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06.07.2015

11:52 Uhr

Durchbruch im Atomstreit?

Iran wappnet sich für Jubelstürme

Im Atompoker mit dem Iran naht eine Entscheidung. Ein Verhandlungserfolg der Außenminister könnte unerwartete Folgen haben. Die Islamische Republik verbietet schon mal vorsorglich Jubelszenen auf Teherans Straßen.

Bis Dienstagabend wollten die Außenminister der fünf UN-Vetomächte und Deutschland eine Einigung mit dem Iran im Atomstreit finden. dpa

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier

Bis Dienstagabend wollten die Außenminister der fünf UN-Vetomächte und Deutschland eine Einigung mit dem Iran im Atomstreit finden.

Wien/TeheranDer Iran wappnet sich für ein mögliches Ende des langjährigen Atomstreits mit den großen Mächten. Im Falle einer Einigung bei den Gesprächen in Wien werde das Innenministerium in Teheran keine spontanen Straßenfeste erlauben und auch keine Feier ausrichten, sagte ein Ministeriumssprecher laut iranischen Medienberichten am Montag. Ein Abkommen des Irans mit den fünf UN-Vetomächten sowie Deutschland wird für Dienstagnacht anvisiert.

Eine Übereinkunft soll sicherstellen, dass der Iran die Kernkraft zivil nutzen kann, ohne in den Besitz einer Atombombe zu kommen. Im Gegenzug sollen die Wirtschaftssanktionen des Westens schrittweise aufgehoben werden - was Israel vehement kritisiert.

Nach der Grundsatzeinigung im April war es in Teheran zu spontanen Jubelfeiern gekommen, Zehntausende feierten den Kompromiss mit Hupkonzerten und Sprechchören wie „Obama, Obama“. Auf die Straßen zog es hauptsächlich Jugendliche, die auch nach westlicher Musik tanzten. Ähnliche Bilder möchte die Führung der Islamischen Republik nun offenbar vermeiden, zumal am Mittwoch wegen eines religiösen Trauertags im Iran jegliche Feierlichkeiten und besonders Musik und Tanz strengstens untersagt sind.

Bis Dienstagabend wollten die Außenminister der 5+1-Gruppe (die UN-Vetomächte USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich sowie Deutschland) mit ihrem iranischen Amtskollegen eine Einigung über das iranische Atomprogramm finden. Ob das gelingt, ist weiter offen.

Die iranischen Atomanlagen

Schwerwasserreaktor in Arak

Eine zentrale Rolle im Atomstreit spielt der geplante Schwerwasserreaktor in Arak, rund 250 Kilometer südwestlich von Teheran. Solche Reaktoren werden mit gewöhnlichem, nicht angereichertem Uran befeuert und mit sogenanntem schwerem Wasser, einer molekularen Variante, gekühlt. Schwerwasserreaktoren sondern als Nebenprodukt mehr Plutonium ab als Reaktoren, die mit gewöhnlichem Wasser gekühlt werden. Plutonium wiederum kann für die Herstellung von Atomwaffen eingesetzt werden.

Der Bau des Reaktors in Arak begann 2004 und ist fast fertig. Ein Datum für die Inbetriebnahme ist jedoch noch nicht bekannt. Der Iran gibt an, die Anlage für die Herstellung von Isotopen für medizinische und industrielle Zwecke nutzen zu wollen. Die UN-Inspektoren haben die Anlage bereits besichtigt. Vor knapp zwei Wochen sagte die Regierung ihnen überdies zu, weitere Kontrollen zu ermöglichen.

Urananreicherungsanlage in Natans

Der Iran betreibt zwei bedeutende Urananreicherungsanlagen. Die älteste und größte befindet sich in Natans, rund 260 Kilometer südwestlich von Teheran. Die Schutzmaßnahmen sind aufwendig: Die Zentrifugen stehen unter der Erde und die Anlage wird von mehreren Luftabwehrgeschützen verteidigt. Seit 2006 drehen sich die Zentrifugen und reichern Uran an. Insgesamt soll der Iran nach UN-Angaben 18.000 Zentrifugen besitzen

Urananreicherungsanlage in Fordo

Die zweite Anlage liegt in Fordo, im bergigen Süden der Hauptstadt Teheran. Die Regierung hielt die Urananreicherungsanlage lange geheim. Erst 2009 wurde ihre Existenz durch ausländische Geheimdienste bekannt. Das Gelände wird von den elitären Revolutionsgarden geschützt. Die UN-Inspektoren haben beide Anlagen in Natans und in Fordo bereits besucht und Systeme für eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung eingerichtet. Der Iran will aber nach eigenen Angaben zehn weitere Anlagen zur Urananreicherung bauen. Details zu den Plänen sind jedoch noch nicht bekannt.

Reaktor Buschehr

Das Kraftwerk Buschehr befindet sich im Südwesten des Landes an der Küste des Persischen Golfs. Das Projekt hatte schon vor der islamischen Revolution 1979 mit deutscher Beteiligung begonnen, später wurde es mit russischer Unterstützung weiter betrieben. 2011 wurde Buschehr als erstes iranisches Atomkraftwerk ans Netz angeschlossen.

Reaktor Teheran

Der wichtigste Forschungsreaktor steht in der iranischen Hauptstadt. Dort werden vor allem Isotope für medizinische Zwecke produziert. Die UN-Experten haben Zugang zu der Anlage.

Reaktoren in Planung

In den kommenden 20 Jahren plant der Iran den Bau mehrerer neuer Reaktoren. Wenige Details sind bekannt. Der meistdiskutierte Vorschlag ist ein Reaktor zur Energiegewinnung in Darchowin in der südwestlichen Provinz Chusestan. Er soll ausschließlich mit iranischer Technologie konstruiert werden. Der Iran hat der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) versprochen, seine Pläne zu erläutern.

Uranmine Saghand

Die bedeutendste Uranmine des Landes liegt in Saghand in der zentralen Provinz Jasd. Dort lagern die größten iranischen Vorkommen. Die Inspektoren dürfen die Mine betreten.

Uranmine Gachin

Eine kleinere Uranmine liegt am Persischen Golf. Ganz in der Nähe gibt es eine Raffinerie in Bandar Abbas. Seit 2006 wurden hier kleine Mengen von sogenanntem Yellowcake hergestellt. Dabei handelt es sich um ein gelbes, pulverförmiges Material aus Uranverbindungen, aus dem Brennstäbe hergestellt werden.

Uranmine Ardakan

Rund 500 Kilometer südlich von Teheran ist eine Raffinerie zur Produktion von Yellowcake geplant. Sie ist noch nicht in Betrieb.

Militäranlage Parchin

In Parchin südöstlich von Teheran befindet sich ein Militärgelände, auf dem konventionelle Waffen getestet werden. Die IAEA vermutet, dass dort eine unterirdische Anlage existiert, in der Zünder für Atomsprengköpfe getestet worden sein sollen. Der Iran weist die Vorwürfe zurück. Zwar konnten die Inspektoren den Stützpunkt 2005 besuchen, seither verlangt die IAEA aber erneut Zugang, den sie aber bislang nicht bekam.

Zwar betonten alle Seiten, die Lücken im Text des angestrebten Abkommens seien weniger geworden, allerdings war vor den Ministergesprächen am Montag weiterhin von inhaltlichen Differenzen die Rede. Delegationskreisen zufolge wird noch immer um heikle Themen wie die Aufhebung bestehender Sanktionen gegen den Iran gerungen.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sprach am späten Sonntagabend von einer „einmaligen Chance“ zur Lösung des Streits. „Die Konturen des Textes für eine Abschlussvereinbarung sind schärfer geworden“, fügte er hinzu. Eine Einigung um jeden Preis werde es aber nicht geben, hieß es einhellig aus der 5+1-Gruppe. Seitens der iranischen Verhandler wurde bereits laut darüber nachgedacht, auch nach Ablauf der Frist bis Donnerstag weiter zu verhandeln.

Von

dpa

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