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05.08.2011

11:55 Uhr

DIW-Expertin

„Somalische Piraten sind kluge Geschäftsleute“

VonDietmar Neuerer

ExklusivLassen sich  Piraten-Attacken auf Handelschiffe mit Hilfe privater Sicherheitsfirmen stoppen? DIW-Expertin Anja Shortland glaubt nicht. Die Bundesregierung riskiert mit ihren Plänen eher eine Eskalation der Situation.

Piraten im Golf von Aden. Quelle: U.S. Navy

Piraten im Golf von Aden.

Frau Shortland: Über 80 Prozent des internationalen Seehandels mit Europa führt durch den gefährdeten Golf von Aden. Sind die ständigen Piraten-Angriffe ein Risiko für die Weltwirtschaft, lassen sich die ökonomischen Kosten von Piraterie für die maritime Wirtschaft konkret beziffern?

Anja Shortland: In der öffentlichen Debatte werden die Kosten der Piraterie sehr selten im Verhältnis zu Gesamtgrößen gesehen. Piraterie vor Somalia verursacht Kosten von etwa 7 bis 12 Milliarden US-Dollar pro Jahr, davon trägt die Schifffahrtsbranche etwa 3 bis 5 Milliarden. Das totale Handelsvolumen auf dem Seewege beträgt etwa 7 Billionen US-Dollar und erbringt der Schifffahrtsbranche 337 Milliarden. Von einer Bedrohung zu sprechen ist deshalb in jedem Fall überzogen, Risiko wäre zutreffender. Selbst für große Importeure ist das Risiko, dass eine Warenladung von Piraten gekapert werden könnte so gering, dass es nicht einmal im Risikomodell erscheint.

Nimmt die internationale Gemeinschaft das Problem der Piraterie ernst genug und tut aus Ihrer Sicht das notwendige für die Sicherung der globalen Seerouten oder sehen Sie Defizite?

Die internationale Gemeinschaft lässt sich die Sicherung der Seeroute um Somalia etwa 2 Milliarden US-Dollar im Jahr kosten und hat damit zur Stabilisierung der Piraterie auf einem akzeptablen Niveau beigetragen. Man könnte das militärische Aufgebot vervierfachen und damit auch im Indischen Ozean verstärkt Präsenz aufbauen. Allerdings rechnet es sich nicht dies zu tun: man könnte Piraterie damit zwar etwas weiter eindämmen, aber

nicht ganz verhindern und die private Schifffahrt müsste auch weiterhin in Anti-Piraterie-Maßnahmen investieren. So würden die Kosten insgesamt nur wachsen. Der jetzige Einsatz lohnt sich allerdings: Ohne die Marinepräsenz im Golf von Aden würden durch Umleitungen und Ausfälle Kosten von etwa 30 Milliarden Dollar verursacht.

Seit Mai 2002 sind Marineverbände der internationalen Staatengemeinschaft vor den Küsten Somalias präsent. Die Piraten scheint dies nicht abzuschrecken, woran liegt das?

Somalia ist immer wieder in den Nachrichten als ein Land in dem tiefste Armut herrscht. Viele junge Männer in Somalia haben Erfahrung im Umgang mit Gewehren und kaum Chancen wirtschaftlich auf einen grünen Zweig zu kommen. Ein einziger Erfolg als Pirat macht sie reich und geachtet. Verglichen mit einem Leben als somalischer Milizionär ist Piraterie nicht besonders gefährlich. Piraten minimieren ihr Risiko, indem sie hauptsächlich Schiffe angreifen, die nicht verteidigt werden. Werden sie von der EU-Mission Atalanta aufgegriffen, werden sie anständig behandelt, kurz befragt und meist bald wieder freigesetzt. Bestenfalls geht es nach Europa oder die USA für einige Jahre Gefängnis und danach gibt es Asyl.

Kommentare (5)

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WFriedrich

05.08.2011, 12:26 Uhr

Zitat: "Die CDU warnt in einem Positionspapier vor möglichen Verknüpfungen zwischen der Piraterie und dem internationalen Terrorismus.."

Ich teile diese Befürchtung, weil insbesondere Terroristen zu einfallsreichem Handeln fähig und willig sind, um sich zu finanzieren. Dies schließt Allianzen von politische motiviertem Terror und der gewöhnlichen organisierten Kriminalität ein. Im Übrigen sollten wir die Ursachen für die dramatische Hungernot auch im Piratentum suchen. Leichtigkeit des Zugangs zum "großen Geld" durch Piratentum hat eine absonderliche wirtschaftliche Infrastruktur und Schattenwirtschaft geschaffen, die auf die Bewältigung der Folgen von Naturereignissen nicht human reagiert, sondern davon verbrecherisch profitiert. Der anständigen und Hunger leidenden Bevölkerung muss dieser Zusammenhang bei Übergabe unserer Hilfslieferungen erklärt werden.

Anonym

05.08.2011, 12:42 Uhr

Also diese Frau Shortland ist wohl ein bißchen "short" im Kopf. Eine solche Verniedlichung habe ich bisher noch nicht gelesen.

Piraten sind keine "klugen Geschäftsleute", sondern Verbrecher und Mörder.

DvH

05.08.2011, 13:06 Uhr

'n bißchen dünn, die Story: 'Piraterie vor Somalia verursacht Kosten von etwa 7-12 Mrd $/a, davon trägt die Schiffahrtsbranche 3-5 Mrd $/a... Die internationale Gemeinschaft läßt sich die Sicherung der Seeroute .. etwa 2 Mrd $/a kosten'
- und wer zahlt den Rest? an wen? wofür?
12 Mrd $/a sind knapp 33 Mio $/d dafür, daß am Horn von Afrika Schiffe fahren (als Zusatzkosten) - woher kommt das Geld und wohin fließt es? Seefahrt is teuer - aber das halte ich für arg hoch geschätzt, bis die Zahlenbasis deutlicher wird.
'Ich glaube allerdings, dass es in unserer Wirtschaft ein großes Interesse daran gibt, Piraterie auch weiterhin zuzulassen.' ??? wer hätte denn dieses Interesse?
Reeder ? Seeleute ? Möglicherweise britische Sicherheitsfirmen .. oder wie wärs mit Versicherungen? Riskantes Fahrtgebiet erhöht den Tarif.
Treffen sich vielleicht Top-Versicherungs-Manager mit Top-Marine-Leuten, um denen ins Ohr zu flüstern 'fangt nicht zuviele - 's wär schlecht für's Geschäft' ??

Pirat ist ein sehr alter, traditionsreicher Beruf - und er war immer gefährlich: wenn der Pirat morgens zur Arbeit fährt, ist keinesfalls sicher, daß er abends wieder nach Hause kommt.
Und das ist gut so - je weniger zurückkommen, desto besser - daran muß gearbeitet werden.

Zusammengefaßt: gewagte Schlußfolgerungen aus nicht belastbarem Zahlenmaterial - das Thema gäbe mehr her.

MfG
DvH




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