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02.12.2013

15:24 Uhr

Ein Land vor der Revolution?

Ein Boxer als Hoffnungsträger und Volksheld

Der Box-Champion Vitali Klitschko kämpft mit seinen Landsleuten um die Zukunft der Ukraine und für Neuwahlen. Er hat es geschafft, die zerstrittene Opposition zu vereinen. Die Regierung reagiert mit zunehmender Gewalt.

Proteste in der Ukraine

Vitali Klitschko protestiert mit

Proteste in der Ukraine: Vitali Klitschko protestiert mit

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KiewDa wirkt auf einmal selbst der muskulöse Zweimeter-Mann gar nicht mehr riesig. Vitali Klitschko ragt zwar heraus aus dem Meer an Demonstranten, hat sich aber längst unter sie gemischt. Der Gründer und Vorsitzende der Udar-Partei, der Oppositionspartei der Ukraine, die im Parlament immerhin drittstärkste Kraft ist, stellt sich beim Proteststurm seit dem Wochenende mit in die vorderste Linie.

Er schüttelt Hände, er singt und ruft in sein Megaphon. Er wird nicht müde, den Umsturz zu fordern und gegen Staatschef Vikor Janukowitsch zu wettern. Dass der Hoffnungsträger Hunderttausender Menschen noch einmal in den Ring steigt, wird immer unwahrscheinlicher. Sein Ring ist derzeit die Straße.

„Wir müssen jeden im Land mobilisieren und dürfen die Initiative nicht verlieren“, rief er den Demonstranten am Sonntagabend zu. 500.000 waren es in Kiew laut Oppositionsangaben, von unabhängiger Seite sind immerhin 200.000 bestätigt.

Auch am Montag sind wieder Tausende in Kiew auf den Straßen und haben kurzerhand die Eingänge zum Regierungsgebäude blockiert. Sie forderten den Rücktritt von Ministerpräsident Mykola Asarow und seiner Regierung nach der Abkehr der ehemaligen Sowjetrepublik von der Europäischen Union zugunsten einer Annäherung an Moskau.

Am Montag meldete sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu Wort und warnte vor Gewalt gegen friedliche Demonstranten. Sie forderte Staatschef Janukowitsch und dessen Regierung auf, „alles zu tun, um die freie Meinungsäußerung und das Recht auf friedliche Demonstrationen stets zu schützen“.

Euromaidan - Was steckt dahinter?

Wortkreation

Euromaidan ist eine linguistisch wie soziologisch spannende Wortkreation, die der Lage der Ukraine zwischen Ost und West - geografisch wie politisch - Rechnung trägt. Der Urheber des Begriffs ist nicht bekannt, möglicherweise ist Euromaidan eine Frucht des kollektiven Unterbewusstseins einer Nation.

Woraus setzt sich Euromaidan zusammen?

Die Bedeutung des ersten Teils des Wortes, „Euro“, liegt auf der Hand: Europa. „Maidan“ klingt für westeuropäische Ohren zunächst mysteriös. Das Wort hat persische Wurzeln und wurde vermutlich von den Osmanen ins Land gebracht. Es bedeutet „Platz“ oder „offener Ort“. Euromaidan deshalb mit „Europaplatz“ zu übersetzen, wäre zwar technisch korrekt, würde jedoch zu kurz greifen, denn es würde die emotionale Dimension außer Acht lassen, die dem Begriff seine Kraft verleiht.

Europa

Geografisch gehört die Ukraine zu Europa. Für die Demonstranten in den Straßen von Kiew ist Europa jedoch ein Konzept, eine lebhafte aber frustrierend weit entfernet Vision. Europa steht in ihren Augen für echte Demokratie, vertrauenswürdige Polizei und aufrichtigen Respekt der Menschenrechte.

Maidan

Maidan bezieht sich zunächst einmal auf den „Maidan Nesaleschnosti“ (Platz der Unabhängigkeit) im Zentrum von Kiew. Zerstört im Zweiten Weltkrieg, wurde er zur Sowjetzeit im Stil der Stalin-Architektur wieder aufgebaut - weder düster noch einschüchternd in seiner Ausstrahlung, doch mit Gebäuden hoch genug, um zu beeindrucken. Es herrscht eine angenehme Stimmung auf dem Platz und wenn sich die Kiewer dort verabreden, nennen sie ihn fast zärtlich bei seinem ersten Namensteil: „Lass uns auf dem Maidan treffen.“

Euromaidan

Wenn nun Europa und Maidan zu einem Wort verschmelzen, wird daraus vor allem eine Idee, losgelöst vom Platz. Und es ist nicht das erste Mal, dass der Kiewer Maidan Schauplatz von Protesten für westliche Werte wird. Während der Orangenen Revolution 2004 war der Platz das Zentrum der täglichen Demonstrationen, die zur Aufhebung der Präsidentenwahlen führte. Schon damals war Maidan eine zweisilbige Versinnbildlichung friedlichen Widerstands und entschlossener Handlung. Die Ausstrahlung von Euromaidan ist kräftig genug, dass ukrainische Medien die Wortschöpfung übernehmen und inzwischen sämtliche Protestaktionen im Land damit umschreiben.

Ambivalenz des Begriffs

Die Welle des zivilen Widerstands 2004 war ergreifend und mitreißend, doch die Hoffnungen, die mit der Orangenen Revolution verbunden waren, blieben weitgehend unerfüllt. Auf den Umschwung folgten Jahre geprägt von Streit und Ernüchterung. 2010 wählten die Ukrainer Viktor Janukowitsch zu ihrem Präsidenten, denselben Mann, der die 2004 rückgängig gemachte Wahl nominell gewonnen hatte. Die Heldin der Revolution, Julia Timoschenko, landete wegen Machtmissbrauchs als Regierungschefin im Gefängnis.
Daher ist auch die endgültige Bedeutung von Euromaidan zunächst noch undefinierbar. Es muss sich noch herausstellen, ob der Begriff für Erfolg oder Scheitern steht.

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, von den Pro-Europa-Kundgebungen gehe eine „sehr klare Botschaft“ aus. „Es ist zu hoffen, dass auch Staatspräsident Janukowitsch diese Botschaft wahrnimmt.“ Deutschland sei weiterhin bereit, das von der Ukraine auf Eis gelegte Assoziierungsabkommen mit der EU zu unterzeichnen.

Am Wochenende war die Polizei mit Blendgranaten, Wasserwerfern und Tränengas gegen die Demonstrationen vorgegangen. Der Boxer Vitali Klitschko und seine proeuropäische Opposition werfen der Regierung vor, Randalierer engagiert zu haben, die sich verkleidet unter die vielen friedlichen Demonstranten mischten, damit die Lage eskalierte und so die Polizei hart durchgreifen konnte, um die Proteste niederzuschlagen.

Die Opposition nennt das eine „gezielte Provokation“ der Janukowitsch-Regierung. Die wiederum behauptet, die gewaltbereiten Protestler, die die Präsidialkanzlei angriffen seien radikale Nationalisten gewesen sein. Den ukrainischen Staatschef Viktor Janukowitsch hat Klitschko zum Rücktritt aufgefordert.

Janukowitsch will die Proteste offenbar aussitzen. Er schweigt, abgesehen von seinem vorbereiteten Grußwort, zu der Situation. Er soll die Hauptstadt verlassen haben, vermutlich in Richtung seiner luxuriösen Residenz Meschigorja. In Kiew fehlt ihm der Rückhalt der Bevölkerung. Seine Hochburgen liegen fern der Hauptstadt im Süden und im Osten, nahe seiner Heimat Donezk. Dort ist auch Janukowitschs Annäherung an Russland populär, die EU wird kritisch gesehen. Im Westen und in der Hauptstadt aber wollen 69 Prozent der Bürger laut einer Umfrage der Deutschen Welle lieber in die EU.

Das ist Wasser auf die Mühlen um Vitali Klitschko und seine Mitstreiter. Er hat großen Anteil daran, dass die bislang zerstrittene Opposition ihre Reihen geschlossen hat und nun zusammen dafür kämpft, die Regierung zu stürzen und vorgezogene Parlamentswahlen zu erzwingen.

Kommentare (6)

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eerriikkaa

02.12.2013, 15:37 Uhr

wo war denn die m e r k e l als in stuttgart menschen von der polizei geblendet wurden

[...]

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

eandr

02.12.2013, 17:22 Uhr

"Er hat es geschafft, die zerstrittene Opposition zu vereinen."

Sehe ich richtig, dass der Pakt Klitschkos mit dem durch seine Judenhetze aufgefallenen Antisemiten Tjagnibok (immerhin auf Platz 5 der Top Ten Antisemitenliste von Wiesental) und seiner nationalistischen Partei "Svoboda" hier in Handelsblatt als was gutes gefeiert wird ?

Und ist der andere "Oppositionsführer" Luzenko nicht derjenige Luzenko, der im Jahr 2009 durch seine alkoholisierte Randale im frankfurter Flughafen aufgefallen ist ? Schöne "Opposition" hat dort Klitschko vereinigt !

Pequod

02.12.2013, 18:30 Uhr

Janukowitsch plündert die Ukraine aus?
In Deutschland macht die EZB mit dem GAS - Germany's
Asset Stripping - mit ihren Zinssenkungen die deutschen
Sparer und Steuerzahler platt. Wo ist da der Unterschied?
So erwartet man mit dem Einsatz Klitschkos offensichtlich
das vorzeitige knock out dieser EUdSSR mit dem Beitritt
des Pleitelandes Ukraine?

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