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16.09.2014

09:21 Uhr

DZ-Bank-Ökonom zu Schottland

„Spaltungstendenzen machen keinen Sinn“

VonDietmar Neuerer

ExklusivSollte Schottland unabhängig werden, droht der Wirtschaft Rest-Britanniens ein „deutlicher Dämpfer“, warnt DZ-Bank-Chefökonom Stefan Bielmeier. Im Interview erklärt er, warum auch auf die Schotten schwere Zeiten zukämen.

Bald einsam? Die Schotten könnten für ihre Unabhängigkeit stimmen.

Bald einsam? Die Schotten könnten für ihre Unabhängigkeit stimmen.

Am Donnerstag stimmen die Schotten über ihre Unabhängigkeit ab. Stefan Bielmeier beobachtete das Vorhaben bislang zurückhaltend, weil das Referendum monatelang wie ein „Non-event“ erschienen sei. Angesichts der jüngsten Umfragen müsse jedoch inzwischen davon ausgegangen werden, dass die staatliche Einheit Großbritanniens nun im letzten Moment tatsächlich auf „Messers Schneide“ stehe, schrieb Bielmeier kürzlich in seinem Blog. Die möglichen Folgen skizziert er im Interview.

Herr Bielmeier, Schottland will sich vom Vereinigten Königreich lossagen - doch das Pfund und die EU-Mitgliedschaft möchte es behalten. Eine realistische Vorstellung aus Ihrer Sicht?

Stefan Bielmeier: Die EU-Mitgliedschaft müsste neu beantragt werden. Das ist ein formaler Prozess, der lange dauern könnte und politisch sicherlich schwierig wäre. Was die Währungsfrage betrifft, so würden die Schotten natürlich gerne das Pfund  behalten. Ob und in welcher Form dies möglich wäre, ist derzeit aber fraglich.

Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt bei der DZ Bank in Frankfurt.

Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt bei der DZ Bank in Frankfurt.

Wäre eine Währungsunion mit England denkbar?

Die volle Währungsunion mit England ist der erklärte Wunsch der Unabhängigkeitsbefürworter. Die britische Regierung hat sich allerdings schon sehr entschieden gegen diese Option ausgesprochen. Sie befürchtet in einer Währungsunion mit den Schotten mit ähnlichen Problemen konfrontiert zu werden, wie wir sie in den vergangenen Jahren in der Europäischen Währungsunion hatten.  

Und wenn Schottland auf die Währungsunion verzichtet und trotzdem weiter mit dem Pfund zahlen will?

Auch das geht. Eine sogenannte „Sterlingisierung“ würde bedeuten, dass die Schotten das Pfund ohne die explizite Erlaubnis der Engländer weiter als Zahlungsmittel verwenden. Andere Länder praktizieren dies mit dem US-Dollar. Ohne eigene Notenbank würden allerdings die schottischen Geschäftsbanken den Zugang zur britischen Notenbank verlieren, was im Krisenfall zu Liquiditätsproblemen führen kann.

So wichtig ist Schottland für die deutsche Wirtschaft

Wie stark ist die schottische Wirtschaft überhaupt?

Die jährliche Wirtschaftsleistung beträgt rund 131 Milliarden Pfund - umgerechnet fast 165 Milliarden Euro. Das entspricht in etwa dem Bruttoinlandsprodukt von Berlin und Brandenburg zusammen.

Wie viel exportiert Deutschland nach Schottland?

Deutschland exportierte 2013 Waren im Wert von umgerechnet gut fünf Milliarden Euro nach Schottland. "In der Rangliste unserer wichtigsten Kunden würde Schottland einen Platz unter den ersten 50 belegen", sagt der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier. "Und zwar noch vor Staaten wie Irland und Griechenland." Großbritannien insgesamt steht mit einem Volumen von knapp 76 Milliarden Euro an Nummer drei, hinter Frankreich und den USA, aber noch vor den Niederlanden und China. Die Schotten kaufen vor allem deutsche Maschinen und Fahrzeuge, aber auch chemische Produkte.

Und wie viel kauft Deutschland in Schottland?

Schottland lieferte 2013 Waren im Wert von etwa drei Milliarden Euro in die Bundesrepublik. Das würde zu einem Platz unter den 50 wichtigsten deutschen Lieferanten reichen, noch vor Australien oder Saudi-Arabien.

Importiert Deutschland vor allem Whiskey?

Alkohol ist tatsächlich ein großer Exportschlager. Nummer eins sind zwar Maschinen und Fahrzeuge. Nach Angaben der Scotch Whisky Association wurde 2013 Whisky im Wert von 172 Millionen Pfund (216 Mio Euro) nach Deutschland exportiert. Die Bundesrepublik ist damit fünftgrößter Abnehmer hinter den USA, Frankreich, Singapur und Spanien.

Wie viele deutsche Unternehmen sind vor Ort?

Mehr als 200, sagt DIHK-Experte Treier. "Davon wiederum sind knapp 40 hundertprozentige Töchter von Industrieunternehmen wie BASF, Bosch und Evotec." Insgesamt beschäftigen die deutschen Firmen rund 20.000 Mitarbeiter in Schottland.

Könnten die Schotten aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage überhaupt ohne Pfund den Alleingang wagen?

Der Alleingang wäre für Schottland auf mittel- und längerfristige Sicht bestimmt schwierig. Zwar würden die Einnahmen aus Öl- und Gasvorkommen zunächst ansteigen, aber Experten sind sich einig, dass die Reserven fast aufgebraucht sind. Hinzukommt, dass Schottland ohne Zuschüsse aus England höhere Ausgaben haben wird, die natürlich gegenfinanziert werden müssten. Und dass die Schotten sich zu denselben günstigen Bedingungen finanzieren könnten wie Großbritannien, ist mehr als fraglich.

Wie wäre Rest-Britannien von dem Wegfall der Rohstoffeinnahmen betroffen?

Die Einnahmen aus den Rohstoffen sind relativ zum britischen Haushalt nicht sonderlich signifikant, hier würden also keine größeren Löcher gerissen. Problematischer wären die Auswirkungen auf den Handel und die zu erwartende Eintrübung des Sentiments. Somit hätte eine Abspaltung Schottlands sicherlich negative Konsequenzen für die britische Wirtschaftsleistung insgesamt. Ein deutlicher Dämpfer wäre sehr wahrscheinlich.

Kommentare (18)

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Herr Fred Meisenkaiser

16.09.2014, 11:43 Uhr

Wenn die Banken vor der Abspaltung warnen, sollten es die Schotten tun. Schließlich entscheiden sie für sich selbst. Und nicht für die Gewinne der Banken!
Diese fürchten um fette Gewinne, das kann NUR gut für die Bürger sein.
Man stelle sich vor, man würde die Bankgewinne mit70% besteuern! Auch davor würden die Banken warnen. Gut für die Bürger wäre es ebenso.

Herr Joachim Buch

16.09.2014, 11:44 Uhr

Immer der selbe Sermon von wegen Kleinstaaterei. Ich kann es nicht mehr hören. Man widerlege mir den Satz "Niemals vorher und niemals nachher hat Europa so gut und so harmonisch funktioniert, wie es das knapp vor der Einführung des Euro getan hat." Alle waren zufrieden, alles hat funktioniert. Die Tendenz zur Atomisierung wurde überhaupt erst losgetreten durch die eklatanten Unterschiede hinsichtlich der wirtschaftlichen Potenz der Mitgliedsländer. Zudem gibt es in Europa immer noch Länder, die den Euro nicht haben und auch nicht wollen, von der neutralen Schweiz einmal ganz abgesehen. Norwegen, Dänemark, Schweden... all jenen geht es deutlich besser, als dem gesamten Rest der Euro-Zone. Und diese Länder treiben auch Handel mit Ländern der Euro-Zone - problemlos. Auf der anderen Seite China - wenn man bedenkt, welche enormen Warenströme zwischen China und Deutschland hin und her laufen - alles ohne Euro. Den Chinesen ist es doch völlig wurscht, ob sie mit einem großen oder mit einem kleinen Land Handel treiben - Hauptsache, es lohnt sich für beide Seiten. Natürlich wäre es besser, wenn Europa als EINE Macht auftreten würde, aber dazu müßten ALLE an einem Strang ziehen. Tun sie aber nicht. Also muß man sagen: Bevor man Neid und Mißgunst untereinander hat, macht doch jeder besser sein eigenes Ding. Wäre ich Schotte, ich würde FÜR die Unabhängigkeit stimmen. Und als Deutscher wäre ich sehr gespannt, wie der träge EU-Moloch darauf reagieren würde.

Herr Thomas Albers

16.09.2014, 11:46 Uhr

Meiomei, da hat aber einer schlechte Laune...*g*

Ein Kommentar einer Person - tatsächlich Finanzexperte - wird zu den wirtschaftlichen Folgen einer Abspaltung befragt und das sei dann "Einmischung in die inneren Angelegenheiten einer Nation"? *g*

Besonders lustig ist es, dass unser Schreiber hier wochenlang Putins geheimen Krieg in der Ukraine gerechtfertigt hat... das war da aber ok - aber eine Expertenmeinung - o v e r the line -- geht's noch? LOL

(Ja, ich weiß, ist nur ein Troll, aber SCNR ) *g*

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