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25.12.2015

08:30 Uhr

Ein Land am Abgrund

Mein Jahr in Griechenland

VonGerd Höhler

2015 war ein Entscheidungsjahr für Griechenland. Um ein Haar wäre das Land aus der Euro-Zone geflogen. Handelsblatt-Korrespondent Gerd Höhler hat es am eigenen Leib miterlebt. Seine Erlebnisse im vergangenen Jahr.

Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis im Interview im Finanzministerium mit Handelsblatt-Korrespondent Gerd Höhler in Athen.

Yanis Varoufakis

Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis im Interview im Finanzministerium mit Handelsblatt-Korrespondent Gerd Höhler in Athen.

AthenFreitag, 2. Januar: Für meinen Nachbarn Theofilos beginnt das neue Jahr nicht gut. Ich treffe ihn im Aufzug. Er hat die Nummernschilder seines Autos unter dem Arm. Mit den abgeschraubten Kennzeichen ist er auf dem Weg zum Finanzamt, um sein Auto abzumelden. „340 Euro Autosteuer soll ich für 2015 zahlen – ich habe das Geld nicht“, sagt Theofilos. Seit einem Jahr ist der 38-Jährige arbeitslos und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Jetzt kauft er sich eine Monatskarte der Athener Verkehrsbetriebe, für 30 Euro. Seit 2010 haben mehr als eine Million Griechinnen und Griechen ihre Autos stillgelegt. Weil es nur wenig Garagen gibt, sind Autos ohne Nummernschilder am Straßenrand inzwischen ein gewohnter Anblick in Athen.

Sonntag 25. Januar: Alexis Tsipras bahnt sich vor dem Säulenportal der Athener Akademie einen Weg durch ein Meer jubelnder, fahnenschwenkender Anhänger. Sein Linksbündnis Syriza hat die Wahl gewonnen. „Griechenland hat eine neue Seit aufgeschlagen“, ruft er der Menge zu. Das Land lasse nun „das Spardiktat und die Angst hinter sich“. Die Kreditverträge mit den internationalen Geldgebern werde er „zerreißen“, die verhasste Troika für immer aus Griechenland vertreiben, hatte Tsipras im Wahlkampf versprochen. Mal sehen.

19 Parteien nehmen an Parlamentswahl in Griechenland teil

19 Parteien, neun mit Chancen

Zur Parlamentswahl in Griechenland treten 19 Parteien und Parteibündnisse an. Umfragen zufolge haben neun von ihnen die Chance, die Drei-Prozent-Hürde zu überspringen und damit ins Parlament einzuziehen.

Bündnis der radikalen Linken (Syriza)

Die Partei von Alexis Tsipras hat das Land von Ende Januar bis Ende August regiert. Syriza ist ein Sammelbecken linker Bewegungen. Falls das Bündnis wieder an die Macht kommt, will es eine Umstrukturierung der griechischen Schulden durchsetzen, das Sparprogramm aber einhalten.

Der Fluss (To Potami)

Die pro-europäische Partei wurde erst 2014 gegründet. In ihren Reihen finden sich zahlreiche Uni-Professoren und Journalisten. Die Partei fordert eine möglichst breite Zusammenarbeit der politischen Kräfte, um aus der Krise zu kommen.

Goldene Morgenröte (XA)

Die rechtsradikale Partei hetzt offen gegen Migranten. Fast gegen die gesamte Führung läuft derzeit ein Prozess wegen der Bildung einer kriminellen Organisation. Mitglieder der Ultrarechten sollen 2013 einen linken Rapper totgeschlagen haben.

Kommunistische Partei Griechenlands (KKE)

Die Kommunisten sprechen sich für einen Austritt des Landes aus der Eurozone und der EU aus.

Nea Dimokratia (ND)

Die von Evangelos Meimarakis geführte konservative Partei hat Griechenland 1981 in die Europäische Gemeinschaft (EG) geführt; sie spricht sich vehement für den Verbleib des Landes in der Eurozone aus.

Panhellinische sozialistische Bewegung (Pasok)

Die panhellenische sozialistische Bewegung (Pasok) und die kleine demokratische Linke (Dimar) haben für die Wahl ein Bündnis gebildet. Die Pasok geht derzeit durch schwierige Zeiten. Die Wahl 2009 hatte sie noch mit rund 44 Prozent gewonnen. Heute kommt die Partei, die 2010 den Internationalen Währungsfonds und die Euro-Partner um Hilfe gebeten hatte, in Umfragen auf etwa 4,5 Prozent.

Zentrumsunion (Enosis Kentroon)

Laut Umfragen könnte auch diese Partei ins Parlament einziehen. Ihr Chef, Vasilis Leventis, gilt als eine Kultfigur des griechischen Trash-Fernsehens der vergangenen Jahrzehnte.

Volkseinheit (LAE)

Die Partei ist durch die Spaltung der Syriza entstanden. Ihr Chef Panagiotis Lafazanis fordert den Austritt aus der Eurozone. Griechenland solle zudem seine Schulden nicht zurückzahlen.

Unabhängige Griechen (AE)

Die Führung der rechtspopulistischen Partei, einer Abspaltung der konservativen Nea Dimokratia, spricht von einer „Besetzung“ Griechenlands durch die Geldgeber. Allerdings waren die Rechtspopulisten erst im Januar eine Koalition mit der Syriza einzugehen. Die Partei stimmte dem neuen Sparprogramm geschlossen zu. Laut Umfragen muss sie nun um den Wiedereinzug ins Parlament zittern.

Donnerstag, 5. Februar: Als sich an diesem Donnerstagabend mehrere zehntausend Menschen über die sozialen Netzwerke auf dem Athener Syntagmaplatz verabreden, kommt auch Petros Diamantis. „Die Regierung braucht jetzt unsere Unterstützung, deshalb bin ich hier“, sagt er. Aus dem Arbeitervorort Aspropyrgos, wo er als Schweißer arbeitet, ist der 53-jährige in die Stadt gefahren. „Jetzt hat das Volk das Wort“, sagt Petros stolz. Eine Demo für die Regierung auf dem Syntagmaplatz, daran kann ich mich in meinen 36 Griechenlandjahren nicht erinnern. Immer wieder ertönen an diesem Abend auch Sprechchöre für Yanis Varoufakis, den neuen Finanzminister, der gerade auf dem Rückflug aus Berlin ist, von seinem ersten Treffen mit Wolfgang Schäuble. Varoufakis ist nach Tsipras der populärste Politiker der neuen Regierung.

Samstag, 28. Februar: Wochenlang habe ich mich um ein Interview mit Varoufakis bemüht. Unzählige E-Mails, Telefonate mit meinem griechischen Kollegen Dimitris Giannopoulos, der für Varoufakis die ausländische Presse betreut, immer wieder Besuche im Ministerium – ein mühsames Geschäft. Dann geht alles plötzlich ganz schnell. Gegen elf Uhr an diesem Samstag ruft mich Dimitris an und fragt: „Kannst Du in einer halben Stunde hier sein? Der Minister will das Interview jetzt geben.“ Zum Umziehen bleibt mir keine Zeit, ich fahre in Jeans und Pullover zum Finanzministerium am Syntagmaplatz. Als die Sekretärin die Tür zum Ministerbüro öffnet, steht Varoufakis im Rahmen und hält mir die ausgestreckte Hand entgegen: „Hallo, ich bin Yanis!“ Auch er trägt Jeans und ein T-Shirt, seine schwarze Lederjacke liegt auf dem Sofa. Irgendwann im Lauf des Gesprächs sagt er: „Finanzminister – ich weiß noch gar nicht, ob ich den Job überhaupt kann!“ Diese Frage ist inzwischen beantwortet.

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