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12.01.2011

21:14 Uhr

Energieabkommen

EU will neue Gasquellen erschließen

VonRuth Berschens, Klaus Stratmann

Brüssel schließt ein erstes Abkommen mit Aserbaidschan über die Pipeline Nabucco und sieht darin einen Durchbruch. Ziel ist es, Europa unabhängiger vom russischen Lieferanten Gazprom zu machen. Alleine in sieben EU-Staaten hält die Gazprom ein Monopol.

Nord-Stream Pipeline: Gazprom diktiert hohe Preise. DAPD

Nord-Stream Pipeline: Gazprom diktiert hohe Preise.

BRÜSSEL, BERLIN. EU-Kommissionschef José Manuel Barroso preist sie als "wahrhaft europäisches Projekt". Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy werben für sie. Und mächtige Unternehmen mit dem deutschen Energiekonzern RWE an der Spitze wollen sie finanzieren. Geld und gute Worte gibt es reichlich für Nabucco. Trotzdem ist die Pipeline, die Gas vom Kaspischen Meer nach Europa bringen soll, bislang ein Wunschtraum geblieben. Denn den Europäern gelang es nicht, in Zentralasien auch nur einen einzigen Lieferanten für die neue Gasröhre zu gewinnen.

Das soll sich diese Woche ändern. EU-Kommissionschef Barroso und Energiekommissar Günther Oettinger reisen morgen eigens nach Aserbaidschan, um dort mit Präsident Ilham Alijew eine gemeinsame Erklärung zu unterzeichnen. Darin bekunden beide Seiten ihre Bereitschaft, einen Gaskorridor Richtung Europa zu öffnen. Damit komme Nabucco endlich ein Stück vorwärts, heißt es in Brüssel: "Wir haben zwar noch keinen endgültigen Sieg errungen, aber immerhin eine erste Schlacht gewonnen."

Oettingers Fachbeamte in Brüssel werden nicht müde, die "strategische Bedeutung" von Nabucco für die europäische Energiesicherheit zu betonen. Das Projekt soll den Europäern dabei helfen, sich aus der Abhängigkeit von Russland zu lösen.

Die russische Gazprom hält in sieben EU-Staaten das Monopol. Vier EU-Mitglieder beziehen rund zwei Drittel ihres Erdgases aus Russland. Das genügt auch noch, um in langfristigen Lieferverträgen hohe Preise zu diktieren. Der Erdgaspreis für Endverbraucher ist in Ungarn zum Beispiel etwa doppelt so hoch wie in Deutschland, obwohl das Durchschnittseinkommen in dem Land weit unter deutschem Niveau liegt. In Deutschland kommt Russland derzeit auf einen Marktanteil von rund 44 Prozent - mit steigender Tendenz. Denn in Westeuropa geht das Erdgas langsam aus.

Umso begehrlicher blicken die Europäer auf die Vorkommen am Kaspischen Meer. So habe das bisher noch nicht erschlossene Gasfeld Shah Deniz II ein Förderpotenzial von mindestens 14 bis 16 Milliarden Kubikmeter pro Jahr. Diese Menge reiche aus, um die Nabucco-Pipeline in Betrieb zu nehmen. Allerdings müssten später noch weitere Gaslieferanten gefunden werden. Die EU hat Irak und Turkmenistan im Visier, wo Barroso diese Woche ebenfalls erwartet wird.

Der Besuch Barrosos am Kaspischen Meer freut auch das Nabucco-Konsortium. Von einem Durchbruch für das Projekt will die beteiligte Industrie allerdings nicht sprechen. "Bis zu verbindlichen Lieferverträgen zwischen zentralasiatischen Staaten und dem Nabucco-Betreiberkonsortium ist es noch ein weiter Weg. Konkrete Vereinbarungen sind in den vergangenen Jahren immer wieder verschoben worden", heißt es bei den Unternehmen.

Der Grund dafür dürfte in Moskau zu suchen sein. Gazprom will Konkurrenz vom europäischen Markt fernhalten. Die Russen setzten Nabucco deshalb ein eigenes Projekt entgegen: South Stream soll Gas von Russland nach Südeuropa bringen. Die Russen kamen mit ihrer Röhre zuletzt ganz gut voran. So erteilte das Transitland Bulgarien South Stream im November eine Baugenehmigung. Für Nabucco war das ein herber Rückschlag. Denn alle Fachleute wissen: Wenn South Stream gebaut wird, gibt es für Nabucco keinen Platz mehr. Eine Pipeline genügt, um den Gasbedarf in Südost- und Mitteleuropa zu decken. Deshalb macht die EU-Kommission jetzt Druck. Oettinger hat für Nabucco eine Frist gesetzt. Bis März muss das Konsortium einen Investitionsplan einreichen, um bereits zugesagte Subventionen in Höhe von 200 Millionen Euro noch zu erhalten.

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