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14.09.2015

16:47 Uhr

Drama um erschossene Touristen

Ägyptens bizarre Rechtfertigungen

VonMartin Gehlen

Ägyptens offizielle Rechtfertigung, weshalb Sicherheitskräfte mehrere Touristen erschossen haben, ist bizarr. Doch das ägyptische Militär und die Polizei dürfen nicht schuld sein – egal, wie viele zivile Tote es gibt.

Die Sicherheitskräfte in Ägypten sind in ihrem Kampf gegen den Terror außer Kontrolle. Nur zugeben darf das niemand. dpa

Erschossene Touristen

Die Sicherheitskräfte in Ägypten sind in ihrem Kampf gegen den Terror außer Kontrolle. Nur zugeben darf das niemand.

KairoJetzt wird sie wieder angeworfen – die offizielle ägyptische Maschinerie der bizarren Rechtfertigungen, faulen Ausreden und falschen Tatsachen. Die Touristen seien ohne Genehmigung, mit nicht lizensierten Geländewagen und in einem militärischen Sperrgebiet unterwegs gewesen, hieß es bereits in der ersten Erklärung der Kairoer Regierung - noch bevor überhaupt klar ist, wie sich die Tragödie überhaupt zugetragen hat, wie viele Mexikaner tatsächlich ums Leben gekommen sind und wie viele Reiseführer mit ihnen im Geschosshagel starben.

Jeder, der die Verhältnisse in den Wüstenoasen kennt, weiß, dass die Darstellung der Ministerien nicht stimmen kann. Alle Veranstalter müssen ihre Touren anmelden und genehmigen lassen. An sämtlichen Ausfallstraßen der Oasen gibt es Kontrollpunkte. Aber für die Gewaltigen bei Polizei und Militär kann eben nicht sein, was nicht sein darf. Der gloriose Nimbus der Streitkräfte muss unter allen Umständen verteidigt werden.

Dass die ägyptische Wehrpflichtarmee jedoch genauso undiszipliniert und fahrlässig agiert, wie der Rest der Gesellschaft, will niemand wahrhaben. Dass der von Präsident Abdel Fattah al-Sissi ausgerufene totale Kampf gegen den Terror bei den Sicherheitskräften ein Klima der Gewissenlosigkeit erzeugt, wird penetrant bestritten.

Kein Wunder, dass sich Polizisten und Soldaten inzwischen ermächtigt fühlen, erst einmal draufzuhalten. In der Sinai-Wüste trifft es neben den IS-Jihadisten regelmäßig auch örtliche Dorfbewohner und Autofahrer, Frauen und Kinder, Wohnhäuser und Schulen. In der Westwüste kamen jetzt erstmals auch ausländische Touristen ums Leben. Doch ein Umdenken ist nicht in Sicht. Stattdessen wird weiter bestritten, beschönigt und beschuldigt.

Kommentare (4)

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Herr Paul Kersey

14.09.2015, 17:25 Uhr

Tja!
Mit allen Erklärungen, die hier geliefert werden, klingt das für mich, als ob man vielleicht mal woanders Urlaub machen sollte, als dort wo der Staat tagtäglich IS Terroristen oder Freiheitskämpfer bekämpft. Für mich ist die Osttürkei runter bis komplett Nord- und Mittelafrika mittlerweile eine touristische No-Go-Area, so wie der gesamte Nahe Osten auch.
Da kann auch kein Klagen der Tourismus-Verbände helfen. Es kann nicht sein, dass Touristen ihr Leben riskieren sollen, damit die dortige Tourismus-Wirtschaft nicht den Bach runter geht.

Herr Edmund Stoiber

14.09.2015, 18:15 Uhr

Es kann so gewesen sein, muss aber nicht! Wieviel Sachkenntnis hat der Autor tatsächlich?

Wir müssen uns der zahlreichen Terroranschläge gegen Touristen und Sicherheitskräfte erinnern, die auf dem Sinai in jüngster Vergangenheit stattgefunden haben. Dass Mitglieder der Sicherheitskräfte aufs äußerste sensibilisiert sind, ist daher nachvollziehbar.

Sofern man sich aber vom Sinai fern hält, und das kann ich aus eigener Erfahrung auch als Nicht-Tourist berichten, hatte ich kein Gefühl einer Bedrohung in Ägypten. Und besonders in den abgeschotteten touristischen Badeorten am Mittelmeerküste und Oberägypten, ist von einer unsicheren Lage nichts zu spüren.

Der Sinai ist allerdings ein gefährliches Terrain, den man z.Zt. meiden sollte!

Frau Ich Kritisch

15.09.2015, 10:28 Uhr

Zitat: "Alle Veranstalter müssen ihre Touren anmelden und genehmigen lassen"

jaja, und wir alle haben auch noch nie Touristen gesehen, die sich an Routen nicht gehalten hätten. Alle Touristen laufen und fahren grundsätzlich nur auf eingezeichneten markierten Wegen. Ein schritt abseits - nein, das tun Touristen nicht.

Ja, selbst bevor man weis wie viele tot sind kann man wissen, dass sie in militärischem Sperrgebiet erschossen wurden - dafür muss man die Körper nicht zählen.

Zitat2:" Dass die ägyptische Wehrpflichtarmee jedoch genauso undiszipliniert und fahrlässig agiert, wie der Rest der Gesellschaft"

Aha, für den Autor ist also die gesamte ägyptische Bevölkerung undiszipliniert und fahrlässig..
Bei solch einer Äußerung - von einem Journalisten würde ich der Person doch nah legen das Land zu verlassen und sich in zivilisierteren Gegenden zu erholen und dann dort auch einen Job zu suchen...

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