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02.10.2014

10:23 Uhr

Dschihadisten-Vormarsch in Nordsyrien

Kurden droht in Kobane der Häuserkampf gegen den IS

Die Alliierten scheinen nahezu ohnmächtig gegenüber dem Vormarsch des Islamischen Staats in Syrien. Die Türkei sieht die Bedrohung vor ihrer Haustür mit großer Sorge. Forderungen nach einer Intervention werden lauter.

Für die Kurden wird die Lage an der türkisch-syrischen Grenze immer bedrohlicher: Der Islamische Staat rückt auf die Stadt Kobane vor. Türkische Kurden demonstrieren hier für schnelle Hilfe. ap

Für die Kurden wird die Lage an der türkisch-syrischen Grenze immer bedrohlicher: Der Islamische Staat rückt auf die Stadt Kobane vor. Türkische Kurden demonstrieren hier für schnelle Hilfe.

Beirut/ KobaneObwohl die USA und ihre Alliierten erneut Stellungen der Dschihadisten der Gruppierung Islamischer Staat (IS) in Nordsyrien aus der Luft angreifen, haben diese ihren Vormarsch auf die syrische Stadt Ain al-Arab – auch als Kobane bekannt – an der Grenze zur Türkei fortgesetzt. Der IS dringe im Südosten und Westen weiter vor und die Lage habe sich zugespitzt, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am frühen Donnerstag mit. Die Sorge sei groß, dass die Dschihadisten schon bald in die Stadt eindringen werden. Sie seien zwei Kilometer oder weniger von Kobane entfernt, sagte der Chef der Menschenrechtsbeobachter, Rami Abdel Rahman.

Die Kurden hätten sich aus Gebieten im Westen der Stadt zurückziehen müssen. Die Situation dort sei „sehr gefährlich“. Die kurdischen Volksschutzeinheiten bereiteten sich jetzt auf Straßenschlachten vor, da der IS nun den Ring um die Stadt immer enger ziehe, während die Organisation rund 300 Dörfer im Umland von Kobane bereits kontrolliert. Insgesamt beherrschen die Extremisten im Norden und Osten Syriens rund ein Drittel der Fläche des Landes. Sollte sie Kobane einnehmen, würde sie auch weite Teile der rund 900 Kilometer langen türkisch-syrischen Grenze lenken.

Die Terrorgruppe Islamischer Staat

Ziel

Die Organisation Islamischer Staat (IS), früher Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) genannt, gehört zu den radikalsten islamistischen Gruppen im Nahen Osten. Sie kämpft für einen sunnitischen Gottesstaat im arabischen Raum.

Ursprung

Der IS ging aus dem irakischen Widerstand der 2003 gegründeten Gruppe „Tawhid und Dschihad“ hervor, die sich gegen die US-Invasion im Irak wandte. Erster Anführer war der für seine Grausamkeit berüchtigte Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi. Seit 2013 leitet der Iraker Abu Bakr al-Baghdadi den IS.

Aktivitäten

Die Gruppe griff Im Irak nicht nur US-Soldaten an, sondern verübte auch Selbstmordanschläge auf Schiiten und Christen im Land. Al-Sarkawi wurde 2006 von der US-Armee getötet. Seither führen Iraker die Organisation. Deren zweiter früherer Name „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ verdeutlicht den Anspruch, einen sunnitischen Großstaat zwischen Mittelmeer und Euphrat zu errichten.

Entwicklung

An Macht gewann der IS, als sie sich im Frühjahr 2013 in den syrischen Bürgerkrieg einmischte. Dort überwarf sie sich mit der aus syrischen Salafisten bestehenden Al-Nusra-Front, obwohl beide Gruppen damals dem Terrornetzwerk al-Qaida nahestanden.

Standorte

Vor allem im Nordosten Syriens greift der IS syrisch-kurdische Städte an und massakriert die Zivilbevölkerung. Im Irak profitiert die Miliz vom Streit der von Schiiten dominierten irakischen Regierung mit den sunnitischen Parteien des Landes. Am 29. Juni rief der IS das Kalifat in den von im kontrollierten Gebieten aus – mit al-Baghdadi als Kalif.

Finanzierung

Der IS finanzierte sich anfangs vor allem durch Spenden aus den Golfstaaten Katar und Saudi-Arabien, aber auch durch Wegzölle entlang der Grenzen zwischen Irak und Syrien. Mit den Landgewinnen nahmen die Gewinne aus illegalen Ölverkäufen der kontrollierten Felder zu.

Söldner

In den Reihen der Gruppe kämpfen internationale Brigaden, darunter Muslime aus Nordafrika und den arabischen Golfstaaten sowie Konvertiten aus Europa und Nordamerika.

Die Beobachtungsstelle, die der Opposition gegen den syrischen Machthaber Baschar al-Assad nahe steht, sprach von den heftigsten Kämpfen seit Beginn der IS-Offensive auf die Grenzstadt vor rund zwei Wochen. Den tausenden mit modernsten Waffen und mit Panzern ausgerüsteten Dschihadisten stehen nur wenige hundert schlecht ausgerüstete kurdische Kämpfer entgegen. Ob die 32 Peschmergakämpfer, die momentan in der Infanterieschule der Bundeswehr im bayerischen Hammelburg im Umgang mit der Panzerabwehrwaffe „Milan“ geschult werden, an dieser Machtasymmetrie etwas ändern können, erscheint fraglich.

Die Rolle der Türkei in dem Konflikt bleibt indes weiter offen: Im Laufe des Tages wird das türkische Parlament darüber entscheiden, ob die Armee zu einem Eingreifen in Syrien und im Irak und somit zu einem Beitrag zur internationalen Allianz gegen IS ermächtigt werden soll. Der Regierung des Nato-Mitglieds soll erlaubt werden, über den Zeitpunkt, die Dauer und das Ausmaß militärischer Operationen in den Nachbarländern zu entscheiden, wie die Nachrichtenagentur Anadolu meldete. Ankara werde auch dazu befugt, über die Anwesenheit ausländischer Truppen in der Türkei zu entscheiden. Die Erlaubnis gelte für ein Jahr.

Da die regierende AKP unter dem ehemaligen Ministerpräsidenten und heutigen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan eine große Mehrheit hat, wird erwartet, dass die Zustimmung steht. Bisher gab sich die Türkei im Vorgehen gegen den IS jedoch eher zögerlich, dafür wurde die Regierung in Ankara zuletzt wiederholt kritisiert worden.

Kommentare (8)

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Herr Uwe Ostertag

02.10.2014, 11:50 Uhr

Die Effizienz der US Luftangriffe entsprechen letztendlich eher einem Eigentor, großes Trara, viel Geld verknallt, und die ISIS sind auf dem Vormarsch.
Es sieht eher so aus, als wenn die Amis die ISIS nicht wehtun wollen, deshalb nur ein bisschen ankratzen.

Herr Thomas Ungläubig

02.10.2014, 11:56 Uhr

Das wäre doch jetzt eine günstige Gelegenheit für einen ganz großen NATO-Einsatz, nachdem der Putsch in der Ukraine lediglich verdeckt vonstatten geht. Die Beistandsklausel für den NATO-Partner Türkei würde den Einsatz legitimieren, falls Krieg überhaupt legitim ist. Aber die Türkei würde einen enorm hohen Preis bezahlen und die Kurden bekämen ihre lang ersehnte Autonomie, siehe Ex-Jugoslawien.

Herr Fritz Freiheit

02.10.2014, 12:25 Uhr

Ich halte einen Krieg gegen IS für legitim und frage mich immer: Wo bleibt die Verantwortung der muslimischen Welt für das IS-Gemetzel? Ich höre und lese nur wenig Distanz, von Verantwortung ganz zu schweigen....

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