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23.02.2017

12:58 Uhr

Drohnen und Schweigen

Zivile Opfer in Afghanistan

Bomben auf Dörfer, um die Taliban zu treffen. Die afghanische Armee sei zu schwach, Luftangriffe der USA oft das einzige Mittel, Aufständische fernzuhalten. Das scheint mehr zivile Opfer zu fordern, als zuvor angenommen.

Die USA greift seit Jahren in Afghanistan ein. Bei den Luftangriffen soll es aber mehr zivile Opfer geben, als gedacht. dpa

Luftkrieg in Afghanistan

Die USA greift seit Jahren in Afghanistan ein. Bei den Luftangriffen soll es aber mehr zivile Opfer geben, als gedacht.

KabulIm Morgengrauen klettern die Männer in den Turm. Trutzig, drei Stockwerke hoch, steht er im Hof einer Familie am Rand des Dorfes Jendakhel in der ostafghanischen Provinz Nangarhar. Der Turm ist die vorderste Front im Dorf gegen den Feind. Der Feind, das sind die neuen Horden der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die diesen Bezirk und mindestens vier weitere seit Monaten plagen. Die Männer waren gewarnt worden, dass ein Überfall kommt. Mit Ferngläsern suchen sie die Berge ab. Irgendwo in den Wolken über ihnen kreist eine Drohne. Um acht Uhr schlägt die Rakete ein.

Das Dorf hatte den Turm aus Lehm gebaut. Als er in einer riesigen Staubwolke in sich zusammenstürzt, begräbt er unter sich fünf Männer, die dem Staat treu ergeben waren. Sie alle waren Mitglieder einer von der Regierung ausgerüsteten Bürgerwehr, die helfen sollten, den IS zu bekämpfen – Alliierte der afghanischen Regierung und der USA im Kampf gegen die Islamisten. Massud, 30. Bahadur, 45. Afsal Khan, 32. Rasik, 35. Siarat Gul, 25 – sie alle waren Bauern.

„Der Angriff war ein großer Fehler“, sagt der Bruder eines der Toten, Babur Khan, in würdevoller Zurückhaltung. Knapp drei Monate nach dem Luftschlag gegen den Turm sitzt er im dschungelartigen Garten eines Hotels in der Provinzhauptstadt von Nangarhar, Dschalalabad. Babur Khan hat sich fein gemacht für das Treffen, in säuberlich gebügeltem Hemd, der Bart gestutzt. Er spricht leise und gemessen.

Ein Offizier aus einem nahen afghanischen Armeelager hatte den Dörflern gesagt, die Amerikaner hätten die Drohne geschickt, so erzählt Babur Khan es - aber sie hätten den von der afghanischen Armee gegebenen Standort der IS-Kämpfer verwechselt mit Jendakhel. Überprüfen lässt sich das nicht. Aber wer auch immer den Fehler gemacht hat - er passt zu vielen Berichten über die Probleme von Luftangriffen in einem zunehmend unübersichtlichen Krieg.

Denn die fünf Toten aus Jendakhel sind nur ein Fall von vielen. Große Aufmerksamkeit bekommen sie nicht. Viele Menschen in Afghanistan haben heute ein Interesse daran, dass es weitergeht mit den Luftschlägen.

Um 40 Prozent ist die Zahl der Geschosse gestiegen, die amerikanische Piloten während Luftmissionen 2016 abgefeuert haben, heißt es in einer sogenannten „Luftmacht-Statistik“ des Pentagons aus dem Dezember. Die der Opfer von Luftangriffen ist sogar noch schneller gewachsen - um 99 Prozent auf 250 Tote und 340 Verletzte, sagen die UN in ihrem Anfang Februar veröffentlichten Jahresbericht zu den zivilen Opfern des Krieges.

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Allein in einer Nacht im November starben bei einem Luftangriff der USA in Kundus, Nordafghanistan, 32 Zivilisten. Die Taliban hatten teilweise aus Privathäusern auf US- und afghanische Soldaten geschossen. Man habe in Selbstverteidigung gehandelt, besagt der spätere US-Bericht. Die UN schimpfen, er sei zu viel zu knapp und verlangen eine unabhängige Untersuchung.

Und 2017 geht es weiter mit den toten Zivilisten: Erst vor einer Woche waren in Helmand, bitter umkämpfter Süden, mindestens 19 gestorben, als US-Jets im Bezirk Sangin drei Dörfer beschossen - oder besser, als sie dort die Taliban beschießen wollten.

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