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25.11.2011

11:26 Uhr

Ein Jahr nach der Rettung

Irlands Glück bleibt ein zartes Pflänzchen

VonKatharina Slodczyk, Michael Maisch

Die Iren flüchteten als erste unter den Rettungsschirm von EU und IWF. Das Land unterzog sich einer Schocktherapie und gilt inzwischen als Musterschüler. Ein Vorbild für infizierte Euro-Länder im Süden ist es aber nicht.

Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise protestiert Eamonn Reid gegen die Sparmaßnahmen der Regierung. dpa

Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise protestiert Eamonn Reid gegen die Sparmaßnahmen der Regierung.

DublinMichael Noonan ist Realist. „Wir stehen noch immer am Anfang einer langen und schwierigen Reise“, sagte der irische Finanzminister gestern auf einer Tagung des Unternehmerverbandes der Insel. Noonan hat Recht: Zwar hat sich Irland in den vergangenen Monaten zum Musterschüler unter den Krisenstaaten der Eurozone entwickelt, aber auch ein Jahr nachdem das Land unter den Rettungsschirm von EU und Internationalem Währungsfonds schlüpfen musste, steht trotz aller Sparanstrengungen und Exporterfolge noch immer nicht fest, ob die Iren es schaffen werden, sich am eigenen Schopf aus dem Schuldensumpf zu ziehen.

Kevin Daly, Volkswirt bei Goldman Sachs bringt die Lage auf den Punkt: „Irland hat bemerkenswerte Fortschritte gemacht, aber ist noch weit davon entfernt, auf der sicheren Seite zu sein“.

Vor einem Jahr hatte Irlands de facto den Staatsbankrott anmelden und bei der EU und dem IWF um Hilfe nachsuchen müssen. Binnen einer Woche stand ein Hilfspaket, das am Ende 85 Milliarden Euro umfasste. Die Regierung kippte, Land und Wirtschaft erlebten einen schmerzhaften Kulturbruch.

Welche Euro-Regierungen ums Überleben kämpfen

Italien

Mario Montis Regierung aus 17 parteilosen Fachleuten soll nach dem Rücktritt Berlusconis im November 2011 verhindern, dass Italien noch tiefer in die Schuldenkrise abrutscht. Das Land trägt eine Schuldenlast von rund 1,9 Billionen Euro.
Italien hat mit einer Gesamtverschuldung von rund 120 Prozent der Wirtschaftsleistung nach Griechenland den höchsten Schuldenberg in der Eurozone. Monti versicherte, dass er die beschlossenen Spar- und Reformmaßnahmen umsetzen wolle. Doch der Druck seitens der EU ist groß.
Rom hat erst vergangene Woche seine Wachstumsprognose gesenkt. Demnach wird die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone in diesem Jahr mit 1,2 Prozent dreimal so stark schrumpfen wie bislang angenommen.

Griechenland

Griechenland wird seit zwei Jahren mit milliardenschweren Hilfspakten gerettet. Im Gegenzug für die Unterstützung durch Europa und den Internationalen Währungsfonds (IWF) muss Athen einen massiven Sparkurs fahren.
Die Regierung unter Leitung von Lucas Papademos sollte nach dem Rücktritt von Giorgos Papandreou im November 2011 das Vertrauen der Märkte zurückerobern. Sie sollte die maßgeblichen politischen Kräfte in Griechenland bündeln und die Vorgaben der Kreditgeber umsetzen. Funktioniert hat das nur in Maßen. Jetzt hat Papademos für den 6. Mai 2012 Neuwahlen angekündigt. Das Land müsse neue Stabilisierungs- und Reformmaßnahmen ergreifen, so der Präsident.
Griechenlands Finanzlage hat sich im vergangenen Jahr zwar etwas gebessert, zeigt aber weiter tiefrote Zahlen. Der Fehlbetrag im Staatshaushalt belief sich 2011 auf 9,1 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) - das war etwas weniger als die 10,3 Prozent in 2010.

Spanien

Der neue konservative Ministerpräsident Mariano Rajoy hat sein Volk nach den vorgezogenen Neuwahlen im November 2011 auf harte Zeiten eingestimmt. Das krisengeschüttelte Spanien ist im vergangenen Jahr auf den dritten Platz der größten Haushaltssünder im Euro-Raum aufgerückt, wie die Statistikbehörde Eurostat berichtete. Das Haushaltsdefizit sank zwar auf 8,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nach 9,3 Prozent im Vorjahr, war aber deutlich größer als angestrebt.
Schlimm sieht es für Spaniens Konjunktur aus, die Wirtschaft stürzte zu Jahresbeginn in die Rezession. Das Sparen wird für die Regierung deshalb noch schwerer. Dennoch will sie das Defizit in diesem Jahr auf 5,3 Prozent drücken. Spanien überholte sogar das Nachbarland Portugal, das Geld aus dem Euro-Krisenfonds erhält und strikt sparen muss.

Slowakei

Im Streit um die Beteiligung am Euro-Rettungsschirm EFSF hatte Ministerpräsidentin Iveta Radicova im Oktober ihren Rücktritt angekündigt. Im März 2012 gewann die Partei Smer-Sozialdemokratie mit Robert Fico klar die vorgezogene Parlamentswahl. Seit April ist Fico Ministerpräsident.

Portugal

Auch hier brachte die Schuldenkrise einen Regierungswechsel. Die sozialistische Regierung von José Sócrates wurde angesichts der schweren Wirtschaftskrise im Juni 2011 abgewählt. Aber auch die neue liberal-konservative Regierung unter Ministerpräsident Pedro Passos Coelho steht mächtig unter Druck.
Das Land ist weiterhin ein Sorgenkind der Eurozone.

Irland

In der schweren Wirtschaftskrise setzten die Iren auf eine neue Regierung. Bei der Parlamentswahl im Februar 2011 straften sie die wirtschaftsliberale Regierungspartei Fianna Fail von Premierminister Brian Cowen ab. Neuer Premierminister wurde Enda Kenny. In der neuen Regierung koaliert die konservative Fine Gael mit der linken Labour-Partei.
Die Regierung will das Staatsdefizit von zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung bis 2015 auf unter drei Prozent senken. Dazu sollen unter anderem Staatsbeteiligungen im Wert von zwei Milliarden Euro verkauft werden und im öffentlichen Dienst 25.000 Stellen wegfallen. Irland wurde von der Europäischen Union und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) mit einem 85 Milliarden Euro schweren Rettungspaket vor der Pleite bewahrt und muss im Gegenzug eisern sparen.

Niederlande

Die niederländische Regierung ist im April 2012 zurückgetreten. Am 12. September sollen vorgezogene Neuwahlen stattfinden. Die bisherige Regierung von Ministerpräsident Mark Rutte zerbrach an Verhandlungen über Sparmaßnahmen in Höhe von 14 Milliarden Euro. Die Partei des Rechtspopulisten Geert Wilders kündigte aufgrund der Verhandlungen den Regierungsvertrag auf. Ruttes Koaliton hat ohne Wilders' Partei keine Mehrheit im Parlament.

Mit dem Sparkurs wollen die Niederlande die Neuverschuldung auf das von der EU vorgeschriebene Niveau von drei Prozent drücken. Die Agentur Moody's behielt vorerst das AAA-Rating des Landes bei, warnt aber vor einer Herabstufung, wenn die Sparziele nicht weiter verfolgt werden.

Wie groß diese Fortschritte ein Jahr später sind, lässt sich am Anleihemarkt ablesen: Mitte Juli stand die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen des überschuldeten Landes auf präzise 13,78 Prozent, ein trauriger Rekord. So hohe Risikoaufschläge mussten die Iren seit Einführung des Euros noch nie bezahlen. Trotz des Chaos an den Märkten und der sich immer weiter zuspitzenden Eurokrise schmolz die Rendite aber in den vergangenen Monaten auf etwa gut acht Prozent zusammen.

Dieser Vertrauensbeweis der Investoren ist der Lohn dafür, dass die Iren im Gegensatz zu den Griechen bislang tapfer alle schmerzhaften Sparvorgaben erfüllen, und damit nicht nur das aus dem Ruder gelaufene Budgetdefizit reduzieren, sondern auch ihre Wirtschaft wettbewerbsfähiger gemacht haben. Das erkennen auch die Ratingagenturen an. Irland habe seine Wirtschaft schneller umgebaut, als der Rest der Krisenstaaten in der Eurozone, die Löhne seien gesunken, die Exporte gewachsen, lobt Standard & Poors’s.

Tatsächlich sind die flexiblen und exportorientierten Unternehmen, der wichtigste Vorteil, der die Iren von ihren Leidensgenossen im Süden der EU unterscheidet. Seit dem Ausbruch der Krise 2008 sind die irischen Arbeitskosten um 11,5 Prozent gesunken, während die Ausfuhren um 14,6 Prozent zulegten.

Kommentare (3)

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yoski

25.11.2011, 13:18 Uhr

Die feigen und unfaehigen Irischen Politiker haetten nie die Schulden ihrer Banken auf Kosten des Steuerzahlers uebernehmen duerfen. Island hat es richtig gemacht und den Bankstern gezeigt wo der Hammer haengt.

Account gelöscht!

25.11.2011, 14:13 Uhr

Ach wie süß ist das der gleiche Philip "Lame" der sich auch für parasitäres Eurobondage ausspricht? Ich würde erstmal ganz naiv vorschlagen den irischen Staatshaushalt runterzufahren auf normal Niveau und anfangen die irischen Schulden abzubezahlen. Dann können wir ja über gemeinsame Anleihen in der Europäischen Union nachdenken. Und Regeln die auch eingehalten werden, ich denke da nur "Article 125 of the Lisbon treaty".

Irland ist ein Land das trotz Rettungspaketen und hoher Staatschulden seinen Staatssekretären immernoch €188,640 im Jahr Grundgehalt gönnt. Philip "Lame" kann mit seinem Grundgehalt von €145,952 als Professor am Trinity College wohl auch genüsslich vom deutschen Steuerzahler und Eurobondage träumen.

Wie hat es Pat Kenny, abgehalfterter Radio DJ und Fernsehmoderator beim staatlichen Sender RTE diese Woche so trefflich formuliert: "Hitler war doch an allem Schuld, also muss Deutschland jetzt auch für die irischen Schulden zahlen!" Ganz nebenbei gesagt Pat Kenny verdient als Angestellter im öffentlichen Dienst in Irland mehr als €600,000 im Jahr. Tja Ire müsste man sein, dann würde Schäuble einem wohl etwas mehr gönnen.

mari

25.11.2011, 14:15 Uhr

Was heisst hier sparen. Die Staatshaushalte müssen einfach auf Normalniveau heruntergefahren werden. Der Artikel ist aber auch seltsam. Warum heisst es Irland wäre für den Süden kein Vorbild und dann spricht der Artikel dieses Thema überhaupt nicht an.

Irland ist auf jeden Fall für alle ein Vorbild. Einsparungen werden erreicht durch Ausgaben- und Lohnkürzugen und höhere Steuern. Ich erwarte das auch von Italien. Wenn Irland es schon schafft, die Märkte zu beeindrucken, dann ist das für Italien erst recht möglich.

Statt nach den verteufelten Eurobonds zu rufen, sollte der neue Italein-Premier Monti lieber sofort seine Reformen auf den Weg bringen. Italien ist reich, die Privatvermögen gigantische, die Rentensysteme reformbedürftig.

Es ist schlicht und einfach eine Frechheit, dass Monti lieber über die Eurobonds die Deutschen zahlen lassen möchten (das müssen wir alle zahlen, vor allen Dingen die Mittel- udn Unterschicht; Sozialsystem).

Auch Frankreich und Spanien können durch Ausgabekürzungen und Steuererhöhungen Fortschritte machen. Nur bisher ist rein gar nix passiert, NICHTS!!!!! Als Marktteilnehmer würd ich keinen einzigen Italo-Bond mehr kaufen!!!!

Und komischerweise verweigern Anleger Deutsche Bonds gerade weil die Eurobond-Diskussion aufgekommen ist. Würde man definitiv Eurobonds begraben, dass hätte DE das Problem nicht!!! Will da etwa jemand Druck auf DE aufbauen???

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