Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.04.2012

10:43 Uhr

Ein Haka für Hollande

Französische Web-Aktivisten werben für Sozialisten

VonThomas Hanke

Selbstausbeutung wie zu Zeiten der New Economy - das tun sich derzeit junge Aktivisten in Frankreich an. Sie unterstützen den Sozialisten Francois Hollande im Wahlkampf mit den Mitteln des Webs.

Jugendliche bei einer Wahlkampfveranstaltung den Sozialisten Francois Hollande. Beim Wahlkampf nutzen jungen Hollande-Anhänger die Mittel des Internets. AFP

Jugendliche bei einer Wahlkampfveranstaltung den Sozialisten Francois Hollande. Beim Wahlkampf nutzen jungen Hollande-Anhänger die Mittel des Internets.

ParisVon Anfang an begleiten einige Hartgesottene Francois Hollandes Wahlkampf. Im Lauf der Monate ist daraus eine auf 40 Mitglieder angeschwollene Gruppe von Jugendlichen geworden, die „equipe web“ oder „webcampagne“ des sozialistischen Kandidaten. Am Samstag und Sonntag muss die bunte Truppe zwangsweise pausieren. Ihr Chef will sich peinlich genau an die Vorschrift halten, dass der Wahlkampf bis zur Schließung der Wahllokale am Sonntag um 20 Uhr unterbrochen wird. Solange soll auch die Webseite nicht mehr aktualisiert werden, und auch Hollandes Facebook-Seite geht in dieser Zeit offline. Das wird den Aktivisten schwerfallen, die rund um die Uhr arbeiten: „Wenn in Paris die letzten ins Bett gehen, reichen sie die Arbeit an Freunde in anderen Zeitzonen weiter“, sagt Ambre, 21 mit zufriedenem Grinsen, als rede sie über ein erfolgreiches Start-Up. Bezahlt werden sie nicht, Selbstausbeutung wie zu den Hochzeiten der New Economy ist selbstverständlich.

Wie Frankreich wählt

Volksabstimmung

Im Gegensatz zum deutschen Bundeskanzler wird der französische Staatspräsident („Président de la République“) direkt vom Volk bestimmt. Dabei muss ein Kandidat die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen erreichen - also mehr als 50 Prozent.

Stichwahl

Wenn kein Kandidat dies im ersten Wahlgang schafft, kommt es zu einem zweiten Wahlgang, einer Stichwahl zwischen den beiden Kandidaten mit den meisten Stimmen. Dies war bislang bei allen Präsidentenwahlen der Fall. Seit einem Volksentscheid aus dem Jahr 2000 ist die Mandatszeit des Staatspräsidenten von sieben auf fünf Jahre verkürzt. Hintereinander dürfen höchstens zwei Amtszeiten absolviert werden.

Termine

Bei aktuell zehn Präsidentschaftskandidaten ist absehbar, dass auch dieses Mal eine Stichwahl entscheiden muss. Am 22. April haben die rund 44,5 Millionen wahlberechtigten Franzosen also zunächst die Gelegenheit, die beiden Kandidaten für die zweite entscheidende Runde zu bestimmen. Die Stichwahl ist für den 6. Mai angesetzt.

Zeitverschiebung

Rund 882.000 Franzosen dürfen jeweils schon am Vortag wählen. In Überseegebieten wie Guadeloupe, Martinique und Französisch-Guayana gilt diese Ausnahme, weil dort sonst wegen der Zeitverschiebung noch eifrig gewählt würde, während es in Paris schon die ersten Ergebnisse gibt. Die Wahllokale schließen unterschiedlich, auf dem Land weitgehend um 18 Uhr, in einigen Großstädten erst später, so in Paris um 20 Uhr.

Kompetenzen des Präsidenten

Der Präsident bestimmt allein die Leitlinien der Politik. Er ernennt den Premierminister, leitet die Kabinettssitzungen und ist zudem Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Dabei ist der französische Präsident deutlich weniger abhängig von Parlament und Partei als beispielsweise die deutsche Bundeskanzlerin.

Im stockbürgerlichen fünften Arrondissement von Paris haben die Sozialisten ihre Wahlkampfzentrale eingerichtet. Die Webleute setzen am Katzentisch: Im vierten Stock in ein paar spartanisch eingerichteten Räumen, in denen außer Tischen, Stühlen und natürlich vielen Notebooks kaum etwas zu finden ist. In den offenen Räumen herrscht eine Enge wie im Handelsraum einer Bank. Aber wer hier arbeitet, geht einem anderen Geschäft nach. Nicht alle sind eingeschriebene Sozialisten, manche wollen nur Hollande unterstützen, auch wenn sie nicht zur Partei gehören.

Die Web-Kampagne verfolgt mehrere Ziele. Zum einen versucht sie, gewöhnliche Nutzer durch Videos, ein eigenes Radio und ständig aktualisierte Berichte und Materialien anzusprechen. „Luc hier, der begleitet den Kandidaten immer und dann macht er kleine Videos von seinen Auftritten“, erklärt uns Ambre. Sie hat den Überblick über die „equipe“ und ist Mitglied der PS.

Die zweite Stufe: Multiplikatoren zu gewinnen, etwa Blogger, die bestimmte Themen aufgreifen und weitertragen. Dafür sorgt ein Teil der Leute im vierten Stock, die gezielt bestimmte Informationen an die Blogger und andere Interessierte weitertragen. Während der Urwahl des sozialistischen Kandidaten, die auch für Nichtmitglieder offen war, „haben wir mehrere Hunderttausend Mailadressen bekommen“, verrät Antoine, 24. Daraus wurde eine Liste von rund 50 000 Aktivisten, die jetzt permanent mit Nachrichten versorgt werden. Mehrfach in der Woche veranstaltet die „webcampagne“ außerdem „reale“ Gespräche mit besonders aktiven Bloggern in Paris, etwa am Ort von Veranstaltungen. Schließlich der vielleicht wichtigste Punkt: Sympathisanten gewinnen, die Geld spenden und beim ganz klassischen Wahlkampf mithelfen, etwa bei Hausbesuchen mitgehen. „Wir haben in Europa den Rekord gebrochen, was Spendenwerbung über das Internet angeht,“ behauptet Mounir, 25, stolz. Nur den Betrag – den möchte oder kann er nicht sagen.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

RobertSchumansErben

22.04.2012, 17:45 Uhr

Aha, Freundschaftsbekundungen im "fb" sind freiwillige Lohnarbeit ohne Bezüge, wollte Thomas Hanke dies zum Ausdruck bringen. Falsch, selbst wenn dies bei den UDF Lloyds der Fall wäre, es könnte sich lediglich um Freundschaftsdienste handeln, zur eigenen Beweihräucherung wohlbemerkt.

Ja, wenn das denn eine Wertschöpfung sei, dann müßten die Socken, die Oma jeden Tag genüßlich weiter strickt, eine Art von Einkommen bedeuten und gefälligst an der Rente abgezogen werden. Oder wie sehe ich das; wenn es sich um gleich mehrere Paare handelt, dann wird daraus schon eine GbR oder so was in der Richtung. Hallo, hallo, zu viel freie ZEIT, da täte eher ein Kirchgang an Buß- und Bettag etwas Gutes. In dem Sinne.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×