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10.06.2015

06:36 Uhr

Ein Jahr IS-Terror

Als der Albtraum begann

Mossul war die erste Stadt, die der Islamische Staat eroberte. Vor genau einem Jahr rückten die Kämpfer ein. Die Millionenstadt im Nordirak ist heute eine IS-Hochburg – und der Kampf gegen die Dschihadisten zermürbend.

Wenige Tausend Kämpfer auf Pick-ups reichten aus, um Mossul einzunehmen – der Widerstand hielt sich in Grenzen. dpa

Vor einem Jahr überrannte der IS Mossul

Wenige Tausend Kämpfer auf Pick-ups reichten aus, um Mossul einzunehmen – der Widerstand hielt sich in Grenzen.

Mossul/ErbilDas Zittern seiner Hände hat seit dieser Nacht im vergangenen Jahr nicht mehr aufgehört. Badr Wana Ahmed spricht nur einsilbig über den Horror, den er in der nordirakischen Stadt Mossul erlebt hat. Die Männer, die ihn verschleppten, waren jung. Immer wieder hielten sie ihm eine Pistole vor den Mund.

Einmal drückten sie ab, aber zielten vorbei. Fünf Stunden lang hätten sie ihn gequält, sagt Badr, ein untersetzter Mann mit Schnurrbart. Dann durfte er gehen. Die Botschaft war klar: Kein Gegner der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) soll sich in Mossul sicher fühlen.

Islamischer Staat: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Woher kommt die Terrormiliz?

Die Miliz ist die Nachfolge-Organisation von al-Qaida im Irak, einer radikalen Widerstandsbewegung, die sich Gebiete im Westen des Landes einverleibte, nachdem die Amerikaner den Diktator Saddam Hussein gestürzt hatten, ohne das Machtvakuum zu füllen.

Es handelt um einen Zusammenschluss von sunnitischen Dschihadisten, ehemaligen Anhängern von Saddam Hussein und von Stammesmitgliedern. Die Zahl der Kämpfer wird neuerdings auf rund 30.000 geschätzt. In ihrem Herrschaftsgebiet haben die Extremisten ein Verwaltungssystem aufgebaut, das jeden Aspekt des Alltags kontrolliert.

Welche Gebiete kontrolliert IS?

Die Terrormiliz hat Schätzungen zufolge rund ein Drittel des syrischen Staatsgebietes eingenommen. Dabei gelang es ihr, einen Korridor zwischen ihren westlichsten Eroberungen nahe Aleppo über nördliche Landstriche bis zu östlichen Landesteilen nahe der Grenze zum Irak zu schaffen.

In der Provinz Aleppo stehen unter anderem die größeren Orte Manbidsch und Al-Bab unter ihrem Kommando, dort weht die schwarze Flagge der Miliz auf Regierungsgebäuden und großen Plätzen. Da die Terrormiliz auf beiden Seiten der syrisch-irkanischen Grenze nahtlos Gebiete kontrolliert, kann sie relativ leicht Kämpfer, Waffen und Güter zwischen beiden Ländern hin- und hertransportieren.

Zuletzt stockt der Vormarsch des IS allerdings. Die Miliz verlor etwa die strategisch wichtige Stadt Tikrit, ebenso wie das über Monate umkämpfe Kobane an der türkischen Grenze.

Was ist die „Hauptstadt“ des Islamischen Staats?

Die IS erklärte Rakka, eine Stadt am Euphrat im Nordosten Syriens mit einer halben Million Einwohner, zur Hauptstadt ihres Kalifats und Sitz ihrer Machtzentrale. IS-Kämpfer aus aller Welt strömten dorthin, einige mit ihren Familien. Obwohl schon immer konservativ und unter großem Einfluss von Stämmen, war Rakka früher ein lebendiges und wirtschaftlich blühendes Zentrum.

Heute patrouilliert rund um die Uhr die Sittenpolizei der IS – die sogenannte Hisba – durch die Straßen. Diese bewaffneten Kämpfer in langen Roben kontrollieren, ob ihre strenge Auslegung des Korans auch umgesetzt wird. Die IS hat Musik und Rauchen verboten. Frauen wurden von der Sittenpolizei angewiesen, sich zu verhüllen. Wer gegen die Scharia verstößt, läuft Gefahr, enthauptet oder ans Kreuz gehängt zu werden. Den Schulen der Stadt diktierte die Miliz kürzlich die Inhalte und strich Fächer wie Philosophie oder Chemie.

Wie stark sind die Kämpfer des IS?

Seit Anfang 2014 führt die Miliz mit den gemäßigten und vom Westen unterstützten Rebellen in Syrien einen Zermürbungskrieg. Dabei stürmen IS-Kämpfer Außenposten der Rebellen und nehmen ihnen Ort für Ort durch Gewalt und Einschüchterung ab.

Die Zahl der Kämpfer lässt sich nur schätzen. Fest steht jedoch, dass die Extremisten seit Beginn ihres Vormarsches im Irak Anfang Juni 2014 starken Zulauf bekommen haben. Der US-Geheimdienst CIA geht davon aus, dass die Gruppe in Syrien und im Irak zwischen 20.000 und 31.500 Kämpfer hat. Diese Zahl unterscheidet sich deutlich von den Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Sie schätzt die Zahl der IS-Kämpfer allein in Syrien auf rund 50.000, davon etwa 20.000 aus dem Ausland. Die Menschenrechtler stützen sich bei ihren Informationen auf ein Netz von Aktivisten in Syrien.

Welche Rohstoffe hält IS in der Hand?

Die Terrormiliz hatte im bis Herbst 2014 faktisch alle größeren Ölfelder im Osten Syriens, darunter das landesweit größte namens Omar mit einer Förderkapazität von 75.000 Barrel pro Tag erobert. Der IS nahm die Produktion teilweise auf und finanzierte sich auch über den Verkauf von Rohöl unter Marktpreisen. Das geförderte Öl werde über Mittelsmänner an die Türkei und den Irak geliefert.

Doch nach dem Verlust von Tikrit Anfang April 2015 hat die Terrororganisation auch mindestens drei Ölfelder verloren. Damit bleibt der Miliz im Irak nur noch ein einziges Ölfeld: Qayara mit einer Förderkapazität von gerade einmal 2000 Barrel am Tag. Das seien gerade noch fünf Prozent der zuvor vom IS innerhalb des Irak kontrollierten Menge.

Wie verhält sich der syrische Diktator Assad?

Syriens Präsident hat vor kurzem die Luftangriffe auf IS-Hochburgen verstärken lassen. Die Regierung öffnete die Türen für eine mögliche Kooperation mit den USA im Kampf gegen IS, sie stellte aber zugleich klar, dass jeglicher Angriff mit Damaskus abgestimmt sein müsse. Für die US-Regierung ist dies allerdings ein Problem: Sie möchte nicht an Assads Seite erscheinen, zumal sie dessen Rücktritt seit Jahren verlangt. Unter der Hand machte das Assad-Regime lange sogar Geschäfte mit den Terroristen nach dem Motto: Strom gegen Öl.

Was können die USA mit Luftschlägen ausrichten?

Jedweder Luftschlag der USA in Syrien würde sich wahrscheinlich auf Gebiete nahe der Grenze zum Irak sowie militärische Ziele wie Trainingslager in Rakka konzentrieren. Dort verfügt Assad kaum über Luftabwehr.

In jedem Fall werden sich Luftangriffe schwieriger gestalten als im Irak: Dort segnet Bagdad das Vorgehen ab, zudem verlaufen die Frontlinien deutlicher. In Syrien hingegen gibt es auf engem Raum verschiedene Fraktionen, zu denen neben IS auch der al-Qaida-Ableger Nusra-Front, die vom Westen unterstützten Rebellen der Freien Syrischen Armee und die Regierungstruppen gehören. Während die gemäßigten Rebellen US-Luftschläge fordern, lehnen die extremeren Kämpfer ein Engagement der USA ab.

Ein Jahr ist es her, dass die sunnitischen Extremisten die nordirakische Millionenstadt in einem Überraschungsangriff überrannten. Wenige Tausend Kämpfer auf Pick-ups reichten aus, um Mossul einzunehmen. Die irakische Armee leistete praktisch keinen Widerstand. Die Offiziere und Soldaten flüchteten einfach und ließen alles zurück: Fahrzeuge, Waffen, Munition – reiche Beute für den IS.

Möglich war dieser Siegeszug, weil die Extremisten vorher geheime Zellen in Mossul aufgebaut hatten. Als die IS-Kämpfer anrollten, schwärmten überall Unterstützer der Terrormiliz aus. Zudem ist die Stadt Zentrum sunnitischer Anhänger des früheren Langzeitherrschers Saddam Hussein: alte Kader seiner Baath-Partei und Ex-Soldaten der Armee, die nach dem Sturz des Diktators geschasst worden waren. Sie machen mit dem IS gemeinsame Sache, weil sie dessen Hass auf die von Schiiten dominierte Zentralregierung in Bagdad teilen.

Tausende Menschen flohen vor dem IS aus Mossul, so wie Badr Wana Ahmed, der mit seiner Familie Unterschlupf in einem Flüchtlingslager in Erbil gefunden hat, der Hauptstadt der kurdischen Autonomiegebiete im Nordirak.

Mit Frau und Kindern lebt der 34-Jährige in einem Zelt, er verdient sich ein wenig Geld, indem er Ungeziefer bekämpft. Wer den IS unterstütze, sei „ein Verbrecher“, sagte Badr: „Das ist eine Mafia. Sogar Ungläubige sind besser als sie.“

Kommentare (7)

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Herr Fred Meisenkaiser

10.06.2015, 07:36 Uhr

Nach eigenen Aussagen wurde die IS durch die USA in Hinblick auf einen Kampf gegen Assad unterstützt.
US-Senator Rand Paul bestätigte dies auf Nachfrage. Also warum regen wir uns auf? Ist doch alles gut was die USA als Weltpolizist tut! Hauptsache es rechnet sich für die Rüstungsfirmen!

Herr Erik Wikinger

10.06.2015, 07:37 Uhr

IS - eine Kreation der Geheimdienste : (...)
Ist ja nichts neues - oder ?
Der "Krampf" gegen die IS ist ja auch ein billigesSchmierentheater fürs tumbe Volk....

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Herr Max Nolte

10.06.2015, 08:24 Uhr

Die USA hatten noch nie eine Idee. Erst bekämpfen Sie Saddam und hinterlassen einen Haufen Chaos im Irak, wo Extremisten Futter für ihre Propaganda finden! Mit Saddam hätte man zwar hin und wieder etwas Stress...aber es gäbe keinen IS. Das gleiche mit Ghaddafi: Lybien liegt im Chaos! Hauptsache die "Bösen" beseitigen weil es angebliche Menschenrechtsverletzungen gibt und dann das Land sich selbst überlassen, Hauptsache es ist keine Macht mehr dort die Rohstoffe kontrollieren könnte. Kein Konzept mit Hand und Fuß, auch in Afghanistan...und wir beteiligen uns auch noch an dem (...)!
Und Assad? Auf einmal bemerkt man dass es ohne ihn ganz schlecht aussieht im Hinblick auf den IS.

Alles ein ganz böses Spiel der Amerikaner und der Geheimdienste!

(...)

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