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27.08.2014

11:15 Uhr

Ende des Empire

Großbritanniens unnötiger Krieg

Der Erste Weltkrieg war eine Woche alt, da trat auch Großbritannien in die Kampfhandlungen ein. Viele Historiker sind der Meinung: Das war nicht nötig. Großbritannien gewann den Krieg, doch der Preis war hoch.

Zur See eine Macht ohne Konkurrenz: Die britische Flotte sorgte für eine Blockade der deutschen Häfen. ap

Zur See eine Macht ohne Konkurrenz: Die britische Flotte sorgte für eine Blockade der deutschen Häfen.

LondonEs war ein sehr kurzes Telegramm. „War - Germany - Act!“ stand darauf. Es ging von der Regierung in der Downing Street in London an die Befehlsstrukturen der britischen Armee. Gut 20 Minuten nach 23.00 Uhr am Abend des 4. August 1914 war es in London abgeschickt worden. Von da an befand sich Großbritannien mitsamt seinem damaligen Weltreich im Krieg mit Deutschland. Einige Historiker sind heute, 100 Jahre nach Ausbruch des Krieges, der Ansicht, dass erst dieser Moment den europäischen Kontinentalkrieg zum Ersten Weltkrieg machte.

Der Kriegseintritt der Briten und die Motive der Regierung von Premierminister Herbert Henry Asquith waren umstritten. Nicht nur Politiker in Großbritannien waren der Ansicht, dass der nach der Ermordung des österreichischen Erbherzogs Franz Ferdinand ausgebrochene Krieg zwischen Österreich und dem Deutschen Reich auf der einen Seite sowie Frankreich und Russland auf der anderen, mit Großbritannien nichts zu tun habe. Großbritannien hatte jahrzehntelang die Haltung vertreten, sich nicht in Konflikte einzumischen, die nicht unmittelbar die Interessen des Königreichs oder des Empires betreffen. 

Wirtschaftlicher Niedergang in ganz Europa

Vergleich mit anderen Ländern

Die wirtschaftliche Situation hat sich im Deutschen Reich mit dem Kriegsbeginn erheblich verschlechtert. Das liberale Unternehmerturm wurde verdrängt. War der Welthandel 1913 noch so stark wie nie zuvor, brach er in der Folge des Krieges massiv ein. Es folgt eine kurze Übersicht über die wirtschaftliche Lage in den anderen am Krieg beteiligten Großmächten.

Österreich-Ungarn

Die wirtschaftliche Situation in Österreich war noch prekärer als im Deutschen Reich. Mitte 1918 waren die Reallöhne der Arbeiter nur noch halb so hoch wie vor dem Krieg, und das bei nicht geringen Preissteigerungen. Die industrielle Produktion fiel, abgesehen von Rüstungsgütern, 1918 auf den Stand von 1913, was einen Rückgang um 60 Prozent bedeutete. Die Kohleproduktion kam beinahe vollständig zum Erliegen.

Frankreich

Frankreich litt massiv unter der Besetzung seiner Industrieregion im Nordosten. Das Land verlor so 83 Prozent der Roheisen- und 58 Prozent der Stahlproduktion. Doch Frankreich gelang die Umstellung der klassischen Industrie auf Waffen- und Munitionsherstellung außergewöhnlich gut.

Großbritannien

Vor dem Krieg hatte Großbritannien drei Viertel seiner Lebensmittel importiert. Durch den U-Boot-Krieg der Deutschen war diese Grundversorgung gefährdet, aber der private Konsum ging unterm Strich weit weniger zurück als in den anderen Ländern, die am Krieg teilnahmen. Rationalisierungen wurden erst sehr spät notwendig, als Butter und Fisch knapper wurden.

Russland

Das riesige Land litt vor allem unter seinem schlechten Eisenbahnnetz. Das galt für den Transport von Soldaten und Rüstungsgütern als  auch für den von Lebensmitteln. Durch den Krieg brachen die üblichen Verteilungswege zusammen. Ab 1916 zerfiel das Land in autonome Versorgungsregionen. Die Städte waren chronisch unterversorgt, was zum Zerfall des Zarenregimes entscheidend beitrug.

USA

Die USA waren schon während des Krieges ein großer Profiteur: Die Amerikaner finanzierten auch das Deutsche Reich, aber vor allem die Westmächte und hatten gerade ab 1917 entsprechend großes Interesse, dass diese den Krieg gewannen und ihre Kredite somit zurückzahlen konnten.

Downing Street hatte Berlin ein Ultimatum gestellt. Bis Mitternacht kontinentaleuropäischer Zeit sollte sich das Deutsche Reich erklären. Den Briten ging es offiziell vor allem um Belgien. Die Truppen des Deutschen Reiches hatten am Morgen die belgische Grenze auf dem Weg nach Frankreich überschritten. Großbritannien gehörte zu den Mächten, die Belgien 1839 immerwährende Neutralität garantiert hatten. Deutschland ließ das Ultimatum verstreichen. Als der Big Ben elf Uhr schlug, schloss Asquith die Parlamentsrunde in der Downing Street. Das Ergebnis war klar.

Wenig später ging das Telegramm an die Truppen auf den Draht. Doch Historikern sind sich einig, dass natürlich nicht Belgien das alleinige Motiv Großbritanniens für den risikoreichen Waffengang war. London wollte das Deutsche Reich auf seinem Weg zur Weltmacht stoppen. Und später nicht zuletzt auch seine eigenen Interessen, etwa im Nahen Osten, durchsetzen.

Kommentare (1)

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Herr C. Falk

27.08.2014, 11:41 Uhr

Wäre das Vereinigte Königreich neutral geblieben, wäre WKI
nicht zum Weltkrieg mutiert, sondern schnell vorbei gewesen.

Das deutsche Kaiserreich mit der K&K Monarchie hätten diesen Krieg relativ schnell gewonnen und wären in Kontinentaleuropa der Hegomon geworden. England wäre bestimmende Seemacht geblieben, der angesächsische "liberale Imperialismus", wäre nicht durch die USA abgelöst worden.

Für Europa waren die 100 Jahre nach 1914 verlorene Jahre
in Sachen Dominanz auf diesem Globus.

Heute ist Europa mtsamt seiner schwindenden demographischen Potenz nur noch eine Randnotiz, wenn auch seine relative ökonomische Stärke noch darüber hinweg zu täuschen vermag.

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