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06.06.2017

16:48 Uhr

Embargo gegen Katar

Anatomie der Krise am Golf

VonMartin Gehlen

Auf der arabischen Halbinsel haben sich die Kontrahenten Saudi-Arabien und Katar ineinander verkeilt. Noch nie hat es am Golf ein solch schweres Zerwürfnis gegeben – und der superreiche Zwergstaat wird nicht nachgeben.

Menschen kaufen in einem Supermarkt in Katars Hauptstadt Doha auf Vorrat ein. Mehrere arabische Golfstaaten und Ägypten haben die diplomatischen Beziehungen zu Katar abgebrochen. dpa

Hamsterkäufe in Katar

Menschen kaufen in einem Supermarkt in Katars Hauptstadt Doha auf Vorrat ein. Mehrere arabische Golfstaaten und Ägypten haben die diplomatischen Beziehungen zu Katar abgebrochen.

Binnen Stunden war alles Gerede von den arabischen Mitbrüdern verdampft, wutentbrannt liegen sich die betuchten Kontrahenten an der Gurgel. Noch nie seit der Existenz der Ölstaaten gab es ein solches Zerwürfnis am Golf. Kuwaits Emir reiste am Dienstag nach Riad, um zu vermitteln. Doch ein schneller Erfolg ist nicht in Sicht, zu tief eingenistet haben sich das Misstrauen und die gegenseitigen Frustrationen der verfeindeten Ölprinzen.

Vor drei Jahren inszenierte Saudi-Arabien schon einmal einen neunmonatigen diplomatischen Boykott Katars. Diesmal jedoch hat das konzertierte Vorgehen eine ganz andere Dimension, weil die aufgebrachten Nachbarn versuchen, Katar von allen Verkehrsverbindungen abzuschneiden, es wirtschaftlich zu isolieren und so zur politischen Kapitulation zu zwingen. Der Flugverkehr liegt am Boden, die Grenzen sind dicht. Menschen in Doha kaufen in Panik die Supermärkte leer.

Die Gründe für diese plötzliche Eskalation sind nicht einfach zu ermitteln in den verschwiegenen und intransparenten politischen Milieus der Herrscherclans. Offenbar kommt bei dem Zornausbruch des saudischen Nachbarn über den widerspenstigen Halbinselstaat vieles zusammen, angefangen von Katars freundlichen Beziehungen zum Iran, über seine Finanzierung der TV-Sender „Al Dschasira“ und „Al Araby Al Jadeed“ bis hin zu seiner Rolle als Schutzpatron der Muslimbrüder, der Hamas-Bewegung und sonstiger Vertreter des politischen Islams in der Region.

Der Konflikt in Katar

Warum ist das Emirat Katar so wichtig?

Das Land hat nur rund 270.000 Staatsbürger - ist aber weltweit der größte Produzent von flüssigem Erdgas und teilt sich ein gewaltiges Unterwasser-Gasfeld mit dem Iran. Außerdem werden vom Luftstützpunkt Al-Udeid aus Angriffe der von den USA angeführten Anti-IS-Koalition gegen die Terrormiliz im Irak und in Syrien geflogen.

Die Rolle der Medien

Zudem ist in Katar das Nachrichten-Netzwerk Al-Dschasira ansässig, das in Verhandlungen mit Gruppierungen, von denen sich viele Regierungen lieber fernhalten, oft eine größere Rolle spielt. So half das Netzwerk beispielsweise dabei, Mitglieder der Herrscherfamilie aus einer Geiselnahme zu befreien. Außerdem sicherte Al-Dschasira die Freilassung von Geiseln im syrischen Bürgerkrieg.

Warum steht Katar im Konflikt mit den mächtigsten arabischen Ländern?

Spannungen zwischen Katar und Saudi-Arabien sind bereits vor zwei Wochen an die Oberfläche getreten. Katar gab an, dass die staatlich geführte Nachrichtenagentur und der offizielle Twitter-Account des Landes gehackt worden seien, um eine Falschnachricht zu verbreiten. Darin soll der katarische Emir, Scheich Tamim bin Hamad al-Thani, den Iran eine „regionale und islamistische Macht, die nicht ignoriert werden kann“ genannt haben.

Kampagne in den Medien

Medien auf der arabischen Halbinsel ignorierten das Dementi Katars und verbreiteten weiterhin den Kommentar, während Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Ägypten den Zugang zu Al-Dschasira und mit dem Netzwerk verbundenen Seiten blockierten. Saudische Medien starteten eine aggressive Kampagne, die Katar vorwarf, Terrorgruppen mit Verbindungen zu Al-Kaida und der Terrormiliz Islamischer Staat zu unterstützen - und damit die Region zu destabilisieren und Verbündeten in den Rücken zu fallen. Weitere Medien schienen sogar einen Machtwechsel in Katar zu befürworten und warfen dem Emir vor, ein Geheimtreffen mit den Kommandeur der Iranischen Revolutionsgarde, Kassem Soleimani, abgehalten zu haben.

Vorwurf der Unterstützung der Muslimbruderschaft

Die Vereinigten Arabischen Emirate schienen wegen Katars Unterstützung von Islamisten in der Golf-Region und Libyen schon länger verärgert zu sein. Saudi-Arabien und Ägypten werfen Katar zudem vor, die als Bedrohung eingestufte Muslimbruderschaft zu unterstützen. Saudi-Arabien hält Katar außerdem vor, vom Iran gestützte Terroristengruppen in seiner Provinz Katif und dem angrenzenden Bahrain sowie Rebellen im Jemen zu fördern. Auch westliche Regierungen haben Katar vorgeworfen, sunnitische Extremisten wie den Al-Kaida-Zweig in Syrien zu dulden oder sogar zu fördern. Das Land unterstützt außerdem die Hamas im Gazastreifen.

Was sind die Konsequenzen des Streits?

Die Kappung der Verbindungen könnte für Katar längerfristige wirtschaftliche Konsequenzen haben - die sich wiederum auf Millionen von Wanderarbeitern und Auswanderern übertragen würden. Ein Großteil der Nahrungsmittel für Katar kommt aus Saudi-Arabien über die einzige Festland-Grenze Katars, die Saudi-Arabien nun aber geschlossen hat.

Risiko des Konflikts

Nach Angaben des Risiko-Beratungsunternehmens Eurasia Group ist die Gefahr eines Staatsstreiches erheblich gestiegen. Eine Änderung in der Regierung Katars könnte auch Fragen über die Zukunft des US-Luftstützpunktes aufwerfen und die Hamas ihren bisher größten Gönner kosten.

USA als Schlichter

US-Außenminister Rex Tillerson rief die Parteien dazu auf, ihre Streitigkeiten beizulegen. Saudi-Arabien hat den sich im Land aufhaltenden Katarern eine Frist von 14 Tagen gegeben, um das Land zu verlassen. Zudem sollen Saudis Katar weder bereisen oder sich dort ansiedeln. Katar zog seine Truppen aus der von Saudi-Arabien angeführten Koalition im Bürgerkriegsland Jemen zurück. Ägypten und Saudi-Arabien schlossen den Luft- und Seeraum für Katar - was vor allem die Fluglinie Qatar Airways betrifft, einen der größten Passagierbeförderer der Region. Die saudische Fluglinie Ethihad Airways, FlyDubai und die größte Fluggesellschaft im Nahen Osten, Emirates, stellten Flüge nach Katar ein.

Gibt Katar nach?

Katar bestreitet seine Unterstützung für Terroristengruppen in Syrien und anderen Länder. Und das, obwohl dem Land vorgeworfen wird, sunnitische Rebellengruppen zu fördern, die die syrische Regierung des Amtes entheben wollen. Offenbar ging katarisches Geld auch an Gruppen wie die Muslimbruderschaft. Die katarischen Herrscher zeigen sich von dem Konflikt bisher jedoch unbeeindruckt. Medien des Landes verbreiteten eine Karikatur, die sich darüber lustig machte, dass der saudische König Salman Fake News verbreite.

Katar gegen Saudi-Arabien

In der vergangenen Woche hatte Katars Emir den iranischen Präsidenten Hassan Ruhani angerufen, um ihm zu Wiederwahl zu gratulieren - eine klare und offene Widerlegung saudischer Bemühungen, Katar auf Linie zu bringen. Der Emir Katars könnte sein Land aus dem Golf-Kooperationsrat zurückziehen.

Wie geht es weiter?

Bereits vor drei Jahren hatten mehrere Golfstaaten wegen Katars Unterstützung für die Muslimbruderschaft ihre Botschafter für neun Monate aus Katar abgezogen. Details des Abkommens, das den Konflikt damals löste, wurden nie offiziell bekannt - aber darunter waren Zusagen Katars, die Förderung der Bruderschaft einzustellen. Die aktuellen Forderungen an Katar sind derzeit noch verschwommen, es könnte jedoch zu einem ähnlichen Ablauf wie vor drei Jahren kommen - oder beide Seiten könnten sich noch mehr in ihre Positionen verbeißen.

Das Fass zum Überlaufen brachte im April wohl eine Lösegeldzahlung Katars von einer Milliarde Dollar, um im Südirak zwei Dutzend katarische Falkenjäger aus den Händen schiitischer Milizen sowie in Syrien 50 Gefangene radikaler Dschihadisten freizukaufen. 700 Millionen gingen an iranhörige Milizen, die übrigen 300 Millionen an Al-Qaida-Terrorkommandos. Der Löwenanteil floss damit quasi direkt an den Islamischen Staat, und das ausgerechnet zu einer Zeit, als Saudi-Arabien zum großen Showdown gegen den schiitischen Erzrivalen blies.

Lösegeldzahlungen gelten in den nahöstlichen Wirren schon immer als Methode zur indirekten Finanzierung von Extremisten. Die Unterhändler stehen mit sauberen Händen da und die Auftraggeber – darunter auch westliche Staaten – sind froh, ihre Landsleute vor dem Tod gerettet zu haben. Eine solch enorme Summe jedoch, wie für die entführte Jagdgesellschaft des Emir-Clans sowie die Al-Qaida-Geiseln, ist bisher noch nie geflossen. Allerdings steht Katar bei der Finanzierung radikaler Gruppen keineswegs allein. Auch reiche Bürger und religiöse Stiftungen aus Kuwait und Saudi-Arabien gelten als wichtige Sponsoren in der Unruheregion, wo viele Transaktionen noch immer in bar abgewickelt werden.

Kommentare (4)

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Herr Paul Kersey

06.06.2017, 17:53 Uhr

Am besten mal komplett raushalten. Regionale Konflikte sollen regional gelöst werden. Und die Araber müssen auch mal zeigen, dass sie den verhassten Westen nicht brauchen, um ihre eigenen Probleme zu lösen.

Herr stephan wirtz

06.06.2017, 18:23 Uhr

"Die saudische Fluglinie Ethihad Airways, FlyDubai und die größte Fluggesellschaft im Nahen Osten, Emirates, stellten Flüge nach Katar ein."
Man sollte alsJournalist wissen, das Etihad eine Fluglinie der UAE und von der Saudischen Republik ist. Etihad heisst eigentlich "UNITED" und wird auch nicht
Ethihad geschrieben.
Eigentlich peinlich falls man über die Region schreiben will!

Unbekannt

06.06.2017, 19:26 Uhr

HB :“ „Katar soll offenbar mehr oder weniger vollständig isoliert und existentiell getroffen werden, sagte, Außenminister Gabriel“

Dazu :
„Der größte Reichtum Katars liegt im Erdgassektor. Unter dem Meeresgrund liegt das North Gas Field, das mit 381.000 Milliarden Kubikfußreserven das größte Erdgasfeld der Erde ist. . Durch die Inbetriebnahme einer Erdgasverflüssigungsanlage wird der wirtschaftliche Abtransport des Flüssigerdgases (LNG) ermöglicht. Die Hauptabnehmer sind die GCC-Staaten---(und Europa) Wegen steigender Nachfrage exportiert Katar zunehmend Flüssiggas. Bereits 2006 war das kleine Emirat weltgrößter Flüssiggasexporteur.
. Des Weiteren betreiben die USA in Katar ein gemeinsames HBCT-Ausrüstungslager (APS) der Army, der Air Force, der Navy und der Marines mit 430 Angehörigen.“ (Wikipedia.de)

Das Katar Terroristen finanzieren soll wurde schon immer behauptet, desgleichen bei Saudi-Arabien. Schon möglich, dass die Behauptungen zutreffen --- aber
es geht wohl tatsächlich um den Flüssiggas-Markt in Europa, den die USA beliefern wollen und da erscheint das kleine Katar als bedeutender Konkurrent auf dem LNG-Markt einfach unerwünscht und muss gezügelt werden ----- und wenn sich der Emir all diesem mit diplomatischen Winkelzügen (Iran, Türkei, Russland, China etc.) widersetzen sollte ? Naja, irgendwelche Defizite bei den Menschenrechten und westlichen Werten werden sich schon finden lassen, um eine andere Regierung zu installieren.

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