Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.03.2017

12:25 Uhr

Ein Jahr Flüchtlingspakt

Wie stabil ist das Abkommen mit der Türkei?

VonFrank Specht

Um den Flüchtlingszustrom in die EU einzudämmen, ist Brüssel einen Pakt mit Erdogan eingegangen. Die Zahl der Flüchtlinge, die illegal übersetzen, hat zwar deutlich abgenommen. Aber das Abkommen bleibt ein Risiko.

Frei nach Erdogan

„Hey Nazi-Überbleibsel“ – Wie türkische Medien Deutschland beleidigen

Frei nach Erdogan: „Hey Nazi-Überbleibsel“ – Wie türkische Medien Deutschland beleidigen

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

BerlinEin Jahr nach Inkrafttreten steht das Flüchtlingsabkommen zwischen der Europäischen Union und der Türkei vor seiner bisher schwersten Bewährungsprobe. Der Pakt werde derzeit neu bewertet, sagte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu in einem Fernsehinterview. Wenn die EU-Staaten türkischen Bürgern nicht wie vereinbart Visafreiheit gewährten, könne das Abkommen auch aufgekündigt werden, drohte der Minister.

Das ist zumindest die offizielle Version. Tatsächlich dürfte die Drohung wohl eher im Zusammenhang mit dem Wahlkampf für das Verfassungsreferendum am 16. April stehen, mit dem sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan eine beispiellose Machtfülle sichern will. In Deutschland oder den Niederlanden waren Auftritte türkischer Regierungsmitglieder, die für das Referendum werben wollten, untersagt worden. Erdogan wirft den Ländern eine Einschränkung der Meinungsfreiheit vor und unterstellte ihnen Nazi-Methoden.

Der türkische Präsident hatte schon im vergangenen November gedroht, gegebenenfalls die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen. Er reagierte damit auf eine nicht bindende Resolution des Europaparlaments, in dem die Parlamentarier eine Aussetzung der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei gefordert hatten. Die EU-Kommission hält bisher trotz der politischen Eiszeit zwischen beiden Seiten am Flüchtlingsabkommen mit der Türkei fest.

Was ist im Abkommen geregelt?

Ziel des Abkommens war es, den Migrationsstrom über die Ägäis zu stoppen und Flüchtlinge davon abzuhalten, überhaupt die lebensgefährliche Reise in oft seeuntauglichen Booten anzutreten. Darum sollen Flüchtlinge, die es trotzdem versuchen und es bis nach Griechenland schaffen, nach Prüfung ihres Asylbegehrens in die Türkei zurückgebracht werden.

Im Gegenzug verpflichten sich die Europäer, für jeden Zurückgeschickten einen Flüchtling aufzunehmen, der in der Türkei untergekommen ist. Die Brüsseler Kommission und die EU-Staaten haben Ankara zudem insgesamt sechs Milliarden Euro zugesagt, um die Unterbringung von Flüchtlingen in der Türkei zu verbessern oder ihnen Zugang zu Bildung oder Jobs zu verschaffen. Außerdem war vereinbart worden, die Verhandlungen über Reiseerleichterungen zu beschleunigen, um die Visapflicht für Bürger aus der Türkei bis spätestens Ende Juni 2016 aufzuheben. Diesen Passus hatte die EU allerdings an Bedingungen geknüpft, etwa eine Reform der Anti-Terrorgesetze in der Türkei, die eine Einschränkung der Meinungsfreiheit zulassen.

Hat das Abkommen die gefährliche Flucht über die Ägäis gestoppt?

Im Oktober 2015 – auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, kamen noch fast 212.000 Schutzsuchende in ihren Booten auf den griechischen Inseln an. Im Februar vergangenen Jahres, also dem Monat vor Inkrafttreten des Flüchtlingsabkommens, waren es noch gut 57.000. Bis Februar 2017 ist die Zahl auf knapp 1.100 gesunken.

Knapp 40 Prozent der seit Jahresbeginn registrierten Neuankömmlinge auf den griechischen Inseln sind Syrer. Weitere große Gruppen stellen Iraker (9,6 Prozent), Afghanen (7,1 Prozent) und Pakistaner (6,6 Prozent). Das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR beobachtet allerdings, dass sich der Flüchtlingsstrom auf das zentrale Mittelmeer von Nordafrika nach Italien verlagert hat. Gut 181.000 Menschen wählten im vergangenen Jahr diese Route – meist unterstützt durch kriminelle Schlepperbanden. Knapp 5.100 Menschen starben 2016 bei der Überfahrt über das Mittelmeer oder werden vermisst – in keinem Jahr zuvor wurden so viele Opfer registriert.

Ein Jahr Flüchtlingspakt: Trotz aller Kritik ein Erfolg?

Was regelt der Flüchtlingspakt?

Seit März 2016 können Flüchtlinge, die illegal zu den griechischen Inseln übersetzen, zurück in die Türkei gebracht werden. Zuvor dürfen sie einen Asylantrag stellen – nur wer glaubhaft machen kann, dass er in der Türkei gefährdet ist, erhält in Griechenland Asyl. Eine Sonderregelung gibt es für Syrer: Für jeden syrischen Staatsbürger, der zurückgeschickt wird, soll ein anderer Syrer von der EU auf legalem Weg aufgenommen werden.

Woran entzündet sich die Kritik?

Grundlage des Paktes ist die Annahme, dass es sich bei der Türkei um einen sicheren Drittstaat handelt, also um ein Land, in dem Flüchtlinge nichts zu befürchten haben. Genau diesen Punkt jedoch bezweifeln Hilfsorganisationen wie das UN-Flüchtlingshilfswerk und Ärzte ohne Grenzen. Zudem kritisieren sie, dass der Pakt für die Flüchtlinge auf den Inseln nur eine Art Hau-Ruck-Asylverfahren vorsieht, dass also der Einzelfall nicht genau geprüft werde.

Was geschah nach dem Inkrafttreten des Abkommens?

Das Ziel, den Flüchtlingszustrom einzudämmen, wurde erreicht: Schlagartig verringerte sich die Zahl derer, die illegal übersetzten. Mittlerweile wagen täglich nur noch wenige Dutzend Menschen die Überfahrt. Wurden von Januar bis März 2016 auf den griechischen Inseln in der Ostägäis noch mehr als 150.000 Neuankünfte registriert, waren es dieses Jahr bis Mitte März nicht einmal 3000. Offen bleibt die Frage, ob die Menschen nicht mehr übersetzen, weil sie fürchten, zurückgeschickt zu werden, oder weil die Türkei ihre Küsten seit Inkrafttreten des Paktes stärker kontrolliert.

Was für Auswirkungen hat der Flüchtlingspakt in Griechenland?

Für die Inseln der Ostägäis war und ist der Pakt eine enorme Belastung. Weil die Flüchtlinge zurück in die Türkei geschickt werden sollen, dürfen sie die Inseln nicht verlassen, sondern müssen vor Ort Asyl beantragen. Bis heute dauert die Bearbeitung der Anträge Monate, immer noch sitzen rund 15.000 Menschen unter schlechten Bedingungen auf den Inseln fest. Grund für die lange Wartezeit ist vor allem der Mangel an Asylfachleuten und Übersetzern.

Funktioniert die Rückführung der Menschen in die Türkei?

Bisher sind nur rund 900 Flüchtlinge und Migranten zurück in die Türkei geschickt worden. Das liegt zum einen an der langsamen Bearbeitung der Anträge, zum anderen aber entscheiden griechische Asylrichter immer wieder, dass die Antragssteller in Griechenland Asyl erhalten, weil sie in der Türkei nicht sicher sind.

Hat der Pakt den Schleusern das Handwerk gelegt?

Jein. Die Schleuser an der türkischen Küste kommen zwar seltener ins Geschäft, dafür aber gewinnen andere Schleuser-Routen wieder an Bedeutung. So hat seither die illegale Einreise am griechisch-türkischen Grenzfluss Evros zugenommen, wo die griechische Polizei fast täglich Migranten und Schleuser festsetzt. Im Mittelmeer greift die Küstenwache ebenfalls verstärkt Flüchtlingsboote auf, die sich auf direktem Weg nach Italien befinden. Und auch Routen zu Fuß oder per Auto über Bulgarien und Albanien sind weiterhin im Angebot.

Wie funktioniert die „Umverteilung“ der Flüchtlinge?

Die Zahlen sind ernüchternd. Bis Anfang März wurden nach Angaben der EU-Kommission 916 Flüchtlinge aus Griechenland in die Türkei zurückgebracht. Die EU-Staaten nahmen im Rahmen von Umsiedlungsvereinbarungen zwischen April 2016 und Mitte März 2017 gut 3.900 Flüchtlinge aus der Türkei auf. Der größte Teil (1.403) fand Zuflucht in Deutschland, gefolgt von den Niederlanden (751), Frankreich (617) und Finnland (285).

Wie weit ist die EU mit ihren finanziellen Verpflichtungen gegenüber Ankara?

Für die Jahre 2016 und 2017 hatte die EU Ankara drei Milliarden Euro zugesagt – eine Milliarde Euro aus dem EU-Budget und zwei Milliarden Euro aus den Mitgliedstaaten. Bis Anfang März waren davon 2,2 Milliarden Euro bereitgestellt. 39 Projekte im Volumen von 1,5 Milliarden Euro sind mit der Türkei vereinbart, wirklich ausgezahlt wurden bisher aber nur 777 Millionen Euro. Für 2018 hat die EU der Türkei weitere drei Milliarden Euro in Aussicht gestellt, allerdings nur, wenn die Mittel aus der ersten Tranche nahezu ausgeschöpft sind und alle Vereinbarungen aus dem Abkommen eingehalten werden.

Kommentare (4)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Alfred E. Neumann

18.03.2017, 12:40 Uhr

Bitte lesen Sie nachfolgenden Artikel von Heute!
https://www.welt.de/politik/ausland/article162946953/Erdogan-ruft-Tuerken-in-Europa-zum-Kinderkriegen-auf.html

Herr chris schnitzler

18.03.2017, 13:21 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Heinz Keizer

18.03.2017, 14:05 Uhr

Es ist seitens der EU dringend ein Plan zu erstellen, wie vorgegangen wird, wenn Erdogan seine Drohung wahr macht und verstärkt Boote in Richtung Griechenland schickt. Dann müssen Militärboote aus allen EU-Ländern (soweit diese welche haben) massiv eingesetzt werden, um dies zu verhindern.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×