Schützengräben breitete sich die Grippe aus. Rasch steckten sich auch Zivilisten an. Vorsorge gab es nicht, die Zensur behinderte Berichterstattung in den Medien. Einzig in Spanien wurde frei berichtet – deswegen bekam die Krankheit auch den Namen „Die Spanische Grippe“.

Die Grippe wütete besonders stark unter den 20 und 35 Jahren, was an sich für eine Epidemie ungewöhnlich ist. „Das menschliche Immunsystem bekämpfte die Krankheit, indem es die Lungen mit blutigem Schaum füllte, der zwar Antikörper enthielt, an dem die Opfer aber innerlich erstickten“, schreibt der Historiker Adam Hochschild in seinem Buch „Der Große Krieg“.

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Die Julikrise vor genau 100 Jahren mündete im Ersten Weltkrieg. Die Historikerin Margaret MacMillan zieht zum Teil erschreckende Parallelen zu 2014: Die Gefahr eines dritten Weltkrieges sei zuletzt deutlich gestiegen.

Wie viele Menschen der Grippe-Pandemie zum Opfer fielen, kann nur geschätzt werden. Historiker sprechen mal von 50 Millionen, mal von 21 Millionen Toten weltweit. Auf jeden Fall waren es mehr als doppelt so viele wie im Krieg durch Waffen ums Leben kamen. Vieles spricht für eine höhere Zahl, weil es allein schon in Indien 17 Millionen Opfer gegeben haben dürfte. Dort wurde der Virus von in Europa kämpfenden Indern eingeschleust.

Auf amerikanische Seite standen 48.909 Gefallenen 62.000 Grippetote gegenüber. Weit schlimmer traf es die Menschen in Deutschland: Hier starben allein im Jahr 1918 rund 400.000 Menschen an der Grippe. Der anhaltende Hunger der Menschen kam erschwerend hinzu. Der Historiker Jörg Friedrich schreibt in seinem Buch „14/18“: „Der Parasit des Krieges war vernichtender als dieser selbst.“

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