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05.06.2017

17:05 Uhr

Diplomatische Krise um Katar

DFB-Präsident schließt WM-Boykott nicht mehr aus

Katar in diplomatischer Isolation: Aus heiterem Himmel haben mehrere Länder, allen voran Saudi-Arabien, die Beziehungen zum Emirat abgebrochen. Der Vorwurf lautet auf Terrorunterstützung. Das ruft den DFB auf den Plan.

Die Spaltung unter Golfnationen nimmt zu. Reuters

Karte von Katar

Die Spaltung unter Golfnationen nimmt zu.

DubaiVier arabische Länder haben am Montag ihre diplomatischen Beziehungen zu Katar abgebrochen. Bahrain, Ägypten, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate gaben bekannt, dass sie ihr diplomatisches Personal aus Katar zurückziehen würden. Später verlautete auch von der international anerkannten Regierung im Jemen, dass sie ihre Verbindungen zu Katar gekappt habe. Katars Nachbarländer Saudi-Arabien, Bahrain und die Emirate schlossen auch die Grenzen.

Sie forderten Bürger Katars auf, in spätestens 14 Tagen auszureisen, wie der mit saudi-arabischen Geldern finanzierte TV-Kanal Al-Arabija am Montag meldete. Zudem müssen Katars Diplomaten die vier Länder auf deren Wunsch hin verlassen. Saudi-Arabien teilte weiter mit, dass katarische Soldaten aus dem laufenden Krieg im Jemen abgezogen würden, wo die Saudi-Araber eine Koalition gegen schiitische Huthi-Rebellen anführen.

Aus Regierungskreisen in Riad hieß es, Katar verletze seit Jahren die Souveränität Saudi-Arabiens und wolle das Königreich spalten, wie die staatliche saudi-arabische Nachrichtenagentur SPA meldete. Katar umarme zahlreiche Terrororganisationen, um der Stabilität in der Region einen Schlag zu versetzen. Dazu zählten neben dem IS und den Muslimbrüdern auch Gruppen, die vom Iran gefördert würden.

Die Entscheidung der Länder vergrößert die Kluft zwischen Golfnationen wegen Katars mutmaßlicher Unterstützung für islamistische Gruppen und seiner Beziehungen zum Iran. Katar hat bestritten, extremistische Gruppen zu finanzieren. Das katarische Außenministerium teilte am Montag mit, es sei vom Abbruch der diplomatischen Beziehungen überrascht. Es gebe „keine legitime Rechtfertigung“ für den Entschluss der Länder. Die Maßnahmen seien ungerechtfertigt und basierten auf falschen Behauptungen. Katar sei einer Hetzkampagne ausgesetzt, die auf Verleumdungen basiere. Seine Bürger würden von der „Verletzung seiner Souveränität“ nicht beeinträchtigt.

Katar: Aufstieg eines Zwergs

Größe

Das Emirat Katar im Osten der arabischen Halbinsel ist geografisch zwar nur etwa halb so groß wie Hessen, gewinnt international aber sowohl politisch als auch wirtschaftlich immer mehr an Bedeutung. Große Vorkommen an Erdöl und Erdgas machten Katar zu einem der reichsten Länder der Erde. Das Land ist 2022 Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft.

Viele Ausländer

Rund 2,2 Millionen Menschen leben in Katar, von denen der Großteil aus dem Ausland kommt und als Gastarbeiter beschäftigt ist. Das Land hat zahlreiche Beteiligungen an europäischen Unternehmen, darunter etwa Anteile am VW-Konzern und an der Baufirma Hochtief. Der arabische Nachrichtensender al-Dschasira hat seinen Sitz in Katar.

Öl und Geopolitik

Katar ist Mitglied der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) und hat unter anderem zusammen mit Saudi-Arabien, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten den Golfkooperationsrat mitgegründet, der eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik in der Region als Ziel hat. Südlich der Hauptstadt Doha befindet sich der größte Stützpunkt der US-Armee in der arabischen Welt.

Schelte

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisiert Katar für die Ausbeutung von Gastarbeitern und eingeschränkte Meinungsfreiheit.

DFB-Präsident Reinhard Grindel hat auf die Krise reagiert und einen Boykott der Fußball-WM 2022 in Katar nach den jüngsten Vorwürfen nicht mehr grundsätzlich ausgeschlossen. „Es sind noch fünf Jahre bis zum Anpfiff der WM. In dieser Zeit müssen politische Lösungen vor Boykott-Androhungen den Vorrang haben. Aber eines steht unabhängig davon fest: Grundsätzlich sollte sich die Fußballgemeinschaft weltweit darauf verständigen, dass große Turniere nicht in Ländern gespielt werden können, die aktiv den Terror unterstützen“, sagte Grindel am Montag in einem auf der Homepage des Deutschen Fußball-Bundes veröffentlichten Interview.

Der DFB-Chef, der auch im Council des Fußball-Weltverbandes Fifa sitzt, reagierte damit auf die diplomatische Krise in der Golfregion. Katars Nachbarländer Saudi-Arabien, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate brachen am Montag die Beziehungen ab und schlossen die Grenzen. Die Länder werfen Katar vor, Terrororganisationen wie den Islamischen Staat (IS) zu unterstützen. Grindel kündigte an, Kontakt mit der Bundesregierung aufnehmen zu wollen. „Die aktuellen, schwerwiegenden Vorwürfe nehmen wir sehr aufmerksam und besorgt zur Kenntnis“, sagte er.

Der Weltverband selbst hat die Ereignisse noch nicht kommentiert. Man sei „in regelmäßigem Kontakt“ mit dem lokalen Organisationskomitee und weiteren Stellen, die sich um Angelegenheiten in Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft 2022 kümmern, teilte die Fifa mit mit.

Kommentare (9)

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Herr Holger Narrog

05.06.2017, 10:25 Uhr

Ich nehme an, dass die Golfstaaten die Nähe Khatars zum Iran am meisten stört. Iraner und Araber sind sehr verschieden. Der Konflikt zwischen Arabern und Iranern ist mindestens 60 Jahre alt. Beide Seiten suchen die Vormachtstellung am persischen/arabischen Golf. Traditionell scharen sich die kleinen Golfstaaten hinter Saudi Arabien.

Ich hatte mehrere Jahre im Nahen Osten gearbeitet. Die Religiösität ist in der Region sehr stark, stärker als der Ökoglauben in Deutschland.

Die Vorstellungen vieler Menschen in der Region ähneln denen des IS wobei viele allerdings am liebsten in Kanada, oder in Deutschland leben möchten. (Das ist ähnlich widersprüchlich wie Ökogläubige in Deutschland mit SUV*).

Der Koran fordert die Menschen zur Barmherzigkeit und zum spenden auf. Die Spendengelder vieler Privatleute, Unternehmen und vermutlich auch Staaten landen dann bei sehr radikalen Organisationen.



*In Deutschland und auch der Schweiz bin ich häufig Menschen begegnet die sehr ökoreligiös sind, an Biofutter, gräusliche Genkreaturen, "Erneuerbare Energien" und den Klimaschwindel glauben, andererseits aber SUV fahren, grosse Häuser bewohnen, umweltintensive Hobbies wie Golf spielen betreiben.

Herr Hans Henseler

05.06.2017, 10:53 Uhr

Qatar ist eindeutig das reaktionaerste der Emirate, und wird nur Saudi-Arabien
ueberboten. Wie man eine Fussball-WM in einem Land ausrichten laesst, wo man
nur mit besonderer Lizenz eine Flasche Bier kaufen kann, die man dan mit dem
Auto auf dem kuerzesten Weg zu seiner Wohnung bringen muss, um sie dort
verdeckt zu konsumieren, ist mir ein Raetsel. Betr Terroristen-Unterstuetzung bin
ich sicher, dass alle Emirate "Schutzgeld" zahlen, um zuhause keine Probleme zu
bekommen.

Herr Robbie McGuire

05.06.2017, 11:03 Uhr

Der Bruch ist unter dem Aspekt erstaunlich, dass der Islam orthodox-sunnitisch-wahhabitischer Ausrichtung auf Katar gelebt wird, also in Anlehnung an das Königreich Saudi Arabien und nur eine sehr kleine schiitische Minderheit dort lebt.

Wer Katar besucht hat, wird bei einer Inseltour feststellen, dass das iranische Staatsgebiet nicht sehr weit entfernt ist. Im Gegensatz zu Katar ist der Iran schiitisch geprägt (90%). Aber die Nähe dürfte wohl der Grund sein für das Agieren von al Thani.

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