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02.02.2011

14:24 Uhr

ElBaradei warnt vor "Blutbad"

Tote und Verletzte in den Straßen von Kairo

VonMathias Brüggmann

Regimegegner und Regierungsanhänger lieferten sich den ganzen Tag über heftige Straßenschlachten mit gut 500 Verletzten und offenbar auch Toten. Westliche Regierungen und Uno-Generalsekretär Ban Ki-Moon forderten die Sicherheitsbehörden des Landes auf, der Gewalt Einhalt zu gebieten. Nun greift die Armee ein.

Kairo im Ausnahmezustand: Demonstranten der einen und der anderen stehen sich unversöhnlich gegenüber. DAPD

Kairo im Ausnahmezustand: Demonstranten der einen und der anderen stehen sich unversöhnlich gegenüber.

LONDON/KAIRO . Erstmals seit Beginn der Unruhen in Ägypten hat Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) mit dem ägyptischen Oppositionsführer Mohammed El Baradei telefoniert. Westerwelle ließ sich am Mittwochnachmittag vom früheren Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde die Lage in Ägypten schildern. Er zeigte sich angesichts der Eskalation in Kairo äußerst besorgt: „Ich fordere die Sicherheitsbehörden in Ägypten auf, keine Gewalt gegen Demonstranten anzuwenden.“

Jede weitere Eskalation der Situation müsse unbedingt vermieden, Schlägertrupps müsse unverzüglich Einhalt geboten werden. „Eine gewalttätige Niederschlagung der Proteste ist für Deutschland und die internationale Staatengemeinschaft nicht akzeptabel“, erklärte Westerwelle nach dem Telefonat.

Zuvor hatte Friedensnobelpreisträger ElBaradei dem ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak eine Politik der Einschüchterung und kriminelle Methoden vorgeworfen. Das Vorgehen der Mubarak-Anhänger gegen die Opposition sei „ein weiteres Anzeichen, dass sich ein kriminelles Regime krimineller Methoden bedient“, sagte ElBaradei am Mittwoch dem BBC-Hörfunk. Er sei zutiefst besorgt. „Ich habe Sorge, dass es in einem Blutbad endet.“ Die Pro-Mubarak-Demonstranten seien ein „Haufen Schläger“.

Im Zentrum Kairos waren die gewaltsamen Zusammenstöße zwischen Anhängern und Gegnern des ägyptischen Präsidenten im Laufe des Tages eskaliert. Nach Angaben des Senders Al-Dschasira wurden rund 500 Menschen bei den Straßenschlachten verletzt. Bei den brutalen Angriffen im Zentrum Kairos gab es offenbar auch zahlreiche Tote. Das gab ein Arzt vom Tahrir-Platz telefonisch dem Satellitenkanal Al-Arabija bekannt. Am Abend beruhigte sich die Lage nach einem Eingreifen der Armee teilweise. Wie Augenzeugen berichteten, hatten Mubarak-Anhänger eine Brandbombe geworfen. Daraufhin hätten Soldaten Warnschüsse in die Luft abgegeben. Die Angreifer hätten sich dann einen halben Kilometer zurückgezogen. Es hieß, die Armee habe den Mubarak-Anhängern gedroht, Gewalt anzuwenden, falls diese weiterhin versuchen sollten, die Demonstranten in die Flucht zu schlagen.

Live-Bilder des Fernsehens zeigen, dass Pro-Mubarak-Anhänger drei gepanzerte Fahrzeuge der Armee übernommen haben. Daraus sind bereits erste Schüsse gefallen. Mit Bajonetten und Schnellfeuergewehren bewaffnete Soldaten ziehen um das ägyptische Museum auf, das am Tahrir-Platz steht, wo Zehntausende gegen den Präsidenten Hosni Mubarak demonstrieren.

Zuvor waren die rivalisierenden Gruppen mit Steinen und Knüppeln aufeinander losgegangen. Die Gefolgsleute Mubaraks ritten zum Teil auf Pferden und Kamelen auf den Platz. Die Anhänger der Opposition riefen die dort stationierten Soldaten zum Eingreifen auf. „Das sind die Schläger der (regierenden) Nationaldemokratischen Partei“, rief einer der Oppositionellen. Er habe sich am Eingang des Platzes an einer Menschenkette beteiligt, als ihn ein Stein getroffen habe.

In einem dramatischen Appell haben auch der britische Premierminister David Cameron und Uno-Generalsekretär Ban Ki-Moon beide Seiten in dem Konflikt zur Zurückhaltung aufgerufen: "Wir verfolgen die Ereignisse in Kairo mit großer Besorgnis und verurteilen die Gewalt aufs Schärfste." Cameron sagte, wenn sich herausstellen sollte, dass die Gewalt von der ägyptischen Regierung geschürt werde, sei das "verachtenswert" und in keiner Weise akzeptierbar.

Kommentare (6)

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Zeitbeobachter

02.02.2011, 16:05 Uhr

brandgefährlich, aber vorhersehbar. Man strebt einen "gleitenden Übergang" an und die Spaltung der Revolution in einen radikalen und in einen moderaten Teil, um sie gegeneinander auszuspielen. "Jakobiner" gegen "Girondisten". Die Revolution der Revolutionen von 1789 winkt aus der sagen-und mythenumwobenen Vergangenheit

Robespierre

02.02.2011, 16:58 Uhr

Die ägyptische "Stasi" greift an. Entstehendes Chaos bedeutet Ruf nach Ordnung derjenigen, die etwas zu verlieren haben, nämlich der ägyptische Mittelstand und die superreichen Parteigänger des Präsidenten.
Ordnungsmacht ist das Militär, wahrscheinlich im Offizierscorps überwiegend präsidententreu. Gibt es eine Fronde in der Armee, die eine sofortige Ablösung des Präsidenten bevorzugt, kommt es zu einem Machtkampf innerhalb des Militärs.

txxx666

02.02.2011, 19:18 Uhr

Ägypten - Wiege der Zivilisation
im Moment sind Polizei und Staatssicherheit in Zivil gerade dabei, die sich erhebende Zivilgesellschaft zusammenzuschlagen.
misanthrope.blogger.de/stories/1769426/

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