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24.03.2006

12:53 Uhr

Elite

Plan für europäisches Super-Institut stößt auf Widerstand

Im Berliner Kanzleramt sind in den vergangenen Wochen mehrere Bewerbungsschreiben aus den Staatskanzleien der Länder und dem Ausland eingetroffen. Alle wollen das Gleiche: das geplante „European Institut of Technology“ (EIT) der EU in ihr Hoheitsgebiet holen.

HB BERLIN/BRÜSSEL. Doch wenn es nach der Bundesregierung geht, wird es womöglich gar kein solches Eliteinstitut geben. Und auch die österreichische EU-Ratspräsidentschaft nahm den Bewerbern gestern den Wind aus den Segeln: Beim EIT werde es sich wohl nicht um eine feste Einrichtung, sondern allenfalls um eine Vernetzung von Standorten handeln. „Es geht um ein Netzwerk, nicht um Gebäude“, sagte eine Sprecherin am Rande des EU-Frühjahrsgipfels in Brüssel.

Das EIT ist ein Lieblingsprojekt von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso: Er will ein Top-Forschungsinstitut schaffen, das es etwa mit dem renommierten Massachusets-Institut of Technology (MIT) in den USA aufnehmen kann. Es soll sich vorrangig mit Energie, Umwelt, Informations- und Nanotechnologie beschäftigen und sich auch der Ausbildung künftiger Top-Forscher widmen. Mit dem EIT soll die EU den Forschungsgroßmächten USA und Japan, aber auch Aufsteigern wie China und Indien entgegentreten.

Doch die Skepsis in Berlin ist groß: Das Thema liege zwar auch der Kanzlerin am Herzen, „das heißt aber noch nicht, dass wir den Vorschlag teilen“, heißt es in Regierungskreisen: „Die Idee ist, so wie sie jetzt skizziert ist, nicht richtig gut.“ Andere EU-Länder wie Schweden und Spanien haben ebenfalls Vorbehalte.

Barroso muss deshalb fürchten, dass sein Herzensprojekt heute auf dem EU-Gipfel in Brüssel vorerst aufs Abstellgleis geschoben wird. Es geht um die Frage, ob die Staats- und Regierungschefs der Kommission den Auftrag zu konkreten Vorschlägen erteilen, wie sich Barroso erhofft. Oder ob sie das EIT nur „prüfen“ wollen, was einem Abschieben auf die lange Bank gleichkäme.

Unklar ist vor allem, mit wie viel Geld das Elite-Institut gefördert werden und wo es herkommen soll. Die Größenordnung zwei Mrd. Euro in fünf Jahren wurde von der EU-Kommission bisher nicht bestätigt, doch klar ist, dass ein paar Millionen nicht reichen. Deshalb sind etwa die deutsche Rektorenkonferenz oder der Kanzler der ehrwürdigen Universität in Oxford, Lord Patten, gegen das Vorhaben. Sie fürchten, dass es auf Kosten der Fördermittel für bestehende Einrichtungen geht. Wahrscheinlich werde das Geld aus dem „siebten Forschungsrahmenprogramm“ der EU kommen, vermuten Brüsseler Diplomaten. Dann hätte auch das Europaparlament, das ebenfalls skeptisch ist, ein Mitspracherecht.

Bundesbildungsminsterin Annette Schavan (CDU) ist kategorisch gegen den in Brüssel ausgeheckten Plan. „Wir wollen nichts Neues, denn es macht keinen Sinn, so etwas aus dem Boden zu stampfen“, sagte ihr Sprecher. Er verweist darauf, dass Konkurrenzinstitute eine sehr lange Tradition haben und erst in Jahrzehnten ihren heutigen Ruf erwarben. Die EU-Bildungsminister lehnten auf ihrem Treffen vergangene Woche in Wien ebenfalls eine zentrale Einrichtung ab. Stattdessen sollten Spitzenforscher weiterhin für ihre Universitäten arbeiten – allerdings unter dem organisatorisch eng vernetzten gemeinsamen „Dach“ eines EIT.

Das befürwortet auch die Bundesregierung: „Wir können uns ein Netzwerk von hervorragenden Universitäten und Instituten vorstellen, die im Wettbewerb stehen und unter dem Begriff Exzellenz zusammenarbeiten“, heißt es in Regierungskreisen. Als viel sinnvoller gilt in Berlin der „European Research Council“ (ECR), der in Kürze seine Arbeit aufnehmen soll. Der mit international renommierten Wissenschaftlern besetzte Forschungsrat soll nach strengen Kriterien mit zunächst 750 Mill. Euro Spitzenforschung an bestehenden Instituten in ganz Europa finanzieren. Der ECR umschifft damit das wohl heikelste Problem eines neuen europäischen Elite-Instituts – die Standortfrage. Wohlweislich hat sich Barroso hier bisher nicht festgelegt.

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