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05.10.2016

10:41 Uhr

Dritter Tag der Kämpfe in Kundus

Regierungstruppen melden dutzende tote Taliban

Afghanische Regierungstruppen vermelden Erfolge im Kampf gegen die radikalislamischen Taliban in der Provinzhauptstadt Kundus. Dutzende Taliban seien getötet worden. Doch auch zivile Opfer sind zu beklagen.

Afghanische Regierungstruppen haben nach eigenen Angaben Erfolge im Kampf gegen die radikalen Islamisten erzielt. dpa

Kampf gegen die Taliban

Afghanische Regierungstruppen haben nach eigenen Angaben Erfolge im Kampf gegen die radikalen Islamisten erzielt.

KabulDer Kampf gegen die radikalislamischen Taliban in der nordafghanischen Provinzhauptstadt Kundus ist auch am dritten Tag nach Beginn des Angriffs fortgesetzt worden. In der Nacht hätten Spezialkräfte Talibankämpfer aus ihren Verstecken in Privathäusern vertrieben, sagte Gouverneurssprecher Hamdullah Danisch am Mittwochmorgen. Dabei seien viele Taliban getötet worden.

Die Innenstadt sei gesichert, sagte er weiter. Ein Ring von Polizeiposten sei eingerichtet worden, um das weitere Eindringen von Kämpfern zu verhindern. Derzeit gebe es außerhalb der Stadtgrenze Gefechte in zwei Gegenden.

Ein Provinzratsmitglied sagte allerdings, Anwohner hätten auch im Zentrum noch einige Talibankämpfer gesichtet. Sicherheitskreisen zufolge sollen es ursprünglich 100 bis 110 Angreifer gewesen sein. Nach Regierungsangaben sollen Dutzende getötet worden sein. Die Taliban bestreiten das.

Die Diskussion über Milliarden-Hilfe für Afghanistan

Was macht die Brüssel-Konferenz?

Zu der internationalen Geberkonferenz wollen Vertreter aus mehr als 70 Staaten sowie mehr als 20 internationale Organisationen zusammenkommen. Es wird erwartet, dass sich die internationale Gemeinschaft verpflichtet, Afghanistan bis Ende 2020 jährlich mehr als drei Milliarden Dollar zukommen zu lassen - nach Angaben vieler Diplomaten „nahe der bisherigen Summe von etwa 3,9 Milliarden Dollar“. Es geht dabei um zivile Entwicklungshilfe. Die Mittel für die Unterstützung der afghanischen Streitkräfte - mehr als vier Milliarden Euro jährlich bis Ende 2020 - haben die Nato-Mitgliedsstaaten schon im Juli in Warschau zugesagt. Den Großteil werden die USA tragen. Deutschland ist mit bisher 430 Millionen Euro im Jahr drittgrößter Geber nach den USA und Japan.

Quelle: dpa / Stand: 04.10.2016

Warum braucht Afghanistan so viel Geld?

Der Aufbau des Landes hat ab Ende 2002 quasi bei Null angefangen, nach rund 30 Jahren Krieg. Afghanistan ist immer noch eines der ärmsten Länder der Welt. Laut Weltbank lebt mehr als ein Drittel aller Afghanen unter der Armutsgrenze. Zwei Drittel können immer noch nicht lesen und schreiben. Der stärkste Wirtschaftszweig ist die illegale Opiumindustrie, die gleichzeitig die Kriegskasse der radikalislamischen Taliban füllt. Die breiten sich wieder rapide aus.

Gab es schon Erfolge?

Ja, vor allem in den Bereichen Gesundheit und Bildung. Acht Millionen Kinder, davon 39 Prozent Mädchen, gehen laut UN heute (Stand 2015) zur Schule; unter den Taliban waren es um die eine Million. Kliniken versorgen nach Regierungsangaben bis zu 60 Prozent aller Afghanen. Die Müttersterblichkeit hat sich um rund die Hälfte verringert. In Parlament und Kabinett sitzen mehr Frauen. Es gibt Wahlen, neue Gesetze, eine große Zivilgesellschaft. Die Stromversorgung ist besser und die staatlichen Einnahmen sind im vergangenen Jahr gestiegen.

Aber in diesen und anderen Feldern gibt es eben auch immer noch große Lücken und immer wieder Rückschläge - zum Beispiel wegen der sich verschlechternden Sicherheitslage oder der massiven Korruption.

Können die Geber die Gelder kürzen?

Theoretisch wollen die Geber ihr Geld von Erfolgen bei Reformen abhängig machen. 2012 hatten sie dazu ein Rahmenwerk entwickelt, das 39 Kriterien enthält. Nur ein kleinerer Teil ist bisher erfüllt worden. Auf der Minusseite stehen unter anderem die massiv verspäteten Parlamentswahlen, der müde Kampf gegen Korruption und Drogenhandel sowie der geplatzte Friedensprozess mit den Taliban. Trotzdem will in der derzeitigen Situation niemand auf die volle Erfüllung der Kriterien pochen. Der Entzug von internationaler Hilfe, so fürchten viele Diplomaten, könnte der schwachen afghanischen Regierung den Rest geben. Außerdem würde diese Geste die Taliban weiter ermutigen.

Welche Rolle spielt die Flüchtlingskrise?

Allein im vergangenen Jahr kamen rund 213.000 Afghanen auf illegalem Weg in die EU. „Weniger Unterstützung für die Regierung würde mehr Rechtlosigkeit und damit noch mehr Flüchtlinge produzieren“, sagt ein westlicher Diplomat.

Kann die EU Hilfen von der Rücknahme der Flüchtlinge abhängig machen?

Offiziell will in Brüssel niemand eine Verbindung ziehen. Es dürfte allerdings kein Zufall gewesen sein, die EU und Afghanistan kurz vor der Geberkonferenz eine Vereinbarung zur Flüchtlingskrise unterzeichneten. In dieser sagt die afghanische Regierung den EU-Staaten zu, Afghanen unkompliziert zurückzunehmen, die wegen eines abgelehnten Asylantrags ausgewiesen werden.

Nach einem als vertraulich eingestuften EU-Dokument aus dem Monat März hielten sich zuletzt rund 80.000 Afghanen in der Europäischen Union auf, die in naher Zukunft in ihr Heimatland zurückgeschickt werden könnten.

Wie gefährlich ist die Lage für Entwicklungshelfer?

Das ist die große Frage, die sich viele Organisationen derzeit stellen. Seit Ende 2014 die meisten internationalen Truppen abgezogen sind, hat sich die Sicherheitslage extrem verschlechtert. Die UN verzeichnen Gewalt in 31 von 34 Provinzen und erwarten für dieses Jahr rund 400.000 Binnenflüchtlinge. Entwicklungshelfer haben deshalb nur noch eingeschränkt Zugang zu Provinzen. Gleichzeitig verschärfen sich die Bedürfnisse der Menschen. Viele Organisationen arbeiten nun weniger mit internationalen Mitarbeitern, mehr mit einheimischen und entwickeln so genannte Fern-Monitoring-Instrumente für Projekte.

Nach Angaben des Leiters der Gesundheitsbehörde der Provinz, Saad Mukhtar, sind seit Beginn der Gefechte zwei tote und 71 verletzte Zivilisten in den Kliniken der Stadt eingeliefert worden, unter ihnen Frauen und Kinder. Die meisten hätten Schusswunden.

Der Angriff hatte in der Nacht auf Montag begonnen, fast genau ein Jahr, nachdem die Taliban die Provinzhauptstadt zum ersten Mal erobert hatten und einen Tag vor Beginn einer internationalen Geberkonferenz für Afghanistan am Dienstag und Mittwoch in Brüssel.

Von

dpa

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