Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.01.2009

16:00 Uhr

Energie-Streit

Russland dreht Ukraine den Gashahn zu

ExklusivDer russische Staatskonzern Gazprom hat seine Drohungen wahr gemacht und die Gaslieferungen an die Ukraine am Neujahrsmorgen eingestellt. Der Transport nach Europa sei jedoch nicht beeinträchtigt, hieß es. In Deutschland warnten Politiker vor einer zu großen Abhängigkeit von Moskau.

Gazrpom-Chef Alexej Miller. Foto: dpa Quelle: dpa

Gazrpom-Chef Alexej Miller. Foto: dpa

HB MOSKAU. Die Versorgung sei mit Auslaufen des alten Vertrags um 10.00 Uhr Moskauer Zeit (08.00 Uhr MEZ) gestoppt worden, teilte der Gas-Monopolist Gazprom mit. „Wir werden Europa weiterhin voll beliefern“, hieß es. Die Regierung in Kiew hatte der Europäischen Union bereits zuvor versprochen, es werde trotz ihres Streits mit Russland keine Unterbrechung der Erdgaslieferungen nach Europa geben.

Der größte deutsche Ferngas-Versorger E.on Ruhrgas sieht seine Lieferfähigkeit durch den Gas-Streit zwischen der russischen Gazprom und der Ukraine jedenfalls nicht beeinträchtigt. „Wir sind gut vorbereitet. Selbst bei einer fortdauernden Auseinandersetzung wird es nicht zu Liefereinschränkungen für Haushalte und Endverbraucher kommen“, sagte der Vorstandschef der E.on-Tochter, Bernhard Reutersberg, am Donnerstag. Auch Großkunden seien derzeit nicht betroffen. E.on Ruhrgas bezieht 26 Prozent seines Erdgases aus Russland, der Rest kommt vor allem aus Norwegen, den Niederlanden und aus deutschen Quellen. Zudem habe Ruhrgas zwölf Erdgasspeicher einsatzbereit.

Das russische Staatsfernsehen berichtete am Donnerstag in einer Live-Schaltung von einer Pumpstation an der Grenze zur Ukraine. Dort sei man von der Gazprom-Zentrale in Moskau angewiesen worden, kein Gas mehr durchzuleiten. Gazprom-Chef Alexej Miller hatte zuvor in Moskau erklärt, beide Seiten hätten sich nicht über die Rückzahlung ukrainischer Schulden und Details eines neuen Liefervertrages einigen können.

Europa bezieht etwa ein Fünftel seines Gases über die Pipeline in der Ukraine. Für Russland ist die Röhre ungleich wichtiger: Durch die Verbindung werden etwa 80 Prozent des russischen Gases für Westeuropa geleitet. Deshalb baut Russland derzeit auch eine weitere Pipeline durch die Ostsee unter Umgehung der Ukraine und anderer osteuropäischer Länder. Vor drei Jahren war bei einem ähnlichen Streit zwischen Russland und der Ukraine zeitweise weniger Gas nach Deutschland gelangt.

Im jüngsten Streit will Gazprom den Preis für die Ukraine von zuletzt etwa 180 Dollar pro 1000 Kubikmeter auf 250 Dollar erhöhen. Damit müsste die ehemalige Sowjetrepublik für das russische Gas immer noch nur etwa halb soviel zahlen wie andere europäische Kunden. Trotzdem lehnt die Ukraine die Erhöhung ab.

Die Regierung in Kiew will nach Angaben der russischen Agentur Interfax höchstens 201 Dollar pro 1000 Kubikmeter Gas zahlen. Neben dem Gaspreis streiten beide Seiten auch über die Gebühren, die Russland an die Ukraine für die Durchleitung des Brennstoffs nach Westeuropa zahlt. Russland will die Transitgebühr bei 1,70 Dollar pro 1000 Kubikmeter belassen, während die Ukraine eine Erhöhung auf mindestens zwei Dollar anstrebt.

Die Ukraine kann den Lieferstopp nach eigenen Angaben mehrere Wochen überbrücken: Die nationalen Gas-Reserven umfassen demnach 17 Mrd. Kubikmeter und damit etwa 20 Prozent des jährlichen Verbrauchs. Einen Versorgungsengpass für deutsche Gaskunden dürfte es vorerst nicht geben. So versicherte die ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko dem EU-Kommissionspräsidenten Jose Manuel Barroso in einem Telefonat, es werde trotz des Streits keine Unterbrechung der Lieferungen nach Mittel- und Westeuropa geben.

In Deutschland warnten Politiker vor einer zu großen Abhängigkeit von Moskau. Der CSU-Landesgruppenchef im Bundestag, Peter Ramsauer, unterstrich die Bedeutung einer besseren europäischen Energiepolitik. Deutschland könne sich zwar auf die Lieferzusagen Russlands verlassen, weil Moskau es sich "gerade bei sinkenden Energiepreisen gar nicht leisten kann, treue und gut zahlende Kunden zu verprellen", sagte Ramsauer dem "Handelsblatt". "Wir müssen aber dennoch alles tun, damit wir nicht noch abhängiger von Russland werden." Die Auseinandersetzung sei auch deshalb "irrational", weil sich "in eine reine Lieferanten-Kunden-Beziehung politische Nachbarschaftsstreitigkeiten mischen", warnte Ramsauer.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×