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02.07.2014

08:39 Uhr

Dschihadisten

Verbände fordern Freilassung von 130 verschleppten Schülern

Freiheit für die Kinder: Dafür setzen sich die Unicef und HRW ein und fordern Dschihadisten zu Freilassung der über 100 Schülern auf. Sie wurden vor einem Monat in Syrien verschleppt. Einige von ihnen konnten fliehen.

Weltweit wird gegen die Dschihadistengruppe Islamischer Staat (IS) demonstriert. Nun fordern die Unicef und HRW die Freilassung von den verschleppten Kindern. dpa

Weltweit wird gegen die Dschihadistengruppe Islamischer Staat (IS) demonstriert. Nun fordern die Unicef und HRW die Freilassung von den verschleppten Kindern.

BeirutDas UN-Kinderhilfswerk Unicef und die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) haben die Dschihadistengruppe Islamischer Staat (IS) aufgerufen, etwa 130 vor einem Monat in Syrien verschleppte Kinder freizulassen. Kinder in einem bewaffneten Konflikt als Geiseln zu nehmen, sie zu benutzen und zu rekrutieren, sei ein Kriegsverbrechen, erklärte HRW am Dienstag in New York.

Unicef teilte mit, es verfolge das Schicksal der zwischen 14 und 16 Jahre alten kurdischen Schüler mit „großer Sorge“. Ihre Entführung stelle einen „schweren Verstoß gegen die Kinderrechte“ dar, die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden.

Die sunnitischen Kämpfer der Gruppe, die zu diesem Zeitpunkt noch Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien (Isis) hieß, hatten Ende Mai 153 Schüler entführt, darunter zehn Mädchen. Sie kamen aus der nordsyrischen Stadt Aleppo und fuhren mit dem Bus nach Ain al-Arab in der Provinz Aleppo, als sie in der von den Dschihadisten kontrollierten Stadt Menbedsch angehalten wurden. Seither ließen die Entführer etwa 15 Kinder frei, darunter die Mädchen, wie die der syrischen Opposition nahestehende Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte. Fünf Kinder konnten demnach fliehen.

Isis - Radikale Kämpfer für den Gottesstaat

Entstehung

Isis wurde 2003 von dem Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi unter dem Namen "Al-Kaida im Irak" gegründet. Die US-Streitkräfte töteten Sarkawi im Sommer 2006 mit einem gezielten Luftangriff. Der neue Anführer Abu Bakr al-Baghdadi gab der Bewegung im April 2013 ihren arabischen Namen, der im Westen unterschiedlich abgekürzt wird: Gebräuchlich sind auch Isil (das L steht hier für die Levante, die große Teile des Nahen Ostens umfasst) oder Isig (das G steht für Großsyrien). In der Region ist die Gruppe unter der arabischen Abkürzung Daesch bekannt.

Verhältnis zu Al-Kaida

Al-Baghdadi liegt mit der ursprünglichen Al-Kaida, die von Aiman al-Sawahiri von Pakistan aus gesteuert wird, im Clinch. Beharrlich ignoriert er deren Forderung, den Schwerpunkt seiner Aktivitäten auf den Irak zu legen. Anfang des Jahres kappte Al-Kaida offiziell die Verbindungen zu Isis, die mittlerweile als militanteste Islamistengruppe in Syrien gilt. Sie ist noch radikaler als Al-Kaida.

Mannstärke

Derzeit kämpft Isis an mehreren Fronten - gegen rivalisierende Rebellen in Syrien, die dortige Führung und gegen die irakische Armee. Die Gruppe soll Sicherheitskreisen zufolge über mehr als 10.000 Kämpfer verfügen. Nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft verübt Isis Attentate und Selbstmordanschläge in Syrien und ist für Erschießungen und Geiselnahmen verantwortlich. Die Gruppe gehe auch gegen Zivilisten und Angehörige von Hilfsorganisationen vor.

Anschläge

Im Irak verübte Isis 2013 laut dem Verfassungsschutzbericht Anschläge gegen Regierungseinrichtungen, Polizeiwachen und religiöse Feiern der schiitischen Bevölkerung. Außerdem befreite die Gruppe bei einem Angriff mit Granatwerfern, Autobomben und Selbstmordattentätern rund 500 Gefangene aus den irakischen Gefängnissen Abu Ghraib und Tadschi. Die Regierungstruppen konnten die Lage erst mit dem Einsatz von Kampfjets unter Kontrolle bringen. Isis bildet laut Verfassungsschutzbericht auch gezielt Kinder für den Kampf im syrischen Bürgerkrieg aus.

Die Bundesanwaltschaft erhob Ende Mai Anklage gegen drei mutmaßliche Isis-Anhänger, die in Deutschland Ausrüstung und Geld für die Organisation beschafft haben sollen.

Ziel

Ziel von Isis ist die Schaffung eines islamischen Gottesstaates, der über den Irak bis nach Syrien reicht. Er soll das historische Großsyrien umfassen, auf Arabisch wird diese Region als "al-Scham" bezeichnet. Die sunnitische Organisation kämpft daher nicht nur im Irak gegen die von Schiiten geführte Regierung, sondern auch in Syrien gegen Präsident Baschar al-Assad, der den Alawiten angehört. Sie stehen den Schiiten nahe. In Syrien stellen die Sunniten die Mehrheit der Bevölkerung, im Irak die Minderheit. Bis zum Sturz Saddam Husseins waren die Sunniten jedoch im Irak an der Macht.

Zwei der geflohenen Schüler hätten berichtet, dass die Dschihadisten die Kinder gezwungen hätten, die Scharia und die dschihadistische Ideologie zu lernen, erklärte HRW. Ein entkommener Schüler habe gesagt, dass die Kämpfer Kinder schlugen, die „sich schlecht verhielten“. Einige Eltern wurden demnach regelmäßig von ihren Kindern angerufen, andere haben keinerlei Lebenszeichen von ihren verschwundenen Kindern. Sie lebten in der Angst, dass ihre Jungen für den Kampf ausgebildet würden, hieß es.

Die sunnitische Dschihadistenorganisation hatte am Sonntag ein „Kalifat“ in Teilen des Iraks und Syriens als Kern eines Gottesstaates ausgerufen. Sie kämpft in Syrien auch gegen kurdische Gruppen und hat immer wieder kurdische Zivilisten als Geiseln genommen. Teilweise kamen sie im Austausch gegen gefangene Dschihadisten wieder frei.

Von

afp

Kommentare (1)

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Herr Markus Bullowski

02.07.2014, 09:56 Uhr

Es gibt in vielen islamischen Gesellschaften islamistische Gruppen, auch wenn sich die Motive unterscheiden. Ebenso gibt es viele Staaten mit dem diskriminierenden Sharia-Recht. Nur, dass dies irgendwie mit den grundsätzlichen Lehren der islamischen Religion zu tun hat, das möchte sich der Westen nicht eingestehen. Eine kurzsichtige Appeasementstrategie, wie ich finde.

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