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27.04.2016

19:32 Uhr

Die Versprechen von Kim Jong Un

Schöner Schein in Nordkorea

VonMartin Kölling

Deutsche Autos, französischen Rotwein, japanische Kameras: In Nordkorea bildet sich eine Schicht von Neureichen. Das Regime will Aufbruchsstimmung erzeugen. Doch die ist nur Fassade – das Land steht vor einer Krise.

Lässt sich feiern: Nordkoreas Diktator Kim Jon Un. dpa

Kim Jong Un

Lässt sich feiern: Nordkoreas Diktator Kim Jon Un.

TokioLange Zeit haben Nordkorea es gehütet wie ein Staatsgeheimnis, nun ist es amtlich: Das Datum für den ersten Kongress der Nordkoreanischen Arbeiterpartei seit 36 Jahren. „Das Politbüro des Zentralkomitees der Arbeiterpartei Koreas entscheidet, den siebten Kongress der Arbeiterpartei am 6. Mai in Pjöngjang zu eröffnen“, berichtete Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA am Mittwoch den mit Spannung erwarteten Termin im letzten Satz ihrer Meldung.

Die Vorbereitungen auf den Kongress in Nordkorea sowie die Spekulationen im Ausland über seine Bedeutung laufen bereits seit der Ankündigung des Kongresses im Herbst 2015 auf Hochtouren. Im Februar veröffentlichte die Führung 400 Slogans, die laut dem Sprachrohr der Führung, der Zeitung Rodong Sinmun, die Begeisterung des Volks für „epochale Veränderungen“ anstacheln sollen. Doch was sagen die Schlachtrufe aus für die Zukunft des Landes?

Eine Auswahl: „Lasst uns die gesamte Partei zu einem Kristall der Ideen und des Glauben des großen Kim-Il-sungismus und Kim-Jongilismus machen! Mache den Außenhandel multilateral und divers! Lass uns definitiv das Problem mit Konsumgütern lösen! Darüber hinaus sollen mehr militärische Mittel zur Überwältigung der reichlich vorhandenen Feinde entwickelt werden. Außerdem wird die Stärkung der Fischerei, Landwirtschaft, des Bergbaus und des Autobaus beschrien.

Wo der Kommunismus noch lebt

Kommunistische Regime der Gegenwart

Vor dem Fall der Sowjetunion gab es zahlreiche Länder mit kommunistischen Regierungen. 2016 verbleiben noch vier, oder - je nach Lesart des nordkoreanischen Regimes - fünf.

Quelle: dpa

China

Mit 1,3 Milliarden Menschen bevölkerungsreichstes Land der Welt. Es hat den Aufstieg zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt seiner Abkehr vom kommunistischen Wirtschaftsmodell zu verdanken. Seit den 1980er Jahren verfolgt China eine Politik der Reformen und der Öffnung. Die sozialistische Marktwirtschaft funktioniert nach kapitalistischen Methoden. Die kommunistische Ideologie wird gepflegt, dient aber nur dem Erhalt der Diktatur der Kommunistischen Partei.

Vietnam

Nachbarland Chinas, etwa so groß wie Deutschland ohne Hessen, mit mehr als 3000 Kilometern Küste am Südchinesischen Meer. Rund 94 Millionen Einwohner. Ho Chi Minh gründete die Kommunistische Partei in den 1930er Jahren im Kampf gegen die Kolonialmacht Frankreich. Nach der Niederlage Frankreichs besiegten die Kommunisten auch das US-gestützte Regime in Südvietnam. Seit 1975 regieren sie das vereinigte Land. Seit 1986 gibt es marktwirtschaftliche Reformen.

Kuba

Gut elf Millionen Einwohner, etwa so groß wie einst die DDR. Nach der Revolution von 1959 wandte es sich Anfang der 1960er Jahre zum Kommunismus und suchte bei der Sowjetunion Schutz vor dem kapitalistischen Nachbarn USA, der zuvor großen Einfluss auf der Insel hatte. Bis 2006 regierte Revolutionsführer Fidel Castro (89). Unter Fidels jüngerem Bruder Raúl (84) versucht Kuba seit einigen Jahren mit zaghaften markwirtschaftlichen Reformen, die marode Wirtschaft des Landes anzukurbeln.

Laos

Armes Nachbarland Vietnams ohne Küstenzugang, etwas kleiner als die Bundesrepublik ohne die neuen Bundesländer. Knapp sieben Millionen Einwohner. Laos war Teil des französischen Kolonialgebiets Indochina. Im Vietnamkrieg wurde es zum meist bombardierten Land der Welt. US-Bomber legten weite Teile in Schutt und Asche, weil vietnamesische Kommunisten sich im Grenzgebiet versteckten. Bis heute sind die Böden verseucht. Nach dem Ende des Vietnamkriegs marschierte Vietnam ein und installierte 1975 die kommunistische Regierung.

Nordkorea

Nachbarland Chinas, etwa ein Drittel so groß wie Deutschland, 24 Millionen Einwohner. Die UN werfen der Diktatur gröbste Menschenrechtsverletzungen vor. Nordkorea hat zwar 2009 alle Bezüge zum Kommunismus aus seiner Verfassung gestrichen. Aber die Arbeiterpartei wurde 1945 als Zweig der ehemaligen Kommunistischen Partei gegründet. An der Spitze von Staat, Partei und Armee steht der Machthaber Kim Jong Un; er „erbte“ die Machtposition von seinem Vater. Bereits sein Großvater Kim Il Sung war mit Hilfe Moskaus an die Spitze der Partei gelangt und wird als Staatsgründer verehrt.

Summa summarum ist es sicherlich kein Zufall, dass die Schlachtrufe zur bisherigen Marschrichtung des jungen Führers Kim Jong Un passen. Unter seiner Führung wurde die Militär-zuerst-Strategie seines Vaters Kim Jong Il in die byungjin-Strategie umgeformt: eine gleichzeitige Entwicklung der Wirtschaft und des atomaren Arsenals.

Kim Ga-Young vom kleinen Online-Magazin „Daily NK“ vermutet, dass Kim den Parteitag zur Stärkung seiner Macht und seiner Politik nutzen will. Es scheine, dass Kim den Kongress „als Plattform nutzen will, um die Ankunft seiner eigenen Ära anzukündigen“. Und die besteht unter anderem darin, mehr Markt zuzulassen, die Macht vom Militär stärker zur Partei umzuverteilen und das Militär mit der Entwicklung von Atombomben und –Raketen zu belohnen.

Mit Spannung wird daher erwartet, welche Institutionen umorganisiert werden, wer welche Posten bekommt und ob der Parteitag wirtschaftspolitisch epochale Richtungsentscheidungen trifft. Denn eines ist sicher: Nordkorea befindet sich schon lange in einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformation.

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