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15.11.2015

00:14 Uhr

Ein Abend in Paris

Gebete, Tränen – und Angst

VonBenjamin Wagener

Die Terroranschläge haben Paris verändert: Attentäter töten Menschen, die sich auf einen geselligen Abend mit Freunden gefreut haben. Die Botschaft: Es hätte jeden von euch treffen können. Eindrücke von den Tatorten.

Der Eiffelturm, das Wahrzeichen von Paris, bleibt am Tag nach den Anschlägen dunkel. AFP

Keine Beleuchtung

Der Eiffelturm, das Wahrzeichen von Paris, bleibt am Tag nach den Anschlägen dunkel.

ParisDer Platz vor dem Musikklub Bataclan ist abgesperrt. Zwischen zwei Mannschaftswagen der Polizei leuchtet der altertümliche Schriftzug der bekannten Konzerthalle immer dann auf, wenn das Blaulicht der Streifenwagen auf das dunkle Gebäude fällt. Vor den Metallgittern ein Meer von Kerzen, Blumen, zumeist Rosen, weiß und rot. „Wir vergessen euch nicht“, steht auf einem Zettel zu lesen. „Pray for Paris“, auf einem anderen. Eine brasilianische Flagge liegt über einer polnischen. Und natürlich überall die Farben der französischen Trikolore.

Obwohl viele Menschen an den Gittern stehen, immer wieder Leute nach vorne kommen, eine Kerze entzünden und die Polizisten beobachten, die mit Maschinenpistolen vor dem Bataclan patrouillieren, liegt eine beklemmende Stille über dem Platz. Zu hören sind nur die Generatoren der vielen Fernsehteams- und Übertragungswagen, die vor dem Haus Stellung bezogen haben, an dem am Freitag Abend mindestens 80 Menschen gestorben sind.

Frankreichs Kampf gegen den IS: „Ja, wir sind im Krieg“

Frankreichs Kampf gegen den IS

„Ja, wir sind im Krieg“

Die blutigsten Terrorakte in Europa seit gut zehn Jahren schockieren die Welt. Frankreich nimmt nach den beispiellosen Anschlägen den Islamischen Staat ins Visier. Womöglich wurde sogar noch Schlimmeres verhindert.

Es ist, als liefe das Leben in den Straßen der französischen Hauptstadt, in denen vor 24 Stunden sieben islamistische Attentäter mehr als 129 Menschen getötet haben, auf Standby. Vor allem die Tatsache, dass die Attentäter scheinbar wahllos Leben auslöschten, – Leute, die der amerikanischen Rockband „Eagles of Death Metal“ zuhörten, genauso ermordet wie Pärchen, die sich zum Essen trafen oder Freunde, die ins Kino gingen – verstört die Menschen in Paris. Und treibt sie an die Tatorte des Grauens.

Der Terror von Paris – Was wir wissen

Täter

Die Attacken wurden von drei Terrorkommandos verübt. Sie schlugen am Freitagabend an sechs Orten in Paris und dem Vorort Saint-Denis koordiniert zu, schossen wahllos auf Menschen oder sprengten sich selbst in die Luft. Die Angreifer benutzten Sturmgewehre des Typs Kalaschnikow und trugen identische Sprengstoffwesten. Sieben Terroristen starben. Einer wurde erschossen, sechs sprengten sich in die Luft. Mindestens einem Terrorkommando scheint zunächst die Flucht gelungen zu sein. Ermittler stellten am Sonntagmorgen östlich von Paris den schwarzen Seat sicher, aus dem heraus die Attentäter die Cafés und Restaurants beschossen hatten. Darin wurden nach Medienberichten drei Kalaschnikows gefunden.

Ziele

Die mit Abstand meisten Opfer gab es beim Überfall auf ein ausverkauftes Rockkonzert im Musikclub „Bataclan“, dort wurden Geiseln genommen. Auch mehrere Cafés und Restaurants in der Nähe wurden beschossen. Drei Selbstmordattentäter sprengten sich vor dem Fußball-Stadion Stade de France in die Luft, wo die deutsche Nationalmannschaft gegen Frankreich spielte. Mindestens einer von ihnen soll zuvor vergeblich versucht haben, ins Stadion zu kommen.

Opfer

Mindestens 129 Menschen wurden getötet, 352 weitere teils lebensgefährlich verletzt. Unter den Toten ist ein Deutscher.

Terror

Frankreichs Präsident François Hollande machte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich und sprach von einem „Kriegsakt“. Der IS bekannte sich in einer zunächst nicht verifizierbaren Erklärung im Internet zu den Anschlägen. Die Angreifer sollen beim Überfall auf das „Bataclan“ „Allah ist groß“ gerufen und ihre Taten mit der Situation in Syrien und im Irak begründet haben. In beiden Ländern fliegt Frankreich Luftangriffe.

Pass

Bei den Überresten eines der Selbstmordattentäter vom Stade de France wurde ein syrischer Pass gefunden. Es verdichten sich die Hinweise, dass dieser Mann und ein weiterer Attentäter gemeinsam als Flüchtlinge getarnt in die EU einreisten. Einer von ihnen, ein 25-Jähriger namens Ahmed Almuhamed, soll am 7. Oktober in Serbien eingetroffen sein. Am 3. Oktober war er laut griechischen Behörden als Flüchtling auf der Insel Leros registriert worden. Nach Medieninformationen aus Polizeikreisen könnte auch sein mutmaßlicher Komplize über die Türkei nach Griechenland eingereist sein. Beide sollen zusammen von Leros aus die Fähre nach Piräus genommen haben.

Spuren in Belgien

In der Nähe des „Bataclan“ war zuvor schon ein schwarzer Polo mit belgischem Kennzeichen gefunden worden. Dieser Wagen soll von einem Franzosen angemietet worden sein, der in Belgien lebt. Er geriet am Samstagmorgen in einem dritten Auto in eine Routinekontrolle, wurde zunächst aber nicht festgenommen. Mit im Wagen waren mehrere Personen mit Wohnsitz in der Region Brüssel. Ein weiterer verdächtiger Mietwagen mit belgischem Kennzeichen wurde in der Nähe des Pariser Friedhofs Père Lachaise entdeckt. Die Polizei durchsuchte am Samstagabend im Brüsseler Stadtteil Molenbeek mehrere Wohnungen und nahm sieben Menschen fest. Einer der Festgenommenen soll am Freitagabend in Paris gewesen sein. Bei der Aktion wurde auch der Wagen sichergestellt, der am Morgen in die Routinekontrolle geraten war.

„Sie haben sich Menschen ausgesucht, die feierten, die am Wochenende ausgingen und an einen milden Abend noch einmal auf der Terrasse saßen", sagt Sybille Bebermeyer. Die Deutsch-Französin blickt gefasst auf die Fassungslosen, die Blumen ablegen, beten und weinen.

Immer wieder streicht sie sich die weißgrauen Haare aus dem Gesicht und schüttelt den Kopf. Bei dem Attentat auf die Redakteure von Charlie Hebdo habe man aufgrund der Mohammed-Karikaturen noch eine kranke, verquere Logik erkennen können, aber das hier „ist eine Stufe gefährlicher und gemeiner.“ Für die 70-Jährige, die seit mehr als 40 Jahren in elften Arrondissement lebt, ist der Terroranschlag ein Angriff auf das Lebensgefühl – von Paris, Frankreich und der ganzen westlichen Welt.

Nur wenige Hundert Meter weiter schlugen die Kugel der Mörder in das Café Bonne Biére ein. Unter den Löchern kleben Zettel der Kriminalpolizei, daneben hängt noch eine Speisekarte. César Salad, Tartare und Croque Monsieur gab es an dem Abend, als der Terror kam.

Ermittler gehen an einem der Tatorte auf Spurensuche. dpa

Aufräumarbeiten

Ermittler gehen an einem der Tatorte auf Spurensuche.

Die Tische hinter den zersplitterten Scheiben sind noch nicht abgeräumt, dreckiges Geschirr liegt auf dem Boden, umgefallene Weingläser auf den Tischen darüber. Zwischen die Blumen hat ein Passant eine Taschenbuchausgabe von Albert Camus' Essaysammlung „Der Mensch in der Revolte“ gelegt – die Trauergabe hätte nicht passender gewählt sein können, kam der Philosoph doch in diesen Überlegungen zum Schluss, dass mit Fanatikern nicht zu diskutieren ist.

Neben dem Café auf dem Bürgersteig sind einige Bodenplatten mit einem Baustellenband abgesperrt, Blumen liegen in dem kleinen Rund, Kerzen und ein handgeschriebener Zettel, darauf die Worte: „Hier ist ein Mensch gestorben, respektiert den Ort.“

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