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16.08.2016

10:10 Uhr

Dschihadisten

Österreichs Problem mit den Islamisten

Österreich hatte einst eine großzügige Asylpolitik gegenüber Muslimen aus dem Kaukasus. Jetzt hat das Land ein großes Problem. Aus ihren Reihen stammen viele „Gotteskrieger“.

30.000 Tschetschenen leben heute in Österreich, die größte Exilgemeinde der Muslime aus dem Nordkaukasus. Sie gelten als kaum integriert und auch als kaum integrationswillig sowie als teils glühende Anhänger des eigenen Emirats.

Moschee in Wien

30.000 Tschetschenen leben heute in Österreich, die größte Exilgemeinde der Muslime aus dem Nordkaukasus. Sie gelten als kaum integriert und auch als kaum integrationswillig sowie als teils glühende Anhänger des eigenen Emirats.

WienDie Telefonüberwachung brachte es an den Tag. Der Islam-Prediger mochte Lieder über das Köpfen von Ungläubigen, unterhielt sich über den Preis für christliche Sklavinnen und wollte eine junge Wienerin gern „wie ein Chipssackerl aufreißen“. Seine Gewalt-Ideen predigte der 35-jährige Vater von sechs Kindern im Internet und in Moscheen, beim Schwimmen und Wandern mit seinen Anhängern mitten in Österreich. Viele junge Männer motivierte er, in Syrien mit der Terrormiliz IS zu kämpfen. Die Reaktion der Justiz im Juli hatte es in sich: 20 Jahre Haft.

Das noch nicht rechtskräftige Urteil des Grazer Landgerichts warf ein Schlaglicht auf Österreichs Dschihadisten-Szene – und auf die Brisanz einstiger Asylpolitik, die zunächst wenig mit der aktuellen Flüchtlingskrise zu tun hat.

Die vielen Namen der Extremistenmiliz IS

Isil

Die Abkürzung steht für „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ und ist vor allem im Englischen noch häufig zu hören. Sie kommt der Übersetzung des arabischen Namens recht nahe. Dort ist vom Islamischen Staat im Irak und „al-Scham“ die Rede, also Großsyrien unter den Omajaden und später den Abbasiden.

Isis

Die Kurzform von „Islamischer Staat im Irak und Syrien“.

Isig

Diese Abkürzung benutzt die Bundesanwaltschaft in ihren Pressemitteilungen. Sie steht für den „Islamischen Staat im Irak und Großsyrien“.

IS

So nennt sich die Organisation selbst seit der Ausrufung ihres Kalifats 2014. Die Abkürzung steht für „Islamischer Staat“. Kritiker lehnen diese Bezeichnung ab, weil sie den Anspruch der Miliz untermauere, einen echten Staat – und noch dazu einen islamischen – geschaffen zu haben. Manche sprechen deshalb vom „sogenannten Islamischen Staat“.

Daesch oder Daisch

Als Alternative ist in den vergangenen Monaten vermehrt die Bezeichnung Daesch oder Daisch in Mode gekommen. Dies ist die arabische Abkürzung für die Bezeichnung „Islamischer Staat im Irak und al-Scham“ (Al Daula al-Islamija fi al-Irak wa al-Scham). In den Ohren von Muttersprachlern klingt sie despektierlich, der IS selbst lehnt sie ab. Das ist ein Grund mehr für Gegner der Extremisten, sie zu verwenden.

Einerseits herrscht Zufriedenheit bei den Behörden über den großen Coup der Fahnder. „Charismatiker geben den wirklichen Anstoß und sind ideale Verstärker für Radikalisierung“, sagen Sicherheitskreise über Hassprediger wie den 35-Jährigen, der laut Gerichtsgutachter bis in die deutsche Islamisten-Szene hinein gewirkt hat.

Andererseits ändert dieser Erfolg wenig an der Struktur der Szene, die in Österreich besorgniserregend groß ist. „Das spielt sicher in den vierstelligen Bereich hinein“, heißt es in Sicherheitskreisen. Die „politische Salafia“, die Gruppe der höchst empfänglichen, aber noch nicht gewaltbereiten Islamisten umfasse etwa 2000 bis 3000 Menschen, sagt Thomas Schmidinger, auf den Nahen Osten und Dschihadismus spezialisierter Politikwissenschaftler der Uni Wien. 280 Dschihadisten sind nach Syrien aufgebrochen - im Verhältnis zur Bevölkerungszahl drei bis vier Mal mal mehr als aus Deutschland.

Islamistische Terrorgruppen

Islamischer Staat

Der sogenannte Islamische Staat ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida hervor. Im Irak-Krieg 2003 kämpfte die Gruppe gegen die US-Armee, 2013 setzte sie auf Expansion. Als „Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis)“ griff sie im syrischen Bürgerkrieg ein. Sie wurde stärker und lieferte sich Machtkämpfe mit anderen Islamisten, darunter Al-Kaida. In eroberten Gebieten in Syrien und im Irak riefen die Dschihadisten – nun als Islamischer Staat (IS) – ein Kalifat aus, in dem sie brutal gegen Gegner vorgehen. Dschihadisten in anderen Ländern schworen dem IS ihre Treue. Seit einiger Zeit verübt die Terrormiliz auch Anschläge außerhalb Syriens und des Irak.

Ansar Beit Al-Makdis

Die ägyptische Organisation ist eine der Gruppen, die sich dem IS angeschlossen haben. Seit Ende 2014 bezeichnet sich Ansar Beit al-Makdis („Unterstützer Jerusalems“) als „Provinz Sinai“ des IS. Laut ägyptischem Innenministerium gehören der Zelle rund 2000 Kämpfer an. Die Islamistentruppe verübt vor allem auf der Sinai-Halbinsel und in Kairo Anschläge.

Taliban

Die 2001 in Kabul gestürzten radikalislamischen Taliban haben weiterhin in großen Teilen Afghanistans Einfluss. Seit dem Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes bemüht sich die afghanische Führung verstärkt um Friedensgespräche mit ihnen. Weiterhin verüben die Taliban aber verheerende Anschläge in allen Teilen des Landes und nehmen Gebiete ein. Pakistans Grenzgebiet zu Afghanistan ist ein Rückzugsgebiet für die Taliban und Al-Kaida. Dort sind Gruppen wie die Tehrik-E-Taliban Pakisten (TTP) oder das Haqqani-Netzwerk aktiv. Auch die Gruppe Laschkar-E-Taiba („Armee der Reinen“) agiert von Pakistan aus auf dem Subkontinent.

Al-Kaida

1988 gründeten Dschihadisten in Afghanistan das Terrornetzwerk Al-Kaida („Die Basis“). Später richteten sich dessen Angriffe gegen die USA und Westeuropa. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war Al-Kaida-Chef Osama bin Laden bis zu seinem Tod der meistgesuchte Terrorist der Welt. 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Bin Laden im pakistanischen Abbottabad. Seit 2001 setzt das Terrornetzwerk zunehmend auf Regionalisierung.

AQAP

Zu den weitgehend unabhängig agierenden Al-Kaida-Ablegern zählt die 2008 aus der Vereinigung des jemenitischen mit dem saudi-arabischen Zweig entstandene Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Al-Qaeda in the Arabian Peninsula/AQAP). Die Terrorgruppe verübt seit Jahren immer wieder Anschläge. Der im Januar 2015 ermordete Redaktionsleiter des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, Stéphane Charbonnier, stand auf einer „Fahndungsliste“ des Dschihad-Magazins „Inspire“, das von AQAP veröffentlicht wird. Die USA greifen im Jemen regelmäßig Lager der Gruppe mit Drohnen an.

AQMI

Die ursprünglich algerische Gruppe Alk-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) versucht, Tunesien, Marokko, Algerien, Mauretanien, Niger und Mali durch Anschläge und Entführungen zu destabilisieren. Sie hat auch Rückzugsgebiete in Libyen. Auch die aus Libyen stammende Organisation Ansar al-Scharia („Unterstützer des islamischen Rechts“) verübt Anschläge in Tunesien.

Ansar Dine

Anhänger der Gruppe besetzten 2012 gemeinsam mit Tuareg-Rebellen den Norden Malis. Ihr werden Verbindungen zu Al-Kaida im islamischen Maghreb nachgesagt. Dem Terrorregime der Ansar Dine fielen viele Menschen mit westlichem Lebensstil zum Opfer. Französische und afrikanische Truppen vertrieben die Extremisten weitgehend aus der Region. Es kommt aber weiterhin zu Gefechten und Anschlägen auf Sicherheitskräfte in Mali.

Boko Haram

Die islamistische Terrorgruppe führt in Nigeria einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten Gottesstaats. Boko Haram heißt so viel wie: „Westliche Bildung ist verboten“. Die sunnitischen Dschihadisten werden für viele Attentate und Angriffe verantwortlich gemacht. Schätzungen zufolge wurden seit 2009 mehr als 14.000 Menschen getötet. Die selbst ernannten „Gotteskrieger“ kontrollieren Teile Nordostnigerias und versuchen auch, Gebiete in den Nachbarländern Kamerun und Niger zu erobern. Die Gruppe schwor der IS-Miliz Gefolgschaft.

Al-Shabaab

Die radikale Miliz verbreitet in Somalia Angst und Schrecken und verübt auch in Nachbarländern wie Kenia Anschläge. Zwar vertrieben Regierungstruppen und Soldaten der Afrikanischen Union die Extremisten 2011 aus der Hauptstadt Mogadischu, Al-Shabaab beherrscht aber noch weite Teile Mittel- und Südsomalias. Die Organisation hat Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und kooperiert mit den Extremisten von Boko Haram in Nigeria.

Jemaah Islamiyah

Die Anfang der 1990er Jahre von Indonesiern in Malaysia gegründete Terrorgruppe war bisher in Indonesien, Malaysia und im Süden der Philippinen aktiv. Sie will ein Kalifat in Südostasien errichten und steht Al-Kaida nahe. 2002 ermordeten Jemaah Islamiya-Terroristen bei Bombenanschlägen auf der indonesischen Ferieninsel Bali 202 Menschen, darunter mehr als 150 ausländische Touristen. Weitere Anschläge folgten.

Das habe seinen Grund in Österreichs Asylpolitik der Jahre 2002 bis 2007, sind Sicherheitskreise überzeugt: „Was sich damals angesammelt hat, wurde zehn Jahre später zum Problem.“ Die Rede ist von der europaweit einmalig großzügigen Gewährung von Asyl für Tschetschenen, die während des zweiten Tschetschenien-Krieges vor den Russen nach Europa flohen. Fast jeder wurde hereingelassen, auch weil die mit anderen Aufgaben belastete Bürokratie keine langwierigen Berufungsverfahren riskieren wollte.

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