Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

31.05.2011

09:02 Uhr

Diplomatischer Eklat

Wie Iran Merkel 1,5 Stunden Schlaf extra beschert

VonDaniel Goffart

Der Iran verweigerte Angela Merkels Airbus auf dem Weg nach Indien zunächst den Überflug. Die Kerosinvorräte der Maschine wurden langsam knapp. Die Bundesregierung prüft jetzt diplomatische Konsequenzen.

Regierungssprecher Steffen Seibert informiert auf dem Flug von Berlin nach Neu Delhi im neuen Regierungsflugzeug "Konrad-Adenauer" die mitreisenden Journalisten. Quelle: dpa

Regierungssprecher Steffen Seibert informiert auf dem Flug von Berlin nach Neu Delhi im neuen Regierungsflugzeug "Konrad-Adenauer" die mitreisenden Journalisten.

Neu DelhiDass etwas nicht stimmen konnte, zeigte sich nach gut vier Stunden Nachtflug um 1.40 Uhr. Die meisten der 175 Delegationsmitglieder im neuen Regierungsflugzeug der Bundeskanzlerin  schliefen, als sich auf den Bildschirmen in der Kabine auf einmal die Reiseroute veränderte. Anstatt den geplanten Weg auf der 5765 Kilometer langen Strecke von Berlin nach Neu-Delhi weiter geradeaus fortzusetzen, bog der Airbus 340 kurz nach Erreichen des iranischen Luftraums auf einmal in Richtung Süden ab. Dann drehte das Flugzeug wieder Richtung Norden und begann, Schleifen zu ziehen. Schließlich drehte der German-Airforce-Flug 901 wieder um und flog zurück in Richtung Türkei.

Der Grund: Die iranische Luftraumüberwachung hatte dem Flugzeug der Bundeskanzlerin den Überflug verweigert. Die erforderlichen Rechte seien nicht eingeholt worden, so die per Funk gegebene Begründung. Dabei war  kurz zuvor eine andere deutsche Regierungsmaschine mit einem halben Dutzend Bundesministern auf dem Weg nach Indien noch anstandslos über den Iran hinweggeflogen. Doch alles protestieren half nicht: Merkels Airbus musste umdrehen und zurück in den türkischen Luftraum fliegen.  

Airbus A340-300 "Konrad Adenauer": Bundeskanzlerin Merkel nutzt auf ihrer Reise nach Indien und Singapur zum ersten Mal den neuen Airbus. Quelle: dapd

Airbus A340-300 "Konrad Adenauer": Bundeskanzlerin Merkel nutzt auf ihrer Reise nach Indien und Singapur zum ersten Mal den neuen Airbus.

Dort drehte die „Konrad Adenauer“ Schleife um Schleife. Als sich die Funk-Verhandlungen mit den iranischen Stellen immer mehr in die Länge zogen, wurde schließlich der außenpolitische Berater der Kanzlerin, Christoph Heusgen geweckt. Auch in Berlin wurde die neue Staatssekretärin Emily Haber aus dem Schlaf gerissen, ebenso der deutsche Botschafter in Teheran. Nach über eineinhalb Stunden Hin- und Her auf verschiedensten Ebenen kam endlich die Genehmigung: Merkel durfte ihre Reise nach Indien fortsetzen – und dabei doch den Iran überfliegen.

Handelsblatt-Politikchef Daniel Goffart. Quelle: Pablo Castagnola

Handelsblatt-Politikchef Daniel Goffart.

Länger hätte der Zwischenfall nicht dauern dürfen, weil sonst das Kerosin knapp geworden wäre. Dann hätte der Regierungsflieger in Ankara landen und tanken müssen, was den ohnehin knapp bemessenen Aufenthalt der Kanzlerin in Indien noch einmal verkürzt hätte. Merkel landete schließlich mit 1,5 Stunden Verspätung in der indischen Hauptstadt und verzichtete auf die Begegnung mit dem Premierminister Manmohan Singh. Ärgerlich, aber verschmerzbar, da auch noch ein Abendessen geplant war.

„So etwas habe ich in all den Jahren noch nie erlebt“, wunderte sich eine der lang gedienten Stewardessen der Luftwaffe. Regierungssprecher Steffen Seibert schüttelte nach dem nächtlichen diplomatischen Eklat in der Luft ebenfalls den Kopf. „Unverständlich“ sei die Reaktion des Iran gewesen. Natürlich hätten alle Fluggenehmigungen vorgelegen.

Die deutsch-indischen Wirtschaftsbeziehungen

Exporte

Die deutschen Ausfuhren nach Indien haben sich von 2000 bis 2010 nahezu vervierfacht. Im vergangenen Jahr wurden dort Waren „Made in Germany“ im Wert von 9,25 Milliarden Euro abgesetzt, ein Plus von 14,3 Prozent. In der Rangliste der wichtigsten Exportkunden Deutschlands nimmt Indien damit Platz 21 ein. Größter Verkaufsschlager sind Maschinen, gefolgt von chemischen Produkten, Elektronik und Fahrzeugen.

Importe

Schneller als die Exporte wachsen die Einfuhren aus Indien. Sie legten 2010 um mehr als ein Fünftel auf rund 6,2 Milliarden Euro zu. Dabei stehen Textilien und Bekleidung an Nummer eins, gefolgt von chemischen Produkten, Elektronik, Maschinen und Nahrungsmitteln.

Unternehmen

Mehr als 3000 deutsche Unternehmen sind in Indien tätig, zum Teil schon seit Jahrzehnten. Darunter befinden sich so große Konzerne wie Siemens, Bosch, SAP und BMW. Umgekehrt gibt es rund 300 indische Firmen in Deutschland, die knapp 13.000 Mitarbeiter zählen. Dazu gehören der Windenergieanlagen-Bauer Repower und der Arzneimittel-Hersteller Betapharm.

Wirtschaftswachstum

Die Aussichten der deutschen Wirtschaft auf einen Ausbau ihrer Geschäfte mit Indien sind gut: Der Internationale Währungsfonds (IWF) sagt dem Schwellenland in diesem Jahr ein Wachstum von 8,2 Prozent und 2012 von 7,8 Prozent zu.

Ob die Bundesregierung eine Protestnote versendet oder den iranischen Botschafter in Berlin einbestellt, ist noch offen. Ein Nachspiel werde diese „ärgerliche Sache“ sicher haben, schätzt ein mitreisender Diplomat. Regierungssprecher Seibert bemühte sich um Gelassenheit. „Die Kanzlerin hatte dadurch 1,5 Stunden mehr Schlaf.“ Merkel selbst versuchte es ebenfalls mit Humor: „Ich hatte mich schon gewundert, warum mich heute morgen zur vereinbarten Zeit niemand geweckt hat“.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Rolf

31.05.2011, 11:02 Uhr

Zitat-Text unter Bild:
" Sichere Landung in Indien: Kanzlerin Merkel begrüßt Premierminister Manmohan Singh."
Zitat-Textauszug s. vierter Absatz:
"Merkel landete schließlich mit 1,5 Stunden Verspätung in der indischen Hauptstadt und verzichtete auf die Begegnung mit dem Premierminister Manmohan Singh.

Hat jetzt die Begegnung mit dem Premier stattgefunden oder nicht?
Danke für eine korrekte Info!
mfg
Rolf

Account gelöscht!

31.05.2011, 13:24 Uhr

Kindereien...das iranische Argument ist sicherlich: "Die haben Angefangen" während wir hier bestimmt ein viel Besseres haben: "Stimmt doch garnicht"

Ärgerlich ist es, ich hoffe nur, dass daraus keine zu große Sache gemacht wird...

Account gelöscht!

31.05.2011, 16:55 Uhr

Wenn man bedenkt, welche Sanktionen und Schikanen die deutsche Regierung und die EU gegenüber dem Iran gestartet haben, wundert es mich dass überhaupt noch eine Überfluggenehmigung erteilt wurde. Vermutlich wissen die Iraner, dass die meisten europäischen Regierungen nur traurige Hampelmänner der US-Politik sind und haben wohl deshalb ein Auge zugedrückt. Wenn ich an das alte Sprichwort "wie du mir so ich dir" denke, dann ist dieser Vorfall an Lächerlichkeit kaum zu überbieten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×