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08.11.2015

18:03 Uhr

Dramatische Warnung vor UN-Klimagipfel

„Wir bekommen kolossale Migrationsprobleme“

Die Uhr tickt, das wissen die verantwortlichen Politiker weltweit. Dennoch tut sich die internationale Gemeinschaft schwer mit einem verbindlichen Klimaschutzabkommen. In Paris gibt es jetzt einen neuen Anlauf.

Frankreichs Außenminister warnt davor, die Klimapolitik der UN-Staaten weiterlaufen zu lassen wie bisher. AFP

Laurent Fabius sagt Stop!

Frankreichs Außenminister warnt davor, die Klimapolitik der UN-Staaten weiterlaufen zu lassen wie bisher.

ParisMit der Warnung vor einer zusätzlichen Massenflucht infolge der Erderwärmung hat Frankreichs Chefdiplomat Laurent Fabius eine Ministerkonferenz zur Vorbereitung des UN-Klimagipfels Ende des Jahres eröffnet. Eine zu starke Klimaveränderung werde „kolossale Migrationsprobleme“ mit sich bringen, sagte der Außenminister am Sonntag in Paris. Zuvor hatte bereits die deutsche Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) vor einer massenhaften Ankunft von Klimaflüchtlingen in Deutschland gewarnt.

Es gebe die „absolute Dringlichkeit“, mit Klimaschutzmaßnahmen die Erderwärmung auf ein beherrschbares Maß von zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen, sagte Fabius. Es drohe ein Temperaturanstieg um „vier, fünf, sechs Grad, wenn wir nicht extrem schnell handeln“.

„Das hätte katastrophale Konsequenzen, weil es dann Dürren (...) und kolossale Migrationsprobleme, darunter Probleme von Krieg und Frieden, geben wird“, warnte der französische Außenminister. Schon jetzt sieht sich die Welt mit der größten Flüchtlingskrise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs konfrontiert.

Auch Bundesumweltministerin Hendricks warnte am Samstag im Nachrichtenmagazin „Focus“: „Klar ist, dass es riesige Dürregebiete und überflutete Landstriche geben wird, wenn wir den Klimawandel nicht auf ein beherrschbares Maß begrenzen.“ Dies würde ohnehin fragile Staaten weiter destabilisieren. „Dies wiederum wird Millionen Menschen in die Flucht treiben und sie werden wohl auch zu uns kommen.“

Die wichtigsten Schlagworte zum Klimawandel

Globale Erwärmung

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Temperatur auf der Erde um gut 0,8 Grad Celsius angestiegen. Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts (von 2001 bis 2010) war nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie das heißeste seit 1881 - im Durchschnitt betrug die Temperatur 14,47 Grad an der Land- und Meeresoberfläche und damit 0,47 Grad mehr als im Durchschnitt zwischen 1961 und 1990.

Anstieg des Meeresspiegels

Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich in den vergangenen 20 Jahren beschleunigt. Laut dem IPCC-Bericht von 2007 dürfte der Meeresspiegel bis zum Endes dieses Jahrhunderts um zwischen 18 und 59 Zentimeter ansteigen. Im neuen Bericht dürfte diese Zahl angehoben werden. Studien zufolge geht der Anstieg zu rund einem Drittel darauf zurück, dass sich das Wasser bei zunehmender Wärme ausdehnt, zu einem weiteren Drittel auf das Schmelzen von Gletschern und zu etwas weniger als einem Drittel auf das Abschmelzen der Eiskappen in Grönland und der Antarktis.

Eisschmelze

Die Arktis erlebte im vergangenen Jahr eine Rekord-Eisschmelze. Laut der US-Behörde für Ozeanologie und Atmosphärenforschung (NOAA) verkleinerte sich die Eisfläche in der Arktis 2012 auf 3,41 Millionen Quadratkilometer. Das ist die kleinste Fläche seit Beginn der Satelliten-Beobachtung der Region vor 34 Jahren und 18 Prozent weniger als der bisherige Niedrigrekord aus dem Jahr 2007. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Gewässer rund um den Nordpol bis 2050 im Sommer eisfrei sein könnten.

Gletscherschwund

Bei Gebirgsgletschern wird weltweit eine starke Eisschmelze beobachtet, etwa im Himalaya-Gebirge oder in den südamerikanischen Anden. Die Gletscher der Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien könnten bis 2050 ganz verschwunden sein.

Extreme Wetterphänomene

In einem Sonderbericht hatte der Weltklimarat IPCC im November 2011 festgehalten, dass es im Zuge der Erderwärmung zu einer Zunahme extremer Wetterphänomene wie heftiger Regenfälle, Hitzewellen und Dürreperioden gekommen ist und diese Entwicklung anhalten wird. 2012 wurden laut eine Untersuchung etwa die Hälfte aller Extremwetterphänomene durch den Klimawandel verstärkt.

Artensterben

Unter einem weiteren Temperaturanstieg wird auch die Tier- und Pflanzenwelt leiden. Ein Anstieg zwischen 1,5 und 2,4 Grad im Vergleich zu den 20 letzten Jahren des 20. Jahrhunderts würde dafür sorgen, dass 20 bis 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht würden.

Zwei-Grad-Ziel

Internationales Ziel ist es, den Temperaturanstieg bis zum Ende dieses Jahrhunderts auf zwei Grad zu beschränken. Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen wird der Anstieg aber zwischen drei und fünf Grad betragen, wenn es bei den bisherigen Bemühungen zur Reduzierung von Treibhausgasen bleibt.

Climategate

Im November 2009 drangen Hacker in die Computer des Klimaforschungszentrums der University of East Anglia ein, stahlen mehrere tausend Dokumente und veröffentlichten sie im Internet als angebliche Belege für wissenschaftliches Fehlverhalten der Klimaforscher. Mehrere Untersuchungen unabhängiger Institutionen konnten allerdings keine Hinweise auf ein solches Fehlverhalten nachweisen.

Die SPD-Politikerin forderte deshalb eine internationale Anerkennung von Klimaflüchtlingen. „Klimapolitik ist aktive Flüchtlingspolitik“, mahnte die Ministerin mit Blick auf die UN-Klimakonferenz. Zu dem Vorbereitungstreffen in Paris schickte sie ihren Staatssekretär Jochen Flasbarth.

Auch aus etwa 70 weiteren Ländern kamen Regierungsvertreter, um eine Einigung bei dem Klimagipfel in drei Wochen zu erleichtern. Dort soll endlich ein international verbindliches Klimaschutzabkommen beschlossen werden.

Fabius kündigte an, dass neben vielen anderen Staats- und Regierungschefs auch der russische Präsident Wladimir Putin anreisen werde. Der erste Tag der vom 30. November bis zum 11. Dezember laufenden Konferenz sei „für die Staats- und Regierungschefs reserviert, wir haben schon mehr als hundert positive Rückmeldungen“, führte Fabius aus. Unter ihnen sei auch Putin.

Später hieß es aus seinem Ministerium, es gebe dafür keine offizielle Bestätigung von russischer Seite. Vielmehr habe die UN-Klimasekretärin Christiana Figueres Putins Kommen mitgeteilt.

Ende Oktober hatte Fabius bereits angekündigt, dass US-Präsident Barack Obama, Chinas Staatschef Xi Jinping und der indische Regierungschef Narendra Modi an der Gipfeleröffnung teilnehmen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird erwartet. Im Unterschied zu den UN-Klimakonferenzen der vergangenen Jahre sollen die Staats- und Regierungschefs dieses Mal nicht erst am Ende anreisen, sondern bereits zu Beginn die Bedeutung der Verhandlungen deutlich machen und ein Scheitern wie im Jahr 2009 in Kopenhagen verhindern.

Russland, einer der großen Ölförderstaaten, wird eine entscheidende Rolle für eine Einigung in Paris zugeschrieben. Im März hatte das Land in Aussicht gestellt, bis 2030 seine klimaschädlichen Emissionen um 25 bis 30 Prozent im Vergleich zu 1990 zu verringern. Voraussetzung seien aber ausreichende Reduktionsziele anderer großer Emittenten.

Von

afp

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