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09.12.2015

19:46 Uhr

Durchsuchung im Vatikan

Deutscher Kardinal im Zwielicht

Papst Franziskus wollte Korruption und Misswirtschaft in der Kurie ein Ende setzen. Anscheinend gab es die auch in der mächtigen Glaubenskongregation von Kardinal Müller. Alles geklärt, versichert der Vatikan jetzt.

Die Staatsanwaltschaft des Vatikans ermittelt gegen den mächtigen Kirchenmann. Bei einer Durchsuchung seiner Büros waren unter anderem 20.000 Euro in bar beschlagnahmt worden. ap

Deutscher Kardinal Müller

Die Staatsanwaltschaft des Vatikans ermittelt gegen den mächtigen Kirchenmann. Bei einer Durchsuchung seiner Büros waren unter anderem 20.000 Euro in bar beschlagnahmt worden.

RomIm Zuge der von Papst Franziskus eingeleiteten Kurienreform sind im Vatikan nach einem Bericht der „Bild“-Zeitung die Büros des mächtigen Kardinals Gerhard Ludwig Müller durchsucht worden. Dabei seien 20.000 Euro Bargeld beschlagnahmt worden, deren Herkunft nicht geklärt werden konnte, berichtete das Blatt am Mittwoch unter Berufung auf Vatikankreise. Jetzt ermittelten die Behörden des Kirchenstaats gegen den 67-jährigen Präfekten der Glaubenskongregation und früheren Bischof von Regensburg. Vatikansprecher Federico Lombardi wies allerdings eine Verwicklung Müllers zurück.

Lombardi erklärte am Mittwoch, es seien vor einiger Zeit „einige Unregelmäßigkeiten“ in der Verwaltung der Glaubenskongregation festgestellt worden. Schon vor sechs Monaten seien aber die nötigen Gegenmaßnahmen getroffen worden. „Die Vorgesetzten des Dikasteriums, insbesondere Kardinal Müller, der in dem Artikel unkorrekterweise erwähnt wird, sind von den Vorgängen in keiner Weise betroffen“, erklärte Lombardi. Die Kongregation befolge jetzt „genauestens“ die neuen Verwaltungsregeln, die in allen Vatikanbehörden gelten würden.

Damit spielte Lombardi anscheinend auf die von Papst Franziskus vorangetriebene Kurienreform an. Der argentinische Pontifex, der eine „Kirche der Armen“ wünscht, war 2013 mit dem Anspruch angetreten, Korruption und Misswirtschaft in der Kurie ein Ende zu setzen. Dazu hatte er auch Kommissionen zur Überprüfung der Finanzen aller Dienststellen des Vatikans eingesetzt.

Nach dem „Bild“-Bericht weigerte sich Müller, Unterlagen auszuhändigen, die der päpstliche Generalbuchprüfer im Frühjahr angefordert hatte. Daraufhin seien die Fahnder zur Hausdurchsuchung angerückt. Das beschlagnahmte Geld stamme nach ihren Informationen aus Gebühren, die der Vatikan weltweit aus Bistümern für die Untersuchung von Fällen sexuellen Missbrauchs beziehe, schrieb „Bild“. Es sei in einer Schublade entdeckt worden. Es bestehe der Verdacht, dass das Geld auch für private und dienstliche Anschaffungen des Kardinals verwendet wurde.

Anfang November hatten die italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi und Emiliano Fittipaldi Bücher veröffentlicht, in denen sie der Kurie eine maßlose Geldverschwendung vorwerfen. „Im Herzen der Kirche klafft ein schwarzes Loch von Desinformation, Misswirtschaft, Verschleierung und Betrug“, schreibt Nuzzi. Beide Autoren stützen sich auf vertrauliche Dokumente die ihnen zugespielt wurden. Beim Vatikan heißt es, dass die Autoren überwundene Probleme der Vergangenheit beschrieben.

Geldverschwendung im Vatikan – Enthüllungen von Gianluigi Nuzzi

Der Autor

Gianluigi Nuzzi, Jahrgang 1969, ist Journalist und Fernsehmoderator. Seine beiden Vatikan-Bücher wurden Bestseller: 2009 erschien „Vatikan AG“, in dem er über die Vatikanbank und ihre Machenschaften schrieb, und 2012 „Seine Heiligkeit“, in dem er geheime Dokumente aus dem Vatikan veröffentlichte. Das Buch löste „Vatileaks“ aus. Der Kammerdiener von Papst Benedikt XVI., Paolo Gabriele, wurde verhaftet und verurteilt, weil er Dokumente vom Schreibtisch des Papstes entwendet hatte. Nuzzi hat nie preisgegeben, ob Gabriele sein Informant war. „Alles muss ans Licht“, sein neues Buch, geht über die desolate Finanzsituation im Vatikan.

Vatikanstaat

„Museen und Läden, Bauaufträge und Warenlieferungen sind ein Riesengeschäft“, schreibt Nuzzi. Berater von McKinsey hätten schon 2009 herausgefunden, dass verschiedene Kostenstellen wie Instandhaltungen um 200 bis 400 Prozent höhere Kosten auswiesen als marktüblich. Das Governatorat mit 1900 Beschäftigten ist für das Funktionieren des Staates zuständig. In dem „Steuerparadies“ gibt es einen Supermarkt, Tankstellen, Tabakläden, Bekleidungsgeschäfte, Läden für Unterhaltungselektronik. Nuzzi findet heraus, dass es keine Aufzeichnungen über Waren ein- und Ausgang gibt. „Die Verlust aufgrund von Bestandsabweichungen“ liegt 2013 bei 1,6 Millionen Euro. Es gibt „persönliche Umsatzsteuerbefreiungen“.

Immobilien

Es fehlt eine vollständige Bestandsaufnahme der Vermögenswerte sämtlicher Teilorganisationen des Vatikans und aller Körperschaften. Wenn die Liegenschaften des Vatikans gut gemanagt würden, könnten Mieteinkünfte das Vierfache einbringen, schreibt Nuzzi. Viele Kardinäle und andere Kirchenmenschen zahlten für ihre großen Wohnungen sehr wenig. „Würde man Marktpreise ansetzen, könnten die den Beschäftigten überlassenen Wohnungen anstelle der heutigen 6,2 Millionen 19,4 Millionen Euro an Erträgen abwerfen“, schreibt Nuzzi.

Rentenfonds

Es drohe ein Rentenloch in Höhe von 800 Millionen Euro, heißt es im Buch in Bezug auf Berechnungen der Cosea-Kommission von 2013, die das Versorgungssystem durchleuchtet. Verpflichtungen von 1,2 bis 1,3 Milliarden Euro stünden einem Guthaben von rund 450 Millionen Euro gegenüber.

Schutzheilige

Rund 50.000 Euro kostet die Einleitung eines Seligsprechungsprozesses, so Nuzzi, manchmal ist es mehr, sogar 750.000 Euro. Es fehlt Transparenz. Die Cosea-Mitglieder fragen vergebens nach Bankunterlagen für Spenden. Kurzfristig werden die Konten eingefroren

Die beiden Journalisten stehen im Vatikan vor Gericht, die Justiz des Kirchenstaates wirft ihnen vor, die Dokumente unrechtmäßig an sich gebracht zu haben. Mit ihnen angeklagt sind drei mutmaßliche Informanten, die der Cosea-Kommission zur Überprüfung der Wirtschafts- und Verwaltungsstrukturen des Vatikans angehörten.

Franziskus hatte im Gespräch mit Journalisten auf dem Rückflug von seiner Afrika-Reise Ende November seinen Willen bekräftigt, der Korruption im Vatikan ein Ende zu setzen. „Für mich war das keine Überraschung, es hat mir nicht den Schlaf geraubt, denn sie haben die Arbeit sichtbar gemacht, die mit der Kardinalskommission C9 begonnen wurde, Korruption und Dinge, die nicht gehen, aufzuspüren“, sagte er zu den jüngsten, als „Vatileaks 2“ bekanntgewordenen Enthüllungen.

Von

dpa

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