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01.02.2007

14:13 Uhr

Empörung über Iran-Äußerungen

Chirac verplappert sich

Der französische Präsident Jacques Chirac hat mit Äußerungen zu einem möglichen iranischen Atomwaffenbesitz für Wirbel gesorgt. Es wäre „nicht sehr gefährlich“, falls der Iran eine oder zwei Atombomben hätte, sagte Chirac in Interview. Frankreich ist sicher: Er hat sich verplappert.

Frankreichs Präsident Jacques Chirac: Ein nicht autorisiertes Interview sorgt für Wirbel. Foto: dpa Quelle: dpa

Frankreichs Präsident Jacques Chirac: Ein nicht autorisiertes Interview sorgt für Wirbel. Foto: dpa

PARIS. Zum zweiten Male innerhalb eines Jahres verblüfft Jacques Chirac mit „explosiven Aussagen“ zum möglichen Einsatz von Atomwaffen. Beide Male richteten sich die Worte gegen den Iran. Doch während der französische Präsident vor einem Jahr in einer wohl präparierten Rede eine klare Drohung an die Adresse Teherans aussprach, hat er sich diesmal vielleicht nur verplappert.

Im Januar 2006 sorgte Chirac für Aufsehen, als er Staaten, die zu „terroristischen Mittel greifen“ oder Frankreichs Ölversorgung bedrohen, unverhohlen Atomschläge androhte. Sein Generalstabschef legte damals nach, Teheran löse mit „äußerst kriegerischen Absichten“ große Besorgnis aus. Die Botschaft war eindeutig.

Jetzt sprach Chirac in einem lockeren Interview davon, Teheran könnte „dem Erdboden gleichgemacht“ werden, wenn der Iran sich Atomwaffen verschaffen und damit Israel angreifen sollte. Doch das Interview war noch nicht auf dem Markt, da bekam der Elyséepalast kalte Füße. Chirac zog die Aussage wieder zurück. Und sie wäre wohl nie öffentlich geworden, wenn sie nur vor französischen Journalisten gefallen wäre. Der Abdruck eines nicht genehmigten Interviews des Staatschefs wäre in Paris tabu.

Doch Chirac hatte auch vor Journalisten der „New York Times“ und der „International Herald Tribune“ gesprochen. Und die veröffentlichten respektlos sowohl Chiracs heikle erste Aussagen als auch die korrigierte Version mit seinem Rückzieher. Ihre französischen Kollegen vom „Nouvel Observateur“ schoben die brisanten Worte zum Iran kommentarlos in einen kleinen Kasten und druckten auf vier Seiten lieber Aussagen Chiracs zur Pariser Klimakonferenz. So wurde aus demselben Interview eine völlig andere Geschichte.

Chirac gilt als „Mann, der die Bombe liebt“. Der Oberbefehlshaber der drittgrößten Atommacht der Welt ist überzeugt, dass Paris nur dank seiner Kernwaffen ein entscheidendes Wort in der Welt mitreden kann. Deshalb erinnert Chirac gerne ab und zu an die strategischen Kapazitäten seines Landes. Doch derzeit könnten unbedachte Aussagen die Sprengkraft einer Bombe entwickeln. Schließlich sprechen Experten schon von einem Stellvertreterkrieg USA-Iran im Irak und spekulieren darüber, ob US-Präsident George W. Bush einen Griff Teherans zur Atombombe militärisch vereiteln würde. Da liegen bei manchem die Nerven blank.

Unverständnis in Israel

In Paris wird daher spekuliert, Chirac habe sich in einer müden Phase einfach vergaloppiert. Mit einer großen Kraftanstrengung versucht der 74-jährige Präsident derzeit, die letzten Wochen seiner zwölfjährigen Amtszeit Präsenz zu zeigen und nicht als Auslaufmodell („lahme Ente“) zu erscheinen. Er lud die Welt zur Libanon- und zur Klimakonferenz nach Paris und setzt sich bei Museumsjubiläen und anderen Anlassen in Szene. Sogar die Möglichkeit einer erneuten Kandidatur im April hält er sich weiter offen.

Die Reaktion aus Israel zu Chiracs Äußerungen folgte prompt: Der israelische Außenamtssprecher Mark Regev sagte, eine Atombombe in den Händen Teherans würde die Lage extrem destabilisieren. Jeder in der internationalen Gemeinschaft habe Zweifel, dass das iranische Atomprogramm einem guten Zweck dienen solle. Auch der Verteidigungsexperte Alexander Pikajew vom Wissenschaftlichen Ausschuss für Globale Sicherheit bezeichnete Chiracs Worte als unvorsichtig. „Die Franzosen fürchten nicht so sehr die Aufrüstung des Irans mit Atomwaffen, sondern einen Krieg gegen den Iran“, sagte er. „Seine Bemerkungen richten sich an Israel und die USA.“

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