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21.08.2011

22:27 Uhr

Diktator vor dem Sturz

Gaddafi will „bis zum Ende“ in Tripolis bleiben

Es scheint nur noch eine Frage von Stunden zu sein: Die Rebellen stehen in Tripolis. In den westlichen Bezirken sollen sie auf keine Gegenwehr gestoßen sein. Libyens Diktator Gaddafi meldet sich mit einer Audio-Botschaft zu Wort.

Rebellen erreichen Tripolis

Video: Rebellen erreichen Tripolis

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Tripolis/BerlinSechs Monate nach Ausbruch des libyschen Bürgerkriegs sind die Rebellen erstmals in die Hauptstadt Tripolis vorgedrungen. Einheiten der libyschen Rebellen haben die westlichen Randbezirke von Tripolis erreicht. Sie seien dabei auf keinen Widerstand gestoßen. In der Nacht zum Sonntag waren Bewohnern zufolge in mehreren Stadtteilen Kämpfe zwischen den Aufständischen und Truppen von Machthaber Muammar Gaddafi ausgebrochen, die stundenlang anhielten. Auch nach Tagesanbruch waren Schüsse zu hören, wie Korrespondenten aus dem Stadtzentrum berichteten. Die Nato, die die Rebellen mit Luftangriffen unterstützt, bombardierte nach einem Bericht des Fernsehsenders Al-Dschasira Gaddafis Militärkomplex in der Stadt.

Unter dem Eindruck der näher rückenden Rebellen kündigte Gaddafi an, „bis zum Ende“ in der Hauptstadt Tripolis bleiben zu wollen. In einer im Staatsfernsehen am Sonntag ausgespielten Audio-Botschaft rief Gaddafi seine Anhänger auf, die Hauptstadt zu befreien. Der seit 41 Jahren herrschende Machthaber kündigte an, dazustoßende Unterstützer mit Waffen zu versorgen. Er habe Sorge, „dass Tripolis brennen wird“, sagte Gaddafi. Wie der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira berichtete, versicherte Gaddafi, er sei noch in Tripolis und seine Truppen würden niemals aufgeben. „Wir werden den Sieg erringen“, versprach er.

Libysche Rebellen 25 Kilometer vor Tripolis Reuters

Libysche Rebellen 25 Kilometer vor Tripolis

Zuvor war gemeldet worden, dass Gaddafi die Hauptstadt angeblich in Richtung algerische Grenze verlassen haben. Aus gut informierten Kreisen in Tripolis verlautete, er halte sich mit seiner Familie in einer Region unweit der Grenze auf und werde vom Al-Orban-Stamm beschützt. Eine Bestätigung für die Nachricht von der Flucht Gaddafis aus Tripolis gab es zunächst aber nicht - weder von den Rebellen noch von algerischer Seite. Ein Beamter des Außenministeriums in Algier sagte auf Anfrage, Gaddafi halte sich derzeit nicht in Algerien auf.

„Die Stunde null hat begonnen. Die Rebellen in Tripolis haben sich erhoben“, sagte der stellvertretende Chef des Nationalen Übergangsrats der Aufständischen, Abdel Hafis Ghoga, in ihrer Hochburg Benghasi der Nachrichtenagentur Reuters. Gaddafi sagte dagegen in einer am Morgen vom Staatsfernsehen gesendeten Audio-Botschaft, die Angriffe seien abgewehrt und die Rebellen, die er als Ratten beschimpfte, eliminiert worden.

Vom Aufstand gegen Gaddafi zum Kampf um Tripolis

15. Februar

Die Protestwelle aus Tunesien und Ägypten schwappt auf Libyen über. In Bengasi kommt es zu Zusammenstößen zwischen Aufständischen, der Polizei und Anhängern von Machthaber Muammar al-Gaddafi. Blutige Kämpfe folgen.

25. Februar

Bengasi wird Rebellen-Hochburg, Regierungstruppen sind nicht mehr in der Stadt. Die USA verhängen Sanktionen, um Gaddafi zum Nachgeben zu zwingen.

26. Februar

Gaddafis Truppen kontrollieren nur noch wenige Großstädte im Westen, darunter ihre Machtbasis Tripolis. Die Vereinten Nationen beschließen Strafmaßnahmen.

27. Februar

Vermutlich Tausende Menschen sind tot oder verletzt. Die Aufständischen bilden eine Übergangsregierung, spalten sich aber. Ein Teil gründet den libyschen Nationalrat in Bengasi. Die Kämpfe gehen weiter.

28. Februar

Auch die Europäische Union beschließt einstimmig Sanktionen, die am 11. März in Kraft treten. Konten der libyschen Führung in deutschen Banken werden eingefroren.

2. März

Luftwaffeneinsatz der Gaddafi-Truppen; sie dringen in Rebellengebiete im Osten ein.

5. März neu

Der libysche Nationalrat fordert eine Flugverbotszone. Erbitterte Kämpfe um strategisch wichtige Städte.

11. März

Gaddafis Truppen übernehmen die Kontrolle über die Stadt Al-Sawija, später auch den Ölhafen Ras Lanuf und die Hafenstadt Brega. Die Opposition bittet um Verhängung einer Flugverbotszone.

12. März

Arabische Liga fordert eine Flugverbotszone.

17. März

Der UN-Sicherheitsrat billigt eine Flugverbotszone ohne Einsatz von Bodentruppen. Deutschland enthält sich.

18. März

Gaddafis Regime kündigt einen Waffenstillstand an. Die Aufständischen beklagen indes fortgesetzte Angriffe.

19. März

Spitzenpolitiker aus aller Welt stimmen in Paris das weitere Vorgehen ab. Kurz danach starten die USA, Frankreich und Großbritannien einen ersten Militärschlag gegen Libyen.

20. März

Nach massiven Luftangriffen gegen libysche Militäreinrichtungen droht Gaddafi mit Vergeltung.

23. März

Die Nato beginnt mit der Durchsetzung des Waffenembargos.

Ende März, erste Aprilwoche

Unklare Lage um die Städte Misrata, Sirte und Ras Lanuf, die Kontrolle wechselt immer wieder zwischen Regierungstruppen und Rebellen.

7. April

Zum zweiten Mal werden Rebellen durch einen Nato-Luftschlag getötet.

April

Den ganzen Monat lang wogen Kämpfe um Misrata.

28. Mai

Die Nato greift erneut Ziele in Tripolis an. Russland schließt sich den Rücktrittsforderungen an die Adresse Gaddafis an.

7. Juni

Die Nato intensiviert ihre Tagangriffe auf Tripolis.

13. Juni

Die Bundesregierung erkennt den Nationalen Übergangsrat als legitime Vertretung des libyschen Volkes an.

26. Juni

Rund 100 Tage nach Beginn der Kämpfe weigert sich Gaddafi nach wie vor, abzutreten.

11. Juli

Die libysche Regierung steht mit mehreren Regierungen in Verhandlungen, um den Krieg zu beenden.

Juli und August

Schwere Kämpfe um eine Reihe von Städten, Fortsetzung der Nato-Luftangriffe.

20. August

Heftige Gefechte in Tripolis. Die Rebellen kontrollieren nach eigenen Angaben Teile der Hauptstadt. Es gibt viele Tote. Der Kampf um die Hauptstadt hat begonnen.

Die Kämpfe schienen sich auf einzelne Stadtviertel zu begrenzen und zunächst nicht auf die ganze Stadt auszuweiten. Sie waren aber nach Angaben der Rebellen abgestimmt mit Aufständischen, die vom Westen und Süden aus versuchten, weiter auf die Hauptstadt vorzurücken. Aus diplomatischen Kreisen in Paris war zu vernehmen, die Rebellen in der Stadt wären in die vor Monaten ausgearbeiteten Pläne eingeweiht gewesen und hätten nur auf das Signal zum Handeln gewartet. Dieses kam Bewohnern zufolge, als Imame am Abend über die Lautsprecher der Moscheen die Menschen auf die Straße riefen.

„Unsere Revolutionäre kontrollieren mehrere Viertel, und andere kommen von außerhalb in die Stadt, um sich ihren Brüdern in dieser Zeit anzuschließen“, sagte Ghoga vom Übergangsrat der Rebellen. In der vergangenen Woche hatten die Rebellen nach monatelangem Stillstadt wichtige strategische Erfolge erzielen können. So nahmen sie Sawija westlich von Tripolis ein und kappten damit die wichtigste Versorgungsroute der Hauptstadt. Auch standen sie unmittelbar vor Al-Asisija etwa 45 Kilometer südlich von Tripolis.

In Benghasi und anderen Orten strömten die Aufständischen auf die Straßen und feierten ihre Mitstreiter in der Hauptstadt. Auch im Nachbarland Tunesien, wo die Welle der arabischen Revolten Anfang des Jahres ihren Anfang genommen hatte, lösten die Nachrichten von den Kämpfen Freudenfeste aus. „Heute Nacht habt Ihr die Angst besiegt“, sagte Gaddafis langjährige rechte Hand, der erst am Samstag zu den Rebellen übergelaufene Abdel Salam Dschallud, in einer Internet-Videoschaltung mit Al-Dschasira.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte im ZDF, es wäre gut, wenn Gaddafi „möglichst schnell aufgibt, um Blutvergießen zu vermeiden“. Gaddafi habe „mit seinem Krieg gegen das eigene Volk jede Legitimation verloren“, sagte Außenminister Guido Westerwelle. „Jeder Tag, den Oberst Gaddafi früher das Land verlässt, ist ein guter Tag für Libyen und das libysche Volk.“ Deutschland werde dabei helfen, „dass die Zeit nach Gaddafi auch gelingt, dass das Land eine gute und sichere und wirtschaftlich vernünftige Entwicklung nimmt.“

Der Gaddafi-Clan

Muammar al-Gaddaf

Libyens Machthaber hat mehrere seiner Kinder in Schlüsselpositionen seines Landes untergebracht. Sein jüngster Sohn Saif al-Arab al-Gaddafi wurde in der Nacht zum Sonntag bei einem Luftschlag der Nato auf Tripolis getötet. Mitte März soll bereits sein Bruder Chamies Opfer eines Kamikaze-Piloten geworden und in einem Krankenhaus in Tripolis gestorben sein. Gaddafi ist seit 1970 in zweiter Ehe mit der Krankenschwester Safija Farkash verheiratet. Mit ihr hat er sieben Kinder.

Mohammed Al-Gaddafi

Der Informatiker wurde 1970 geboren und leitet das staatliche Post- und Fernmeldeunternehmen. Zudem besitzt er zwei libysche Mobilfunk-Anbieter. Er ist das einzige Kind von Gaddafi und der vermögenden Offizierstochter und Lehrerin Fatiha. Die Ehe wurde 1969 nach einem halben Jahr geschieden. Mohammed Al-Gaddafi führt zudem das Nationale Olympische Komitee.

Saif Al-Islam Al-Gaddafi

Sein Vorname wird mit „Schwert des Islams“ übersetzt. Nach einem Studium der Architektur und Wirtschaftswissenschaften in Tripolis, Wien und London gründete er 1999 die formal unabhängige Gaddafi-Stiftung für Entwicklung. Ihm gehören mehrere Wirtschaftsunternehmen. Nach Kritik am Führungsstil seines Vaters hatte er 2006 vorübergehend das Land verlassen. Seitdem gilt er im westlichen Ausland als möglicher reformorientierter Nachfolger des Diktators. Saif wurde 1972 geboren.

Al-Saadi Al-Gaddafi

Er besuchte die libysche Militärakademie und hat - wie sein Vater - den Rang eines Obersten. Nachdem er als Kommandant einer Eliteeinheit Islamisten in Libyen bekämpft hatte, ging er 2003 als Fußballprofi nach Italien. Er stand dort bei mehreren Erstligamannschaften unter Vertrag, kam aber kaum zum Einsatz, bevor er sich nach Doping-Vorwürfen verabschieden musste. Heute ist Al-Saadi (geboren 1973) Präsident des libyschen Fußballverbandes.

Mutassim Billah Al-Gaddafi

Mutassim (geboren 1975) absolvierte eine militärische Ausbildung in Libyen und Ägypten. Nach einem Zerwürfnis mit dem Vater floh er vorübergehend nach Ägypten. Später durfte er zurückkehren und befehligt nun die einflussreiche Präsidentengarde. In den vergangenen Jahren wurde Mutassim Billah wiederholt vom Vater mit wichtigen politischen und diplomatischen Aufgaben betraut.

Aischa Al Gaddafi

Die Juristin (geboren 1976) ist die einzige Tochter des Herrschers. Sie studierte in Tripolis und Paris. Aischa gehörte zu der Gruppe von Rechtsanwälten, die den gestürzten und später hingerichteten irakischen Diktator Saddam Hussein verteidigte. Sie ist seit 2006 mit einem Cousin ihres Vaters verheiratet und leitet heute eine libysche Wohltätigkeitsorganisation.

Hannibal Al-Gaddafi

Der Absolvent der Militärakademie in Libyen (geboren 1977) geriet durch seinen luxuriösen Lebensstil und Gewalttaten in die Schlagzeilen. 2005 soll er eine Freundin in einem Pariser Hotel niedergeschlagen haben. 2007 verhaftete ihn die Schweizer Justiz, weil er in Genf Hausangestellte misshandelt haben soll.

Saif-Al-Arab Al Gaddafi

Über diesen Sohn ist wenig bekannt. Nach Angaben eines libyschen Regierungssprecher war er bei seinem Tod in der Nacht zum 1. Mai 2011 etwa 29 Jahre alt. Er soll in München studiert haben, wo Saif-al-Arab mehrfach der Polizei auffiel, unter anderem wegen seines besonders lauten Ferraris und wegen Schlägereien in Nobel-Diskotheken.

Chamies Al-Gaddafi

Der nach Medienberichten nun getötete Sohn (geboren 1980) ist ebenfalls weitgehend unbekannt. Nach einer militärischen Ausbildung in Russland soll er zuletzt eine wichtige Funktion im libyschen Sicherheitsapparat bekleidet haben.

Milad Aubustaia Al-Gaddafi

Muammars Neffe wurde von dem Herrscher adoptiert. Während eines US-Bombenangriffs auf Tripolis 1986 soll er nach libyscher Legende das Leben des Machthabers gerettet haben. Die 15 Monate alte Adoptivtochter Hana wurde bei dem Bombardement getötet.

Auch ehemals enge Vertraute von Gaddafi sehen das Regime am Ende: So sagte etwa Abdulsalam Dschallud am Sonntagabend im italienischen RAI-Fernsehen: „Das Regime von Gaddafi wird zusammenbrechen, spätestens in zehn Tagen, vielleicht auch früher“. Seinen Angaben zufolge befindet sich Gaddafi in Tripolis und hat auch keine Chance, aus der libyschen Hauptstadt zu fliehen: „Alle Straßen sind blockiert. Der einzige Ausweg wäre über ein internationales Abkommen, und dafür ist es zu spät.“ Auch einen Selbstmord halte er für ausgeschlossen. Den Mut zum Freitod habe Gaddafi nicht, sagte Dschallud.

Der Libyer, früher Regierungschef in Tripolis und lange die Nummer zwei des Regimes, befindet sich inzwischen in Italien. Das hatte der italienische Verteidigungsminister Ignazio La Russa zuvor bestätigt. Italienische Medien hatten am Samstag berichtet, der ehemalige Freund Gaddafis sei von Libyen nach Tunesien geflohen und habe dann von Dscherba aus einen Flug Richtung Rom genommen. Vor ihm hatten bereits andere Weggefährten Gaddafis dem Diktator die Treue gekündigt.

Gaddafis Sohn Saif al-Islam gab dagegen Durchhalteparolen aus. „Die Revolte in Libyen wird keinen Erfolg haben. Ihr werdet niemals erleben, dass wir als Libyer uns ergeben und die weiße Fahne hissen. Das ist unmöglich. Dies ist unser Land, und wir werden es niemals verlassen“, sagte er vor einer handvoll applaudierender Anhänger. Das libysche Staatsfernsehen zeigte die Aufnahmen noch vor Morgengrauen.

Regierungssprecher Mussa Ibrahim erklärte, es seien lediglich einige kleinere Gruppen bewaffneter Rebellen nach Tripolis gelangt. Sie seien unschädlich gemacht worden: „Ich versichere den Libyern, Gaddafi ist Euer Führer ... Tripolis ist von Tausenden umgeben, um es zu verteidigen.“

Kommentare (3)

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kurzda

21.08.2011, 19:35 Uhr

Ein interessanter Satz
" Dieses kam Bewohnern zufolge, als Imame am Abend über die Lautsprecher der Moscheen die Menschen auf die Straße riefen. "

Das wird in islamistischen Replubiken enden. Die Religion wird da kräftigst mitmischen. In den anderen Ländern gab es die Demos auch ers immer nach den Freitagsgebeten. Die Verbindung Islam - Demokratie kann ich nicht herstellen

Rainer_J

21.08.2011, 20:12 Uhr

Ich würde mich nicht wundern, wenn nicht schon längst Fremdenlegionäre in Lybien kämpfen (natürlich ohne UN-Mandat).

Pendler

21.08.2011, 21:03 Uhr

Diese Staaten werden sich bis zur Bedeutungslosigkeit im Bürgerkrieg zermürben. Und die Frauen verschleiern sich aus Scham, was aus der islamischen Idee geworden ist.

Sie haben über Jahrzehnte die vielen Milliarden an Petro Dollar bekommen, doch sie haben das Geld sinnlos verschleudert. Ok, was will man auch schon von Regierungscvhefs verlangen, die noch vor 1 Generation nur Kamele getrieben haben.

Ein kurzes Aufflackern an Bedeutung, aber man kann schon jetzt sagen:

"Über ihre Spuren weht der Sand" und in 1-2 Gnerationen ist alles nur noch bedeutungslose Geschichte. So wie man Honecker gehasst und vergessen hat, so wird auch das arbaische Lagen schon bald wieder in die Bedeutungslosigkeit zurückkehren.





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