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19.09.2014

08:02 Uhr

Edinburgh und das Schotten-Referendum

„Wie am D-Day im Sommer 1944“

VonJan Mallien, Katharina Slodczyk

Das „No“-Lager gewinnt knapp: Die Schotten haben eine historische Entscheidung getroffen. Psychologen stellen sich nun darauf ein, Familien zu helfen, in denen die Unabhängigkeitsfrage tiefe Gräben hinterlassen hat.

Trauernde Anhängerin der Unabhängigkeit: Satt, sich von der Londoner Zentralregierung bevormunden zu lassen. AFP

Trauernde Anhängerin der Unabhängigkeit: Satt, sich von der Londoner Zentralregierung bevormunden zu lassen.

EdinburghSeine Stimme zittert, die Hand ebenfalls, die sich am Arm seiner Enkelin festhält. „Ich bin schon zu alt, um unter den Folgen einer falschen Entscheidung zu leiden“, sagt Joseph Greene, „aber ich muss verhindern, dass diese Sache den jüngeren Generationen zum Verhängnis wird, weil sie zu naiv waren und Politikerversprechen zu ernst genommen haben.“ 85 ist der Rentner aus Edinburgh vor einigen Monaten geworden. „Ich wollte eigentlich nie wieder wählen gehen.“ Doch er hat es sich anders überlegt: „Es steht einfach zu viel auf dem Spiel.“

Am Donnerstag war Greene daher unter den gut vier Millionen Schotten, die über die Zukunft ihres Landes entschieden haben. Soll es weiterhin wie in den vergangenen 307 Jahren Teil des Vereinigten Königreichs sein oder soll es eigenständig werden?

Vor zwei Jahren haben sich Großbritanniens Premierminister David Cameron und Alex Salmond, Chef der schottischen Nationalpartei (SNP) auf das Referendum geeinigt. Lange Zeit sah es so aus, als ob das Lager derer, die den Status Quo wollen, locker gewinnen würde. Erst vor etwa drei Wochen deuteten Umfragen an, dass die Stimmung sich gedreht hat. Es wurde ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Die Londoner Zentralregierung reagierte hektisch und nervös. Spitzenpolitiker aus London reisten nach Schottland, warnten vor „schmerzhaften Entscheidungen“ und sicherten der Nation weitere Machtbefugnisse zu.

So geht es jetzt in Großbritannien weiter

19. September 2014

Die großen Parteien im britischen Parlament - Konservative, Labour und Liberaldemokraten - haben zugesagt, sofort mit der Planung für den als Devolution bezeichneten Machttransfer zu beginnen. Die Edinburgher Regierung soll noch mehr Autonomie bekommen in Erziehungs-, Polizei- und Gesundheitsfragen hinausgeht. Auch gibt es mehr Rechte bei der Festsetzung von Steuern.

Ende Oktober 2014

London will ein erstes Papier mit Vorschlägen fertig haben, das dann diskutiert wird. Was es enthalten wird, ist nicht ganz klar - vermutlich soll Edinburgh mehr Freiheit beim Erheben von Einkommenssteuern und in anderen Bereichen der Steuerpolitik bekommen.

Ende November 2014

Ein Informationsbericht des Unterhauses legt die neuen Kompetenzen für Edinburgh im Detail dar.

25. Januar 2015

Der Gesetzentwurf ist fertig, das Unterhaus stimmt darüber ab.

7. Mai 2015

Parlamentswahlen in Großbritannien. Mit dem Zusammentreten des neuen Parlaments sollen auch die neuen Devolution-Gesetze in Kraft treten.

5. Mai 2016

Schottland wählt ein neues Regionalparlament.

2017

Sollte David Cameron wiedergewählt werden, hat er für 2017 ein Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU in Aussicht gestellt. Wenn die Briten mehrheitlich für den Austritt stimmen, könnte das der Nationalbewegung in Schottland neuen Schwung geben - denn die Schotten sind eher EU-freundlich.

Ökonomen, Investoren und Unternehmer appellierten an die Vernunft der Schotten und nahmen die Schwachstellen in Salmonds Plänen von einem eigenständigen Schottland haarklein auseinander. Und Künstler und Sportler baten inständig: „Es gibt mehr, was uns verbindet, als das, was uns trennt. Let's stay together.“

All das hat seine Wirkung nicht verfehlt: Nur einzelne Bezirke Schottlands haben für eine Abspaltung von Großbritannien gestimmt. Damit steht am Morgen fest: Die Unabhängigkeitsbewegung hat verloren, Schottland bleibt Großbritannien treu.

Doch die Befürworter eines neuen Staates hatten sich bis zuletzt nicht entmutigen lassen: Von morgens früh bis zur Schließung der Wahllokale um 22 Uhr war Ronda Davis auf den Beinen. Die 50-Jährige holte Wähler, die es allein nicht geschafft hätten, mit ihrem Auto ab und fuhr sie zum Wahllokal. Ihrem Mann, der an einem Informationsstand die Stellung hielt, brachte sie zwischendurch Essen und neue Flugzettel. Dann löste sie ihren Sohn ab, der mit einem blauem mit „Yes“-Aufklebern beklebten Auto durch Edinburgh fuhr, aus dem es „Vote Yes“ herausschallte.

Kommentare (4)

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Herr W. Dilling

19.09.2014, 09:21 Uhr

Wie am D-Day im Sommer 1944

Warum man unbedingt ein friedlich zustande gekommenes Wahlergebnis mit einer brutalen militärischen Auseinandersetzung mit hohen Verlusten an Menschenleben vergleichen muss, kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen, aber sei es drum. Nun bin ich mal gespannt wie sich das Wahlergebnis unter dem gemeinsamen Dach Großbritannien auswirken wird, denn eins dürfte klar sein, ganz ohne Folgen dürfte und darf dieses Referendum nicht bleiben.

Sergio Puntila

19.09.2014, 09:43 Uhr

Europa hatte, wie es scheint, den Atem angehalten.
Aber noch feiern die Sezessionisten andere Sektierer in der EU.
The party is not over, it just did start.
Mal sehn, wie Brüssel damit umgehen wird: denn auch in Brüssel könnte sich ein "weiter so" als gefährlicher Trugschluss erweisen.

Account gelöscht!

19.09.2014, 09:49 Uhr

Die Mediendemokratie hat mal wieder gesiegt ... diesmal die Meinung von BBC und Sky.

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