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26.10.2016

20:12 Uhr

„Dschungel“ von Calais

Noch geht das Katz-und-Maus-Spiel weiter

VonThomas Hanke

Der „Dschungel“ von Calais ist geräumt – das ist es, was die Präfektin Fabienne Buccio stolz verkündet. Doch die Realität vor Ort sieht anders aus. Unser Frankreich-Korrespondent hat sich das Elendslager angesehen.

Ein Flüchtling schützt sich vor aufsteigendem Rauch. Im wilden Flüchtlingscamp nahe Calais sind während der Räumung mehrere Gastanks explodiert. dpa

Explosionen im Camp

Ein Flüchtling schützt sich vor aufsteigendem Rauch. Im wilden Flüchtlingscamp nahe Calais sind während der Räumung mehrere Gastanks explodiert.

CalaisAm Mittwochabend gilt das Elendslager von Calais, die größte „wilde“ Unterkunft von Flüchtlingen in Europa, offiziell als geräumt. Zwischen 6500 und 8000 Menschen haben hier zuletzt gehaust, unter härtesten Bedingungen. Doch noch immer ziehen Gruppen von Menschen durch den Teil des „Dschungels“, der nicht abgebrannt ist. Viele sind nicht ansprechbar, geben vor, weder Englisch noch Französisch zu verstehen. Andere machen kein Hehl daraus, dass sie bleiben wollen.

Vor der äthiopischen Kirche im früheren Südteil des Camps sitzt ein gutes Dutzend Männer und blinzelt in die untergehende Sonne. Einer von ihnen spricht gut Englisch. „Im Augenblick bleiben wir hier, auf Dauer geht das natürlich nicht, wir müssen dem Befehl der französischen Behörden folgen“, sagt er. Doch in einen der Busse steigen und sich in eine der Erstaufnahme-Einrichtungen fahren lassen, das wollten sie nicht. Er weiß, dass die Präfektin Fabienne Buccio am Mittag angekündigt hat, die Aktion zur sicheren Unterbringung der Gestrandeten werde in der Nacht beendet. „Ja, aber im Moment fahren wir nicht“, wiederholt er mit stoischer Ruhe.

Die Äthiopier sind ein Teil der Lagerbevölkerung, die es laut der Darstellung der Präfektin gar nicht gibt: Menschen, die in Calais und Umgebung bleiben und auch weiter versuchen wollen, auf eigene Faust, illegal nach England zu kommen.

Offiziell ist das Lager jetzt leer, Fabienne Buccio erwähnt nur noch die rund 1500 Minderjährigen, die in einem Containerdorf untergebracht sind. Vor dessen Eingang steht am Abend Pascal Brice, Leiter des französischen Flüchtlingsamts OFPRA. Ein Sudanese kommt auf ihn zu und begrüßt ihn freundlich. „Fahrt Ihr noch nicht?“ fragt Brice erstaunt. „Nein, erst morgen früh“, gibt der Sudanese zurück. „Morgen gehen aber keine Busse mehr, das wurde vorhin beschlossen“, warnt ihn der OFPRA-Chef. „Könntet Ihr jetzt gleich abreisen?“ fragt er und legt dabei die Hände fast wie zum Gebet zusammen.

Der Sudanese ist einer der Leiter verschiedener Nationalitäten-Gruppen, mit denen das OFPRA über die Evakuierung verhandelt hat. Er berät sich mit mehreren Landsleuten und kommt dann strahlend zurück: „Ok, wir fahren, können wir nach Arras kommen?“ Arras, das ist gleich nebenan, eine Unterbringung dort wäre so gut, wie in Calais zu bleiben. Brice schüttelt grinsend den Kopf.

Auch wenn die Präfektin liebend gern einen Schlussstrich ziehen und ihre Erfolgsmeldung verkünden will: Noch geht das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Flüchtlingen und Behörden weiter. Doch auch so hat das OFPRA überraschend viel geschafft: Gut 5000 Migranten haben sich innerhalb von drei Tagen freiwillig in Einrichtungen in ganz Frankreich fahren lassen, so viel hatten nur Optimisten erwartet.

Am dritten Tag der Evakuierung rutscht die anfangs wohlgeordnete Operation zeitweilig ins Chaos. Bereits in der Nacht zum Mittwoch gibt es erste Feuer, die aber rasch gelöscht wurden. Am Morgen bricht ein größerer Brand aus. Schon weit vor dem Dschungel ist eine schwarze Rauchsäule zu sehen. Diesmal allerdings ist keine Feuerwehr im Anmarsch. Das Feuer breitet sich in Windeseile aus. Mehrere Hundertschaften CRS, kasernierte Polizei, stehen mit ihren großen Schilden bei Fuß, greifen aber nicht ein.

Kommentare (3)

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Herr Heinz Keizer

27.10.2016, 09:56 Uhr

Da sieht man, was passiert, wenn man es soweit kommen läßt. 8.000 Menschen, eine Kleinstadt, hausst unkontrolliert in Frankreich. 1.500 Minderjährige ohne Begleitung werden nicht betreut? Was soll aus denen werden? Es ist kaum zu glauben, dass so etwas mitten in Europa passieren kann. Totales Versagen der Behörden.

Herr Alessandro Grande

27.10.2016, 11:32 Uhr

@Heinz Keizer: An Ihrer Meinung wie an der gleichen Vieler sieht man, wie sehr polemisch es heutzutage zugeht und wie sehr die Menschen inhaltlich an der Oberfläche kratzen.
Denn: Niemand hat die "Flüchtenden" gerufen. Trotz angeblicher Flucht, wo man doch froh sein könnte, nun in "Sicherheit" zu sein, gibt man den eh gebeutelten Franzosen noch Bedingungen vor, wo (UK) und wie man leben möchte und zündet, wenn es anders läuft, gleich total asozial das ganze eigene Lager an.
Heisst, man benimmt sich im Grunde genau so tierhaft wie in dem Land, aus dem man geflüchtet ist und wird sich so nie integrieren lassen.
Ergo: Suchen Sie doch die Schuld nicht ständing bei den Europäern, sondern endlich mal bei den Dritten, welche uns hier millionenfach belagern und nehmen Sie gern welche in ihr privates Heim auf, wenn Sie dennoch solches Mitleid haben. Ansonsten bleibt es nämlich wertloses Gelager wie abends bei Lanz, Illner, Will & Co.!!!

Herr Peter Delli

27.10.2016, 12:25 Uhr

Die Okkupation Europas muss auf allen Ebenen bekämpft werden. Zu aller erst an den Ausengrenzen und zwar mit Waffen und Zäunen.

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